Erste Hilfe nach Unfällen und Beißereien

Tiermedizin: Wenn jede Minute zählt

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Gut verpflastert – ein Hund beim Erste-Hilfe-Kurs mit seinem Besitzer.

München - Was tun, wenn das Haustier sich bei Unfällen oder Beißereien Verletzungen zuzieht? Wir geben hier die wichtigsten Tipps.

Chihuahua Hugo ist ein süßer Kerl, der keine Furcht kennt – nicht einmal vor Tieren, die viel größer sind als er. Vor kurzem kam er nach einer Beißerei in die Tierklinik Ismaning. Ein anderer Hund hatte Hugo am Brustkorb gepackt und geschüttelt. Von außen sahen die Verletzungen bis auf zwei kleinere Löcher in der Haut, die von dem Biss rührten, nicht schlimm aus. Allerdings war beim Atmen ein pfeifendes Geräusch zu hören.

Hugo hat die Beißerei gut überstanden.

Bei der Untersuchung durch Oberärztin Dr. Sarah Kany zeigte sich, dass nicht nur die äußere Haut, sondern auch der Brustkorb perforiert und infolge dessen die Lunge kollabiert war. Kurz darauf, während der Operation, setzten Atmung und Herzschlag aus – Hugo war klinisch tot! Bei geöffnetem Brustkorb führte Dr. Sarah Kany eine Herzdruckmassage durch, injizierte außerdem Adrenalin direkt ins das Organ. „Hugos Glück war es, dass er sofort mit seinen Besitzern in die Ambulanz gekommen war“, sagt sie. „Ob ein Hund nach einem Unfall, einer Beißerei oder bei einer Vergiftung überlebt, hängt in hohem Maß davon ab, wie schnell die Besitzer reagieren“, ergänzt Dr. Klaus Zahn, Gründer der Tierklinik. „Blutet das Tier stark oder  wirkt es mitgenommen, sollte es der Mensch unverzüglich zum Tierarzt bringen.“

Mit dem Anruf in der nächsten Praxis ist es nicht getan. Falls der Hund unter Schock steht oder unter starken Schmerzen leidet, müssen die Besitzer Erste Hilfe leisten, bis tierärztliche Hilfe verfügbar ist. „Das Tier muss vor allen Dingen beruhigt werden“, sagt Dr. Klaus Zahn. „Panische Menschen sind das Letzte, was ein verletzter Hund gebrauchen kann. Das gilt auch für Kinder – sie sollten im Zweifelsfall besser weggeschickt werden.“ Knurrt der Hund, wenn sich ihm ein Mensch nähert, sollte der Halter besser Abstand halten und zunächst freundlich auf ihn einreden. Äußerste Vorsicht ist angebracht, wenn der Besitzer seinen verletzten Liebling berührt. Oft schnappt der Vierbeiner in Panik um sich – dies kann zu Bissverletzungen führen.

Manchmal ist eine Operation nötig, um das Tierleben zu retten.

Stark blutende Wunden müssen mit einem Druckverband versorgt werden. Dazu kommt zunächst ein steriles Vlies auf die Wunde, darüber eine aufgerollte Mullbinde, die mit einer weiteren Mullbinde fixiert wird – und zwar mit so hohem Druck, dass die Wunde nicht mehr blutet. Im äußersten Notfall sollten verletzte Pfoten, Beine oder die Rute abgebunden werden. Dies aber immer nur für wenige Minuten, weil der betroffene Körperteil sonst abstirbt, sich außerdem später Embolien bilden können. „Nach spätestens 15 bis 20 Minuten muss der Stauverband gelöst werden“, sagt Dr. Klaus Zahn.

Tiere, die unter schwerem Schock stehen, liegen häufig in Seitenlage. Damit sie nicht an Schleim oder Erbrochenem ersticken, sollte ihr Kopf überstreckt werden. Dazu wendet der Besitzer den Hund auf seine rechte Seite, bringt den Kopf in eine Linie mit der Wirbelsäule und zieht Vorder- und Hinterläufe auseinander. Der Hinterleib sollte etwas höher liegen als die Brust und der Kopf, damit Flüssigkeiten aus dem Maul fließen können. Dafür kann es sinnvoll sein, eine Decke, Jacke oder eine Zeitung unterzulegen. Bei bewusstslosen Hunden sollten die Besitzer vorsichtig das Maul öffnen und die Zunge herausziehen. Achtung: Auch jetzt besteht die Gefahr von Bissverletzungen. Besitzer sollten zunächst vorsichtig prüfen, ob sich das Maul leicht öffnen lässt oder der Kiefer noch unter Spannung steht.

Bei niedrigen Temperaturen braucht der Hund eine Decke, am besten den Thermoschutz aus dem Erste-Hilfe-Koffer. „Für den Transport sollte der schwer verletzte Hund im günstigsten Fall auf einer starren Unterlage liegen“, sagt Dr. Klaus Zahn.

Werden die Verletzungen des Tieres zügig versorgt, ist es in vielen Fällen erstaunlich schnell wieder fit. So auch Chihuahua Hugo: Obwohl sein Leben für einige Minuten am seidenen Faden hing und er im OP an die Beatmungsmaschine angeschlossen wurde, konnte er nach einer Woche wieder nach Hause gehen. Von der dramatischen Beißerei ist ihm heute nichts mehr anzumerken – selbst vor großen Hunden hat er nach wie vor keine Angst.

Achtung Sonne

Am Strand und auf langen Autofahrten droht Hunden ein Hitzschlag oder Sonnenstich. Anders als Menschen können Hunde ihre Körpertemperatur nur übers Hecheln ausgleichen. Hundebesitzer sollten deswegen Sorge tragen, dass ihr Vierbeiner immer die Möglichkeit hat, aus der prallen Sonne in den Schatten auszuweichen. Wirkt der Hund benommen, ist sein Puls schneller als sonst, die Atmung flacher, muss er abgekühlt werden. „Er sollte sofort Wasser zu trinken bekommen, das nicht zu kalt ist”, sagt Dr. Klaus Zahn. „Danach ist es sinnvoll, ihn auf ein feuchtes Handtuch zu legen. Der Hund darf keinesfalls unter eine kalte Dusche! Besser ist es, erst seine Pfoten, dann die Läufe mit einem Waschlappen anzufeuchten. Auch den Nacken und den Kopf können die Besitzer immer wieder vorsichtig mit lauwarmem Wasser benetzen.“ Der Hund sollte außerdem nicht alleine gelassen werden, damit er sofort zum Tierarzt gebracht werden kann, falls sich sein Zustand verschlechtert.

Die Reiseapotheke

Erste Hilfe für den Vierbeiner: Was Sie im Urlaub mit dabeihaben sollten:

- Für die Desinfektion von Wunden: Jodlösung oder Betaisodona

- Behandlung trockener Wunden: Panthenol-Salbe

- Zum Spülen der Augen: Wässrige abgekochte Kochsalzlösung (ein Teelöffel Salz auf einen Liter Wasser), wenn sich Fremdkörper unterm Lid verfangen haben. Die Kochsalzlösung kann auch verwendet werden, um die Ohren zu reinigen.

- Flohhalsband

- Gegen Flöhe: Spot-on-Präparat

- Zeckenzange

- Taschenlampe (mit Batterien), um in die Ohren zu blicken und bei Bedarf die Reaktion der Pupillen zu testen

- Pinzette

- Verbandsmaterial: Sterile Wundgaze, Mullbinden, elastische Binden mit Verschlüssen, Leukoplast, Schere

- Durchfallmittel, beispielsweise Estifor (Wirkstoffe Montmorillonit, Oligofruktose und andere)

- Ein Mittel gegen Erbrechen, beispielsweise Cerenia

- Für Auto- oder Schiffsfahrten: Ein Mittel gegen Erbrechen, beispielsweise Cerenia

- Ein pflanzliches Beruhigungsmittel, beispielsweise Sedarom, Zylkene

- Aktivkohle

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