Warum viele Nackenschmerzen bekommen

Das fiese Zähneknirschen: Experte im Interview

München - Viele Menschen knirschen nachts mit den Zähnen. Was jedoch viele nicht wissen – der Zahnarzt allein ist nicht der richtige Ansprechpartner. Die tz sprach mit einem Experten.

Nachts, wenn alles schläft, sind bei vielen Menschen die Zähne hellwach: Dann wandern die Sorgen und der Stress des Tages vom Kopf in den Mund. Es ist nachgewiesen, dass das Beißen, Drücken und Knirschen mit den Zähnen die Stresshormone Adrenalin und Cortisol im Blut senkt. Die Mediziner sprechen von Bruxismus, der häufig erst dem Zahnarzt auffällt, weil der Zahnschmelz übermäßig abgerieben ist. Doch etwa jeder zehnte Bundesbürger, der mit den Zähnen knirscht, bekommt irgendwann Schmerzen – im Kiefergelenk oder in der Halswirbelsäule. Das Phänomen wird als CMD bezeichnet – craniomandibuläre Dysfunktion (Cranium = Schädel, Mandibula = Unterkiefer). Drei von 100 Menschen suchen deshalb einen Arzt auf. Was jedoch viele nicht wissen – der Zahnarzt allein ist nicht der richtige Ansprechpartner. Die tz sprach mit dem Allgemeinarzt und Professor für Osteopathie Dr. Dietmar Daichendt aus München über die beste Behandlung. Er hat gerade den Auftrag erhalten, Leitlinien zur Behandlung dieser häufigen, aber noch wenig erforschten Erkrankung zu erstellen.

S. Stockmann

Was sind die ersten Symptome für Bruxismus und eine CMD?

Professor Dr. Dietmar Daichendt: Man wacht nicht richtig erholt und mit Schmerzen auf. Das Zähneknirschen und -pressen kann sich dahingehend äußern, dass man mit einem Druckgefühl im Bereich der Schläfen erwacht, oder mit Schmerzen im Bereich der Kaumuskeln. Von einer CMD sprechen wir erst, wenn es zu einer Kiefergelenksschädigung oder einem Schmerzsyndrom im Rückenbereich kommt, das sich allerdings auch als starker Kopfschmerz oder sogar mit Schwindel äußern kann. Wenn ich mit einem verspannten Nacken oder Rücken aufwache, liegt der Verdacht auf CMD nahe. Zu dieser craniomandibulären Dysfunktion kommt es bei den Menschen, deren Kiefergelenksköpfchen beim Knirschen nach hinten oder nach hinten oben rutscht. Es drückt dann in der Kiefergelenksgrube auf eine sehr empfindliche Nervenzone. Wenn diese ständig gereizt wird, senden die Nerven Informationen an das Rückenmark, und es kommt zu Verspannungen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Daichendt: Das hängt natürlich vom Zustand der Zähne und vom eigenen Leidensdruck ab. Der kann allerdings sehr groß werden: Bei der CMD verspannt die Muskuellatur an der Schädelbasis und der Halswirbelsäule, die sich unter Umständen sogar geradestellt wie bei einem Schleudertrauma. Es kommt zu weiteren Muskelverspannungen bis in den Brust- und Lendenwirbelbereich, ja sogar der Faszien und Gelenke im Kreuzbeinbereich. Im schlimmsten Fall entstehen Bandscheibenvorfälle, häufig zuerst an der Halswirbelsäule. Nachteilig ist auch, wenn die Kiefergelenke zu knacken beginnen. In der Kiefergelenksgrube befindet sich der Diskus, den man mit dem Meniskus im Knie vergleichen kann. Das Knacken bedeutet, dass dieser Diskus beim Öffnen und Schließen des Mundes vom Kiefergelenksköpfchen geschleift und nach und nach zerstört wird. Es kann zu einer sehr schmerzhaften Arthrose im Kiefergelenk kommen, die bisher kaum zu behandeln ist.

Helfen Bruxismus-Schienen?

Daichendt: Die Schienen können sehr gut helfen, allerdings kommt es sehr darauf an, wie sie angefertigt werden. Meiner Meinung nach wird der Patient nur optimal behandelt werden, wenn Zahnärzte und manuelle Mediziner, z. B. Osteopathen, zusammenarbeiten. Das ist ein Teil des Forschungsgebiets meiner Professur. Die Hälfte der Betroffenen braucht eine Schiene, um in erster Linie die Zähne zu schützen. Doch wer aus Stress knirscht, hat oft eine Blockierung der Halswirbelsäulengelenke, die sich wiederum in einem verschobenen Biss niederschlägt. Fertigt der Zahnarzt bei einem verspannten Patienten eine Schiene an, dann wird das Problem nicht behoben: Denn der Patient wird mit der Schiene jede Nacht wieder in seinen verspannten Biss zurückgedrängt. Daher sollten diese Patienten, bevor eine Schiene erstellt wird, zum ärztlichen Osteopathen gehen, um eine eventuelle Blockierung der Halswirbelsäule zu lösen.

Manipulationen an der Halswirbelsäule gelten als riskant!

Daichendt: Nur wenn vorher nicht die richtige Diagnostik gemacht wird, und daher rate ich ja auch zum ärztlichen Osteopathen. Bei einem von 100 000 Menschen hat die Wirbelarterie, die das Kleinhirn mit Blut versorgt, eine Vorschädigung. Wird das nicht erkannt, kann der Behandler einen Schlaganfall auslösen. Daher untersuchen wir die Arterie vor der Osteopathie mit Ultraschall. Ärztliche Osteopathen werden in dieser Diagnostik ausgebildet. Ohne diese Vordiagnostik sollte, bei entsprechender Symptomatik, keine Manipulation an der Halswirbelsäule erfolgen. Bei anderen Grunderkrankungen sollte eine Röntgenaufnahme der Halswirbelsäule der Behandlung vorgeschaltet werden.

Es ist also das Ziel, den Patienten entspannt zum Zahnarzt zu schicken?

Daichendt: Genau, sonst bekommt er unter Umständen eine Schiene, die ihm mehr schadet als nutzt. Allerdings betrifft das nur die eine Hälfte der Patienten, bei denen der Biss, wir sprechen von der Okklusion, normalerweise stimmt. Die andere Hälfte braucht eine Schiene, die den Biss ein wenig verschiebt. Denn die Patienten drücken ja beim Knirschen in der Nacht zu stark nach hinten, und auch das kann durch eine Schiene geändert werden. Da reicht es, die Zahnreihe um einige Mikrometer zu verschieben. Diese sogenannten Positionierungsschienen können allerdings wieder zu neuen Verspannungen und Schmerzen führen. Daher müssen diese Patienten zwar nicht vorher, aber während der Behandlung durch den Zahnarzt vom Osteopathen betreut werden.

Wie sind die Aussichten der Behandlung?

Daichendt: Ich empfehle ausschließlich Unterkieferschienen, weil sich die deutlich besser tragen lassen und daher auch häufiger getragen werden. Wenn die Schiene sorgfältig gefertigt wurde, können die Patienten beschwerdefrei werden. Wenn sie mindestens sechs Wochen ohne Beschwerden sind, kann man versuchen, die Schiene wegzulassen. Doch nicht selten verschiebt sich der Biss dann wieder, und die Beschwerden kommen zurück. Es ist möglich, den Biss mithilfe von kieferorthopädischen Maßnahmen auf Dauer zu verändern. Die Positionierungsschiene dient dafür als Generalprobe. Ich rate dringend ab, gleich eine Zahnumstellung vorzunehmen, wie es leider immer noch oft geschieht. Da werden Zähne mit Füllungen höher gemacht oder abgeschliffen. Diese Zahnumstellungen sind oft sehr teuer, und schaden unter Umständen mehr als sie nutzen. Gelegentlich ist es sehr sinnvoll, dass die Patienten Methoden erlernen, wie sie ihren Stress bewältigen z. B. mit autogenem Training oder einem Sportprogramm.

Wie ist die Zusammenarbeit von Osteopathen und Zahnärzten?

Daichendt: Dringend verbesserungsbedürftig. Leider denken viele Zahnärzte und auch viele Osteopathen, dass sie dieses Krankheitsbild allein erfolgreich behandeln können. Ich bin mir aber ganz sicher, dass der Schlüssel zum Erfolg in der Zusammenarbeit liegt. Daher brauchen wir auch unbedingt diese wissenschaftliche Leitlinie zur Behandlung, einfach weil zwei unterschiedliche Kompentenzbereiche, die sonst eigentlich keine Berührungspunkte haben, miteinander arbeiten sollen.

Professor Dietmar Daichendt ...

... ist Allgemeinarzt und ärztlicher Osteopath, Lehrbeauftrager der Ludwig-Maximilians-Universität in München und wurde hier auf die erste deutsche Professur in Osteopathie und Manuelle Medizin berufen. Vor drei Wochen wurde er auch von der Steinbeis-Hochschule in Berlin zum Professor für Osteopathische- und Manuelle Medizin ernannt. Diese Professur ist mit einem Forschungsauftrag zur Behandlung der CMD verbunden. Daichendt ist Inhaber der privatärztlichen Praxisklinik an der Isar, Telefon: 089 / 55 05 22 20; Infos: www.praxisklinik-isar.de.

Kleine Ursache, große Wirkung

Der Kiefermuskel ist einer der stärksten Muskeln des Menschen. Beim nächtlichen Knirschen und Beißen können zeitweise ein Druck von mehreren Hundert Kilo auf den Zähnen lasten.

Von diesem Bruxismus sind doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen. Meist sind die Patienten zwischen 18 und 45 Jahre alt – die Lebensspanne, in der wir dem höchsten Erwartungsdruck standhalten und in Beruf und Familie den größten Stress aushalten müssen. Bei der Deutschen Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie (www.dgco.de) können Adressen qualifizierter ärztlicher Osteopathen und von Zahnärzten mit gnathologischer Qualifikation (Lehre von funktionellen Erkrankungen des Kauapparates) erfragt werden.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Susanne Stockmann

Susanne Stockmann

E-Mail:Susanne.Stockmann@tz.de

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