Was haben die Japaner wirklich vor?

Ohne Harpune auf Waljagd

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Solche Bilder sorgten in der Vergangenheit immer wieder für Fassungslosigkeit.

Tokio - Die japanische Walfangflotte ist in die Antarktis ausgelaufen. Doch diesmal sind die Harpunen daheim geblieben. Was steckt dahinter?

Zum ersten Mal seit 18 Jahren sollen keine Wale getötet werden – sondern die Meeressäuger sollen drei Monate lang beobachtet und einige Gewebeproben entnommen werden. Das berüchtigte Fabrikschiff Nisshin Maru soll zwar nachkommen – allerdings nur, um die Besatzung zu versorgen. Diese Forschungsreise ist eine einzige Provokation; warum das erklärt die Biologin Sandra Altherr von der Münchner Organisation Pro Wildlife im Interview.

Im Nordpazifik schlachten die Japaner weiter Wale, in der Antarktis machen sie Whalewatching – verstehen Sie die Japaner?

Dr. Sandra Altherr: Die Japaner sind auf ihre Art manchmal sehr korrekt. Sie akzeptieren das Urteil des Internationalen Gerichtshofs vom April 2014, nach dem ihr tödliches Forschungsprogramm nicht akzeptabel ist. Das Forschungsprogramm wurde umbenannt und umgestaltet, zukünftig sollen statt über 900 Wale bis zu 333 Tiere geschlachtet werden.

Hat das Urteil nicht den Walfang im Schutzgebiet verboten?

Altherr: Nein, das ist sehr viel komplizierter. Es wäre Aufgabe der Internationalen Walfangkommission das Schlupfloch Walfang zu Forschungszwecken zu verbieten. Die Richter in Den Haag haben den Japanern erklärt, dass Forschung den Walen nutzen muss. Das ist nicht gewährleistet, wenn dafür fast 1000 Tiere sterben sollen. Das akzeptieren die Japaner, sie werden ihr neues Forschungsprogramm im Mai wieder dem IWC-Wissenschaftsausschuss vorlegen und dann im nächsten Jahr auch in der Antarktis wieder Wale töten.

Die IWC wird das Programm dann einfach abnicken?

Altherr: Das wird spannend, denn der bisher zuständige Wissenschaftsausschuss, der tatsächlich nur abgenickt hat, ist eigentlich nicht mehr zuständig. Die Walfangkommission hat eine Resolution verabschiedet, nach der die Japaner ihre tödliche Forschung nun von der allgemeinen Tagung genehmigen lassen müssen. Diese Resolution jedoch erkennen die Japaner nicht an. Daher ist die diesjährige Fahrt auch eine Warnung an alle Länder: Seht her, wir bleiben aktiv in der Antarktis. Wir geben nicht auf.

Muss man befürchten, dass Wale mit Sendern markiert werden, damit sie nächstes Jahr getötet werden können?

Altherr: Das kann man nicht unterstellen. Generell müssen die Japaner, um ihre tödliche Forschung zu rechtfertigen, mehr nicht tödliche Forschung betreiben. Dafür werden dieses Jahr eben Daten gesammelt.

Warum bleibt die Waljagd im Nordpazifik erlaubt?

Altherr: Weil dagegen noch niemand geklagt hat. Australien und Neuseeland haben viel Geld in den Prozess für den Walschutz in der Antarktis-Schutzzone investiert. Das Urteil von Den Haag bezog sich ausschließlich auf die Antarktis. Auch wenn die Forschung im Nordpazifik genau die gleichen Rahmenbedingungen hat, war sie nicht Teil des Gerichtsurteils. Und daher fühlt sich Japan dort auch gar nicht gegängelt. Nach der letzten Statistik von 2013 wurden im Nordpazifik 100 Seiwale, 95 Zwergwale, 28 Brydewale und ein Pottwal getötet. Und während die Tiere in der Antarktis in diesem Jahr eine Verschnaufpause haben, geht die blutige Jagd im Nordpazifik weiter. Insgesamt ist das eine unglaubliche Provokation der Japaner gegenüber der Weltöffentlichkeit.

Interview: sus

Statt Ergebnisse gibt’s nur Sushi

Seit 25 Jahren töten die Japaner Wale zu Forschungszwecken – für die erste Studie JARPA von 1987 bis 2005 starben über 6700 Zwergwale. Für die noch laufende Studie JARPA II haben bisher etwa 3600 dieser Wale ihr Leben gelassen. Die Japaner sagen, sie müssen Wale töten, um anhand der Ohren das genaue Alter der Tiere zu bestimmen, den Mageninhalt zu untersuchen und den Blubber genau zu analysieren. Ein Gutachter vor Gericht in Den Haag kam jedoch zu dem Schluss, dass keines der JARPA-Ergebnisse einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Wale geliefert hat. So konnte im Rahmen von JARPA weder das genaue Verbreitungsgebiet der Wale noch ihre allgemeine Lebenserwartung bestimmt werden. Auch für die noch laufende Studie gibt es bisher keine wichtigen Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Um die tödliche Forschung zu rechtfertigen, verweist Japan darauf, dass nicht tödliche Forschung sehr teuer und unpraktikabel sei. Das gibt einen Hinweis, warum am liebsten Zwergwale erforscht werden: Ihr Fleisch gilt als besonders schmackhaft und verkauft sich am besten: Sushi statt Studienergebnisse.

Leben lieben. Aiderbichl. Michael Aufhauser

Überall wird getäuscht

Das Verhalten der Japaner ist schwer nachvollziehbar. Ein Land, das auf Exporte und damit auch auf Sympathie in der Welt angewiesen ist, zeigt sich in Bezug auf den Walfang starrsinnig und uneinsichtig. Ist den Politikern nicht klar, dass ihre grauenvolle Jagd auf die bedrohten Meeressäuger nicht ohne Imageschaden bleibt?

So viel Gräuel, obwohl der Walfang sich wirtschaftlich gar nicht lohnt: Das erjagte Fleisch muss tiefgefroren werden, weil die Absätze in Japan stark rückläufig sind. Die japanische Regierung fördert den Walfang jährlich mit zehn Millionen Dollar Steuergeldern. Subventionen für Tierleid – das ist in der Weltgemeinschaft ein Dauerthema.

Angesichts globaler Umweltsünden fällt es allerdings schwer, ausschließlich mit dem Finger auf die Japaner zu zeigen. Fast jedes Land der Erde ist wissentlich Umweltsünder, in großem oder in kleinem Stil. Als gäbe es keine zukünftigen Generationen auf diesem Planeten. Für die Antarktis gilt: Nach dem Den Haager Urteil verzichtet die japanische Walfangflotte darauf, 2015 dort Wale zu töten. Alles andere rund um die Walfangproblematik wird ausgesessen.

Wo kein Kläger, da kein Richter und kein Urteil für den Nordpazifik. Eine solch fadenscheinige Vorgehensweise funktionierte schon für die Langstrecken-Tiertransporte in der EU. Vordergründig gab es zeitliche Beschränkungen, bei genauem Hinsehen waren diese Beschränkungen dehnbar. Qualvolle Langstreckentransporte gibt es immer noch. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Eindruck entstanden, es sei nicht mehr so schlimm wie früher.

Aussitzen, das ist eine populäre Variante in diesen Zeiten. Bei so vielen Horrormeldungen in den Nachrichten bleibt die dezidierte Auseinandersetzung mit wichtigen Themen auf der Strecke. Wir lassen uns gerne oberflächlich beruhigen, nächstes Thema. Das klappt gut. Grausamkeiten in der Putenhaltung? Nicht behoben, doch die Menschen erinnern sich daran, dass die Politik sich damit befasst hatte. Entwarnung bei den Tierversuchen? Ja klar, die Kosmetikindustrie darf keine mehr vornehmen, also alles in Butter. Die Wahrheit ist, dass mehr Versuchstiere denn je ihr Leben lassen müssen. Doch die Hintergründe und Fakten dazu sind diffizil und bedürfen längerer Erklärungen. Wer liest noch über die Schlagzeilen hinaus? Hinterfragt vermeintliche Fakten? Keine Zeit, denn der nächste Skandal wartet schon.

Das ist ein guter Nährboden für Täuschungsmanöver, Tricksereien und Betrug. Im Kleinen sind es die Produkte aus der Massentierhaltung. Sie werden mit Verpackungen verkauft, die Wärme und Natur vermitteln. Im Großen ist es die allgegenwärtige profitorientierte Ausbeutung der Natur, die regelmäßig politisch legitimiert wird.

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