Pflegekritiker Claus Fussek im tz-Interview

Sozialexperte fordert: Kameras in Pflegeheime!

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Die Heimbewohnerin muss von der Pflegekraft gefüttert werden.

München - Schlecht versorgte Bewohner, zu wenig Personal, teure Heimkosten: Seit Jahren prangert der Münchner Sozialexperte Claus Fussek (61) die Missstände in der Pflege an.

Mit gutem Grund: Steigt die Zahl der Pflegebedürftigen durch den demografischen Wandel im Land doch jährlich: Knapp 350 000 Menschen sind derzeit in Bayern pflegebedürftig (im Jahre 2004 waren es noch 300.000), die Zahl der Pflegekräfte hingegen sinkt (Studie zeigt: In München fehlen 7000 Pfleger).

Auf diese Entwicklung weist Fussek immer wieder lautstark hin. Für seine offene Kritik bekam er unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, vor Kurzem nun in Frankfurt den Deutschen Fairness Preis 2014. tz-Redakteur Armin Geier sprach mit Deutschlands bekanntestem Pflegekritiker über die Zustände in Pflegeheimen, über Verbesserungen und über Kameraüberwachung:

Herr Fussek, hat sich die Situation in der Pflege in den vergangenen Jahren verbessert?

Claus Fussek: Nein, leider nicht. Ich erhalte täglich weiterhin verzweifelte Hilferufe von Pflegekräften und Angehörigen.

Was sind die Klagen? 

Claus Fussek: Chronischer Personalmangel, überforderte Pflegekräfte, Sprachprobleme, aber auch das Problem der Gleichgültigkeit. Es kann und darf nicht sein, dass selbst Auszubildende und Schüler in vielen Heimen ohne Anleitung alleingelassen werden.

Was müsste sich ändern, um die Lage für die Heimbewohner zu verbessern?

Claus Fussek: Wir brauchen in allen Heimen endlich mehr Ehrlichkeit, ein Klima des angstfreien Arbeitens, der gegenseitigen Wertschätzung von Mitarbeitern und Angehörigen. Hospizkultur, regelmäßige Fort- und Weiterbildung, psychologische und seelsorgerische Beratung und Begleitung von allem Mitarbeitern und Angehörigen durch Sozialpädagogen und Psychologen. Außerdem fände ich es eine gute Idee, man würde in manchen Pflegezimmern Kameras installieren.

Kameras? Sie meinen, um zu überwachen?

Claus Fussek: Überwachen klingt zu negativ. Nennen wir es Beobachtung – zur Unterstützung des Personals. Und es geht darum, den Angehörigen die Angst vor einer schlechten Versorgung ihrer Liebsten zu nehmen. Eine Kamera könnte dies lösen.

Weil Fehler überprüfbar wären!

Claus Fussek: Ja, auch. Es ginge nicht darum, Orwell zu spielen, sondern die Kameras würden eine sofortige Offenheit erzielen. Das täte der ganzen Pflege gut. Und es geht, das ist wichtig, auch nicht um alle Zimmer, sondern um die Räume, wo sturzgefährdete, unruhige und auch sterbende Menschen liegen.

Die Pflegekräfte werden es ungern hören, dass Sie sie während der Arbeit filmen möchten.

Claus Fussek: Sicher? Ich kenne einige Pfleger, die diese Idee gut finden. Es geht mir ja besonders um die Nachtschichten.

Wäre ein Installieren von Kameras juristisch möglich?

Claus Fussek: In den Zimmern der Angehörigen meines Wissens schon. Mit deren Einverständnis und dem der Einrichtung. Hier müsste auch die Politik reagieren und die gesetzlichen Möglichkeiten schaffen. Selbstverständlich ist uns klar, dass dies laut Justizministerium „ein schwerwiegender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht ist, der unter Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips aber möglich ist“.

Die Datenschützer werden zudem Sturm laufen …

Claus Fussek: Vielleicht. Aber mit den Aufzeichnungen ließe sich auch belegen, dass bei einem Fehler das Personal beispielsweise völlig überlastet war – ihn oder sie somit gar keine Schuld trifft. Weil zum Beispiel die Nachtschicht wieder mal unterbesetzt war. Diese Überwachung muss somit dem Personal nicht schaden. Im Gegenteil: Die meisten Pflegekräfte leisten gute Arbeit. So könnte man gleich sehen, wo der Fehler im System liegt, wenn es zu Missständen kommt. Beispiel Fixierungen: Die Pflegekraft fixiert ja nicht, weil ihr das Spaß macht, sondern weil zu wenig Personal da ist, um auf den Patienten aufzupassen. Bei sturzgefährdeten Menschen wäre eine installierte Anlage wie ein Frühwarnsystem. Es gibt also viele Vorteile.

Sie werfen der Politik vor, zu wenig zu tun. Welchen Personen trauen Sie zu, etwas zu verändern?

Claus Fussek: Ehrlich gesagt: Mir fällt niemand ein, der bereit ist, endlich auch mal unangemeldete Besuche in Pflegeheimen zu machen.

Sind die Kontrollen zu lasch?

Claus Fussek: Ja. Seien wir ehrlich: Bei Missständen im Tierheim wäre die Empörung größer. Die alten Menschen haben, genauso wie die Pflegekräfte, keine Lobby.

Missstände: Der Fall St. Josef

Ein Pfleger zerrt einen alten Mann gewaltsam aus dem Bett, andere Bewohner haben Blutergüsse, wie wenn sie misshandelt worden wären: Der Skandal im Münchner Pflegeheim St. Josef Anfang Mai dieses Jahres schockierte die ganze Stadt (tz berichtete).

Das Pflegeheim St. Josef geriet Anfang Mai in die Schlagzeilen.

Aufgedeckt hatte ihn ein RTL-Team um den Journalisten Günter Wallraff – und das eben mit versteckter Kamera. Eine junge Reporterin hatte sich als Praktikantin in dem Haus am Luise-Kiesselbach-Platz anstellen lassen – und dann heimlich die Kamera installiert. Unter anderem wurde auch eine Pflegerin erwischt, wie sie eine aus dem Bett gefallene Seniorin amüsiert mit ihrem Handy fotografierte. Münchenstift-Chef Siegfried Benker entließ daraufhin Teile der Leitung. In einem tz-Interview sagte er zu den Filmaufnahmen: „Ich finde es grenzwertig, pflegebedürftige Menschen ungefragt in diesen intimen Situationen öffentlich zu zeigen.“

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