Ins Leben zurück finden

Tumorerkrankungen stehen hinter den Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle der Todesursachenstatistik. Die moderne Medizin kann immer mehr Patienten von ihrem Krebs heilen. Doch auch im Anschluss benötigen die Menschen eine Rehabilitation, um ihr Leben wieder ganz genießen zu können.

Die diagnotischen und therapeutischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Viele Tumoren können derzeit durch eine interdisziplinäre Therapie, bestehend aus Chirurgie, Strahlentherapie und Chemotherapie geheilt werden. Darüber hinaus können die tumorbedingten Beschwerden oft gelindert werden. Das führt zu einer höheren Lebensqualität und auch einer längeren Lebenszeit. Um den bestmöglichen Therapieerfolg zu haben ist nach Ansicht von Prof. Dr. Oliver Rick, Chefarzt der Klinik Reinhardshöhe. einer Fachklinik für Onkologie in Bad Wildungen, eine Intensivierung der Behandlung notwendig, die insbesondere im höheren Lebensalter physische und psychische Nebenwirkungen und Komplikationen verursacht. Aber auch jüngere Patienten sind häufig durch die Folgen der Therapie derartig beeinträchtigt, dass sie ihr bisheriges Leben, vor allem den Beruf, nicht unmittelbar nach Therapieende wieder aufnehmen können.

Zur Beseitigung oder zumindest Verbesserung der Einschränkungen nach einer Krebstherapie gibt es für nahezu jeden Patienten die Möglichkeit, eine Anschlussheilbehandlung (AHB) durchführen zu lassen. Angeregt wird diese Maßnahme durch den Sozialdienst im Krankenhaus oder durch den Hausarzt. Die Kosten für die AHB übernimmt in aller Regel die Rentenversicherung oder, wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, die Krankenkasse.

Therapieassoziierte Nebenwirkungen

In der nachfolgenden Liste finden sich typische therapieassoziierte Funktionsstörungen: 

Beispiele für Funktionsstörungen nach operativer Therapie:
Speiseröhre: Sodbrennen, Verengungen
Magen: Ess- und Ernährungsstörungen, Schwindel, abdominelle Schmerzen, Unterzuckerung
Bauchspeicheldrüse: Stoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Verdauungsstörungen
Dick- und Enddarm: häufige Stuhlfrequenz, Stuhlinkontinenz, imperativer Stuhldrang, künstlicher Darmausgang (Stoma)
Brust / axilläre Lymphknotenentfernung: Lymphödem am Arm und Brustwand, Bewegungsstörungen im Hals-, Schulter- und Armbereich.
Gebärmutter: Inkontinenz, sexuelle Störung, Lymphödem der Beine
Eierstock: Hormonstörungen, vorzeitige Menopause, Lymphödem der Beine
Harnblase: Urostoma, Harnentleerungsstörung, Infektanfälligkeit, Neoblase
Prostata: Inkontinenz, sexuelle Störungen.

Beispiele für Funktionsstörungen nach Strahlentherapie: 
Mundschleimhaut, Speicheldrüsen, Zähne: Entzündungen, offene Stellen (Ulcera), verminderte Speichelproduktion, Mundtrockenheit, Essstörungen, Pilzinfektionen der Mundhöhle, Strahlenkaries, veränderte Mundflora
Verdauungstrakt: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Flüssigkeits- u.Elektrolytverlust, Verdauungsstörungen, Schleimhautentzündungen, Bestrahlungs-proktitis mit häufigen Stuhlentleerungen, imperativem Stuhldrang, Blut- und Schleimabgänge
Lunge: Entzündungen, bindegewebige Einlagerungen (Fibrose), verminderte Sauerstoffaufnahme
Nieren, Blase: Nieren- und Blasenentzündung mit Niereninsuffizienz
Zentralnervensystem : Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Demenz, Schädigung peripherer Nerven, Sehstörungen, Hirnödem
Haut: Strahlendermatis, Pigmentstörungen, bindegewebige Einlagerungen (Fibrose) 

Beispiele für Funktionsstörungen nach Chemotherapie
Peripheres Nervensystem: Polyneuropathie mit Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Fingern und Füßen
Niere: Niereninsuffizienz
Keimdrüsen: Störung der Zeugungsfähigkeit (Fertilitätsstörung), Amenorrhoe, vorzeitige Menopause

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung ist in der Regel ein konservatives Vorgehen, das heisst, dass keine operativen Verfahren zum Einsatz kommen. Die Behandlungsarten im Rahmen der onkologischen Rehabilitation gliedern sich in folgende Bereiche:
1. Medizinische Maßnahmen: ärztlich, krankengymnastisch und physiotherapeutisch, pflegerisch, psychoonkologisch, ergotherapeutisch, diätetisch
2. Schulische Maßnahmen: Vorträge, Seminare, Ernährungsberatung, Stomaberatung und so weiter
3. Berufliche- und soziale Maßnahmen: Sozialberatung zur Unterstützung im Hinblick auf soziale und berufliche Belange
- Ärztliche Behandlung: medizinische Behandlung spezifischer Funktionseinschränkungen, Komplikationen, Festlegung des Therapieplanes, supportive Maßnahmen (Schmerztherapie, Bisphosphonate etc.), Beginn oder Fortsetzung einer tumorspezifischen Therapie, Behandlung von Begleiterkrankungen
- Psychoonkologische Behandlung: Einzeltherapie mit individueller Fragestellung, Gruppentherapie für allgemeine und spezielle Probleme, offene Sprechstunde, Seminare: „Leben nach Krebs“, „Krebs und Sexualität“, Angehörigengespräche, Krisenintervention
- Pflege: Grundpflege und Grundversorgung, Wundversorgung, Medizinische Tätigkeiten (Venenpunktion, Portspülung), Psychosoziale Betreuung, Angehörigenbetreuung
- Krankengymnastik und Physiotherapie: Krankengymnastik / Beckenbodengymnastik, Lymphdrainage, Massage, Heißluft, Elektrotherapie (Mikro-,Kurzwelle), Bewegungstherapie (Frühsport, Nordic walking), Krafttraining (Ergometertraining, Laufband)
-Sozialberatung: Beratung und Einleitung von Maßnahmen hinsichtlich des Berufslebens (stufenweise Wiedereingliederung, Übergangsgeld, Umschulung, etc.), Antragstellung auf Anerkennung einer Rente, GdB, etc. Beantragung sonstiger finanzieller Zuwendungen (z.B. Krebshilfe), Beantragung einer Pflegestufe, Organisation der häuslichen Versorgung (z.B. Pflegestation) und vieles mehr.

Die Behandlung im Rahmen der Rehabilitation richtet sich nach den individuellen Beschwerden und Funktionseinschränkungen des Patienten. Im Folgenden werden die häufigsten genannt und gezielte Therapieansätze genannt:
• Reduzierte Leistungsfähigkeit und Abgeschlagenheit: Sportgerätetraining (Ergometer, Laufband) Bewegungstherapie
• Muskel- und/oder Knochenschmerzen: Gymnastik (Einzel, Gruppe, Wirbelsäule, Gelenke) Elektrotherapie (mittelfrequenter Strom) Massage
• Lymphödem Lymphdrainage und Bandagierung (bis zweimal täglich) Gymnastik in der Bandage
• Harn- oder Stuhlinkontinenz: Beratung, Beckenbodengymnastik, Elektrostimulation mit Biofeedback, gegebenenfalls medikamentös
• Strahlendermatitis, Wundheilungsstörung: Wundversorgung und Hautpflege
• Kribbeln oder Taubheitsgefühl der Hände und oder der Füße: Reizstrom (Mikro- oder Kurzwelle), Ergotherapie mit stimulierenden Medien (Rapps, Igelball)
• Denk- und/oder Konzentrationsstörungen: Ergotherapie (Gedächtnis und Konzentrationstraining)
• Emotionale Verstimmungen, reaktive Depression: Mobilisierende Maßnahmen (Bewegungstherapie, Ergometertraining), Psychologische Betreuung, selten medizinische Behandlung notwendig
• Sexualstörungen: Beratung, Medikamentöse Therapie, Psychologische Betreuung
•  Verdauungsstörungen, Stoma: Ernährungsberatung, Stomaberatung, medikamentöse Behandlung einer Verdauungsstörung
• Wundheilungsstörungen: Wundpflege
• Gewichtsverlust: Ernährungsberatung und hochkalorische Ernährung, Zusatzernährung

In zahlreichen Studien und Untersuchungen konnte die Wirksamkeit einer krankengymnastisch und sporttherapeutisch ausgerichteten Rehabilitation gezeigt werden. Im Hinblick auf die individuelle Beschwerdeproblematik und unter Verwendung der genannten therapeutischen Möglichkeiten können die meisten Folgen der Erkrankung oder der Tumortherapie günstig beeinflusst werden. Insbesondere subjektive Beeinträchtigungen, wie Zukunftsängste, Störungen der Körperwahrnehmung, Leistungsminderung und Antriebslosigkeit lassen sich bei nahezu allen Patientinnen deutlich bessern. Darüber hinaus können körperliche Beschwerden zum Beispiel hinsichtlich eines Lymphödems und der Schulter-Arm Verspannung bei zwei Drittel der Patientinnen verbessert und die Funktionsfähigkeit des Armes optimiert oder zumindest erhalten werden.

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