GAU im Gehirn: So kämpfen Ärtze um Patienten 

Warum Münchner bei Schlaganfall gute Überlebenschancen haben

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Hilfe unter Hochdruck: Die Spezialisten behandeln einen Schlaganfall-Patienten.

München - Im Kampf gegen die Volkskrankheit Schlaganfall zählt jede Minute. Die Überlebens- und Heilungschancen der Patienten hängen entscheidend davon ab, dass die Rettungskette perfekt funktioniert. So funktioniert der Notfallplan:

Die Rettungskette beginnt bereits mit einem beherzten Handeln der Betroffenen bzw. der Ersthelfer und sollte nahtlos in eine professionelle Akutversorgung in der Klinik übergehen. Dafür gibt es Spezialeinheiten mit einem ausgeklügelten Notfallplan. Wie er funktioniert, dokumentiert die tz auf dieser Doppelseite.

Der große Schlaganfall-Report

Schreckensszenario Schlaganfall: Der GAU im Gehirn ist neben dem Herzinfarkt die meist gefürchtete Gefäßerkrankung. Kein Wunder, denn immer mehr Menschen kommen mit dem Problem schlagartig in Berührung – im schlimmsten Fall selbst, aber oft auch in der Familie, im Freundes- oder im Kollegenkreis. Inzwischen erwischt es allein in Deutschland etwa 270 000 Menschen pro Jahr, und Experten-Prognosen zufolge dürften es noch mehr werden. Eine Entwicklung, die vor allem dem Alterungsprozess unserer Gesellschaft geschuldet ist: Denn bei etwa 80 Prozent der Schlaganfälle sind die Patienten jenseits der 60.

Auch jüngere Menschen sind vor der Erkrankung nicht gefeit, wie der tragische Tod des Sängers Roger Cicero mit 45 Jahren gezeigt hat (tz berichtete). Unabhängig vom Alter sind die Folgen des Schlaganfalls leider oft ähnlich dramatisch: 30 Prozent der Betroffenen sterben daran, damit ist er die dritthäufigste Todesursache nach dem Herzinfarkt und Krebserkrankungen. 50 Prozent der Schlaganfallpatienten tragen bleibende Schäden von unterschiedlichem Ausmaß davon. „In Deutschland leben eine Million Menschen mit einer entsprechenden Behinderung“, weiß der Neurologe Dr. Dennis Dietrich, Oberarzt im städtischen Klinikum Harlaching.

Zugegeben: Die Zahlen klingen allesamt ernüchternd, doch es gibt auch ermutigende Nachrichten im Kampf gegen die Volkskrankheit: So gelingt es der modernen Hochleistungsmedizin, sich bei der Akutversorgung der Patienten immer besser zu organisieren. Gerade im Großraum München ist das Netzwerk für den Notfall eng geknüpft. „Hier wird fast jeder frische Schlaganfall von einem Spezialistenteam behandelt“, berichtet Dr. Dietrich. Der englische Fachbegriff lautet Stroke Units, was übersetzt soviel bedeutet wie Schlaganfall-Spezialeinheiten. Für ihre Arbeit gibt es eine Art goldene Regel: „Je früher wir eingreifen können, desto größer sind die Überlebens- und Heilungschancen unserer Patienten“, betont Dr. Dietrich.

Dabei setzen die Schlaganfall-Profis neben der bewährten Medikamenten­therapie (Fachbegriff: Lyse) auch auf hochinnovative technische Verfahren. „In manchen Fällen können wir das Blutgerinnsel, das die Hirnarterie blockiert, mit Hilfe eines sogenannten Stent-Retrievers entfernen“, berichtet Professor Gernot Schulte-Altedorneburg, der die Behandlungsmethode am Harlachinger Klinikum miteingeführt hat. „Dabei handelt es sich um ein System aus dünnen Kunststoffschläuchchen, die durch die Leiste bis ins Gehirn geschoben werden. An der Spitze befindet sich ein Stent-ähnliches Drahtgeflecht, in dem sich das Blutgerinnsel verfängt. Dann wird es über Kunststoffschläuche abtransportiert, so dass die Durchblutung des Gehirns wieder funktioniert.“

Von der modernen Behandlungs-Kombi aus Medikamenten und Stent-Retriever hat auch die Münchnerin Wiltrud Schöx (80) profitiert (siehe Artikel rechts oben). Von ihrem schweren Schlaganfall konnte sie sich binnen weniger Wochen vollständig erholen. „Ich spüre heute keinerlei Einschränkungen mehr.“

So arbeiten die Spezialeinheiten

Wenn das Gehirn nicht mehr ausreichend durchblutet wird, sterben Zellen – und je länger die Versorgungs-Blockade andauert, desto mehr Gewebe geht zu Grunde. „Deshalb ist unser gesamtes Behandlungskonzept auf Zeitersparnis ausgelegt“, erläutert Dr. Dennis Dietrich, Oberarzt im Harlachinger Krankenhaus. Die dort angesiedelte Stroke Unit ist eine traditionsreiche Adresse: Als erste Schlaganfall-Spezialeinheit in Deutschland gegründet, gilt sie als Wiege eines Erfolgsmodells. Heute gibt es in München sechs solcher Anlaufsstellen.

Die Stroke Units sind Herzstücke einer professionalisierten Rettungskette. Sie beginnt damit, dass die allermeisten Sanka-Besatzungen im Erkennen von Schlaganfall-Symptomen trainiert sind. Sie geben ihren Verdacht an die Rettungsleitstelle weiter. Diese lotst den Sanka zu einer der nächst gelegenen Stroke Units, die zuvor freie Plätze gemeldet haben.

Dr. Dennis Dietrich (l.) und Professor Gernot Schulte-Altedorneburg analysieren die CT-Bilder.

Wenn der Patient dort eintrifft, steht schon ein Spezialistenteam bereit. Es arbeitet einen minutiös festgelegten Maßnahmenkatalog ab. Dazu gehört immer eine Computertomographie (CT) des Schädels. Damit können die Experten zum einen feststellen, ob tatsächlich ein Schlaganfall vorliegt. Zudem sehen sie, um welche Form es sich handelt. In 80 Prozent der Fälle hat ein Blutgerinnsel eine Hirnarterie verschlossen, diese Mangeldurchblutung heißt in der Fachsprache Ischämie. In 20 Prozent der Fälle ist der Schlaganfall aus einem gerissenen Blutgefäß heraus entstanden, dann spricht man von einer Hirnblutung.

Nach der klassischen CT können Ärzte weitere Spezialuntersuchungen in der „Röhre“ vornehmen. So lässt sich bei einer CT-Angiographie per Kontrastmittel die genaue Lage des Blutgerinnsels lokalisieren. In einigen Fällen wird dann zusätzlich noch eine CT-Perfusion durchgeführt. Sie erlaubt Rückschlüsse darüber, wieviel Hirngewebe geschädigt bzw. noch zu retten ist.

Aus Zeitgründen muss bei all diesen Untersuchungsschritten jeder Handgriff sitzen. „Unser Ziel ist es, dass bereits 20 Minuten nach Eintreffen des Patienten der Behandlungsplan steht“, erklärt Dr. Dietrich. Diese Door-to-Needle-Time, so die englische Fachbezeichnung in den Stroke Units, soll möglichst nicht überschritten werden. Door heißt übersetzt Tür, Needle bedeutet Nadel – und davon ist in diesem Zusammenhang die Rede, weil dem Patienten bei einem akuten ischämischen Schlaganfall sehr häufig blutverdünnende Medikamente gespritzt werden.

„Wir Ärzte sprechen von einer Lysetherapie. Sie ist nach wie vor der wichtigste Behandlungsschritt bei der Akutversorgung eines Schlaganfalls“, sagt Dr. Dietrich. Lyse kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Auflösen. Dabei erhält der Patient zunächst eine schnelle Infusion und hängt dann noch eine weitere Stunde am Tropf. Später werden die Patienten auf einer Spezialstation (Harlaching hat 13 Akut-Betten) überwacht. „Dabei geht es auch darum, weitere Schlaganfälle zu verhindern.“

Die Crux bei der Lyse-Therapie: Sie ist nur innerhalb der ersten viereinhalb Stunden nach einem frischen Schlaganfall zugelassen. Der Grund: „Je länger man mit der Lyse-Therapie wartet, desto geringer ist der Nutzen und desto höher das Risiko einer Einblutung“, so Dr. Dietrich. Konkret bedeutet dies: Wenn die Patienten zu lange mit dem Gang zum Arzt bzw. mit dem Notruf zögern, können die Ärzte praktisch nur noch die Symptome und Folgen des Schlaganfalls behandeln.

„Genau hier liegt leider ein großes Problem“, weiß Dr. Dietrich. „Sehr viele Schlaganfälle werden zunächst nicht erkannt. Nur 50 Prozent der Patienten rufen überhaupt den Rettungsdienst. Viele berichten hinterher, sie hätten erst mal abwarten wollen, ob die Symptome sich wieder bessern. Doch diese Entscheidung kann fatale Folgen haben!“

Professionelle Hilfe können die Patienten rund um die Uhr erhalten, an 365 Tagen im Jahr. Dr. Dietrich: „Bei Alarmsignalen für einen Schlaganfall gibt es nur eine Devise: sofort in die Klinik – lieber einmal zu viel als zu wenig!“

Zusammenbruch in der Küche: Seniorin aus Solln erzählt ihre dramatische Geschichte

Hier zogen die Ärzte das Blutgerinnsel aus ­Wil­trud Schöx’ Kopf.

Wiltrud Schöx fehlen nur ein paar Augenblicke in ihrem Leben – aber die waren dramatische: Eben noch stand sie voller Tatendrang in der Küche, um das Frühstück herzurichten. Doch dann verlor sie schlagartig das Bewusstein. Als die 80-Jährige aufwachte, fand sie sich auf dem Boden wieder. Ihr Schädel dröhnte. „Ich muss mit dem Hinterkopf auf den Mülleimer geschlagen sein“, erzählt die Seniorin aus Solln. „Ich habe versucht, mich am Spülbecken hochzuziehen – vergeblich. Also bin ich in Richtung Wohnzimmer gekrabbelt und habe nach meinem Mann gerufen.“ Rupert Schöx (85) erkannte sofort: Das könnte ein Schlaganfall sein. Er wählte den Notruf, kurz darauf war der Sanka da.

In der Harlachinger Stroke Unit bestätigte sich der Verdacht: In Wiltrud Schöx’ Herzen hatte sich ein Blutgerinnsel gebildet – verursacht von Vorhofflimmern, einer Herzrhythmusstörung. Das Gerinnsel wanderte ins Gehirn und blockierte, wie sich bei den CT-Untersuchungen herauskristallisierte, die mittlere Hirnarterie. Die Symptome passten zur Diagnose: hängender Mundwinkel, Gefühls- und Koordinationsstörungen der linken Körperhälfte.

Die Ärzte entschieden sich für eine Behandlung mit dem Stent-Retriever, zogen das Blutgerinnsel mit einem Hightech-Katheterschlauch durch die Leiste aus dem Gehirn. Nur eine gute Stunde nach ihrer Einlieferung ins Klinikum war die Behandlung erfolgreich abgeschlossen. „Der Arzt hat gestrahlt wie ein Maikäfer“, erinnert sich die Patientin. Und sie selbst kann auch wieder lachen: „Es ist nichts zurückgeblieben!“

Die fünf klassischen Alarmsignale: Woran Sie einen Schlaganfall erkennen können

1 Plötzlich einsetzende Sehverschlechterung, halbseitig verlorene Wahrnehmung oder Doppelbilder.

2 Sprachstörung und Sprachverständnisstörung, „verwaschene Sprache“, einseitig hängender Mundwinkel.

3 Plötzliche Lähmung oder Schwäche einer Körperhälfte, eines Beines oder nur einer Hand oder eines Fußes.

4 Störung der Empfindung (Gefühlsstörung), zum Beispiel Taubheit einer Körperhälfte inklusive des Gesichts oder nur eines Armes oder Beines (meist ohne Schmerzen).

5 Plötzliche Gangunsicherheit, Schwankschwindel („wie auf einem Schiff“), fehlender Gleichgewichtssinn oder ­Ko­ordinationsstörungen.

(Quelle: Städtisches Klinikum Harlaching)

Andreas Beez

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