Zukunft Alter

Pflegenotstand: „Der Kollaps ist längst da!“

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"Inkompetenz von Mitarbeitern scheint für manche Heimträger immer noch besser zu sein als Betten leer stehen zu lassen. Es geht halt dabei um viel Geld."

Gerd Peter ist das, was man einen knallharten Realisten nennt. Der Pflegeexperte und langjährige Chef der Münchenstift GmbH ist bekannt dafür, seine Meinung zu sagen. Unverblümt.

Vor rund zwei Jahren sorgte der 62-Jährige mit seiner Forderung für Wirbel, dass Pflegeheime auch nachts unangemeldet kontrolliert werden sollten. Viele Lobbyisten hörten das nicht gern. Auch sein Vorschlag, alle Häuser müssten die Ergebnisse der Heimkontrollen veröffentlichen, brachte ihm nicht nur Sympathien. Peter, der seit gut 14 Jahren die zwölf Münchenstift-Häuser mit ihren 2000 Angestellten leitet, blieb seinem Motto dennoch treu: „Probleme müssen angesprochen – und dann behoben werden.“

Und die Probleme in der Pflege werden immer mehr: Obwohl die Zahl der Alten rasant zunimmt, fehlt es schon jetzt an qualifiziertem Fachpersonal. Obwohl die Kosten für Pflegebedürftige ständig steigen, nimmt die Qualität der Versorgung vielerorts ab. Die tz sprach mit Gerd Peter über die Entwicklung der Altenversorgung und darüber, was alles auf uns zukommt:

Herr Peter, Kenner sprechen derzeit von immer größeren Problemen bei der Versorgung alter Mitbürger. Stehen wir kurz vor einem Pflege-Kollaps?

Gerd Peter:Wir sind längst mittendrin – wenn auch mit regional unterschiedlichen Auswirkungen. Die Situation in München ist noch vergleichsweise gut. Das hat auch etwas mit der Kommunalpolitik und Heimaufsicht hier zu tun. Trotzdem können wir auch bei uns den Bedarf mit guten Pflegefach- und Pflegehilfskräften aus München und Bayern nicht mehr decken. Wenn wir aber unser Personal künftig nur noch in anderen Ländern finden können, dann ist am System etwas faul.

Sie zahlen für gutes Personal eine Kopfgeldprämie von 1000 Euro. Kann man nur so an Pfleger kommen?

Gerd Peter:Personalgewinnung hat viele Facetten. Unsere Prämie „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ – den Begriff Kopfgeld finde ich unpassend – ist vielleicht für die Pflege neu. Sie ist aber nur ein Baustein unserer Bemühungen die Fachkraftquote, die bei uns knapp 55 Prozent beträgt, weiter zu erhöhen. Zusätzlich stellen wir jedes Jahr 60 Auszubildende ein, um unseren Qualitätsansprüchen auch künftig gerecht werden zu können. Ein eigener Mitarbeiterpool und gezielte Nachwuchsförderung runden das Konzept ab. Außerdem: Wir als Münchenstift belohnen die Mitarbeiter der Wohnbereiche, die es schaffen, Bewohner eine Pflegestufe zurückzustufen, weil sie deren Selbstständigkeit erhöhen konnten. Bei der Konkurrenz geht man vielfach den gegenteiligen Weg.

Warum mangelt es so an Pflege-Nachwuchs? Die Branche selbst boomt doch.

Gerd Peter:Was boomt ist das Geschäft, und das wird so weiter gehen. Denn es gibt immer mehr alte Menschen, immer mehr Menschen ohne Familie, immer mehr, wo die Familie keine Möglichkeit hat, Angehörige daheim zu pflegen. Die Branche boomt aber nicht nur, weil wir Deutsche immer älter werden, sondern weil der Gesundheits- und Pflegemarkt schlechte Arbeit zulässt ohne sie zu sanktionieren. Weil Inkompetenz von Mitarbeitern für manche Heimträger immer noch besser zu sein scheint, als Betten leer stehen zu lassen und weil im ambulanten Bereich nicht selten die Meinung gilt, es sieht ja doch keiner, was wirklich passiert.

Bei Missständen wird oft gesagt: Das waren nur Fehler einer einzelnen Person...

Gerd Peter:Mangelernährung, Magensonden, Fixierungen und Wundliegen sind nicht nur das Ergebnis einzelnen Fehlverhaltens, sondern oftmals eine bewusst gewollte Organisation, die dieses geradezu herausfordert. Das darf so nicht weitergehen und hier muss der Staat aus seiner Zuschauerrolle. Unsere Eltern haben ein Recht auf ein würdevolles Lebensende.

Was muss passieren, um endlich mehr Pflegekräfte zu bekommen?

Gerd Peter:Da spielen eine dem Beruf angemessene Bezahlung, eine gute Ausbildung und die gesellschaftliche Anerkennung die entscheidenden Rollen. Aber es muss Chancengleichheit auf dem Pflegemarkt herrschen, Dumpinglöhnen muss ein Riegel vorgeschoben werden. Ich verstehe beispielsweise nicht, dass sich die bayerische Staatsregierung weigert, eine umlagefinanzierte Altenpflegeausbildung einzuführen. Ergebnis dieser Weigerung: Die Ausbildung bleibt weit unter ihren Möglichkeiten, die meisten Träger bilden nicht aus und diejenigen die es tun, zahlen drauf.

Stichwort Politik: Das Thema Altenversorgung scheint da nicht populär zu sein.

Gerd Peter:Außer der Einführung von Betreuungsleistungen für Demenzkranke und finanzieller Verbesserungen im ambulanten Bereich brachte die Reform der Pflegeversicherung nichts, was der Brisanz des Themas auch nur annähernd Rechnung tragen würde. Die Quittung wird sein, dass uns dieses Thema sehr bald mit noch mehr Wucht einholen wird.

Seit Jahren fordern die Bürger mehr Transparenz in Heimen. Warum tut sich nichts?

Gerd Peter:Weil eine Lobby aus Anbietern dies offenbar zu verhindern weiss! Weil die überwiegende Mehrzahl der Heime sich seit Jahren erfolgreich weigert, öffentlich zu machen, wie viel Geld sie einnehmen, wofür sie es ausgeben und was letztlich übrig bleibt, also verdient wird – und in dieser Branche wird viel verdient! Sie weigern sich, ihre qualitativen Erfolge und Misserfolge zu veröffentlichen. Und daran werden die künftigen Schulnoten für Pflegeheime auch nichts ändern. Künftig werden schlechte Heime halt gegen ihre Noten gerichtlich zu Felde ziehen. Deshalb behaupte ich: Auch künftig wird kein schlechtes Heim geschlossen werden. Wie auch? Gerade in ländlichen Regionen gibt es ja vielfach keine Alternativen. 

Jeder Träger behauptet gerne, dass bei ihm im Haus alles perfekt sei. Gibt es das perfekte Pflegeheim überhaupt?

Gerd Peter:Nein, das gibt es nicht und kann es auch nicht geben, wenn rund um die Uhr Menschen mit Menschen zusammentreffen und das in ja nicht immer einfachen Situationen. Da passieren Fehler, teilweise sogar gravierende. Entscheidend ist, wie Heime damit umgehen. Schweigen sie die Fehler tot und sagen, bei uns ist alles bestens, oder, sagen sie ehrlich, wie es ist und vor allem, was sie dagegen tun.

Würden Sie im Alter in ein Pflegeheim gehen?

Gerd Peter:Wenn es sich vermeiden lässt, möchte ich es nicht – weil ich solange wie möglich zuhause bleiben will. Wenn es unvermeidbar wird, dann hoffe ich, dass meine Kinder und meine Frau wissen, wo es für mich passt.

Haben wir in Deutschland ein gesellschaftliches Problem beim Umgang mit den älteren Mitbürgern?

Gerd Peter:Ja, das haben wir. Jugend- und Schönheitswahn sowie eine oberflächliche Spaßgesellschaft sind keine Werte, die eine Gesellschaft tragen können.

Mal ehrlich: Fehlt es wirklich an Geld im Pflege-Kreislauf? Oder kann man – wenn man will – Menschen mit den zur Verfügung stehenden Einnahmen gut versorgen?

Gerd Peter:Solange wir uns über 200 Krankenkassen und nochmals so viele Pflegekassen leisten, solange gesetzlich Versicherte immer noch keine Kopie der Arzt- und Krankenhausrechnungen kriegen müssen und solange schlechte Pflege genauso bezahlt wird, wie gute, scheinen wir genügend Geld zu haben. In der Pflege wird Geld verdient, viel Geld sogar. Nur, es muss bei den alten Menschen in Qualität ankommen. Wenn dies eines Tages nicht mehr möglich wäre, dann würde ich eher Bereiche schließen, als mit schlechter Qualität ein Geschäft auf Kosten der alten Menschen zu betreiben.

Quelle: tz

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