Verkauft & gekündigt! Greift der Schutz?

Mieter-Angst in Puchheim: Familie soll wegen Eigenbedarfs raus

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Familie Egerer soll aus ihrer Wohnung ausziehen

München - Posse in Puchheim: Die Omega-Gruppe verkauft mehrere Wohnungen, darunter die von Familie Egerer. Weil die neuen Eigentümer einziehen wollen, soll die Familie raus. Trotz Kündigungsschutz, der eigentlich gilt! Jetzt hat die Familie Angst: Stehen die vier bald auf der Straße?

Für Herbert Egerer und seine Frau Daniela (40) wäre das eine Katastrophe. Die beiden sind gerade zum zweiten Mal Eltern geworden. Der kleine Paul ist noch kein halbes Jahr alt, Sohn Niels geht in die erste Klasse. Zu allem Überfluss ist Kfz-Mechaniker Egerer derzeit wegen verletzter Sprunggelenke im Krankenstand.

Die Omega-Gruppe hat in Puchheim rund 50 Wohnungen in Mietshäusern an Privatpersonen verkauft. Die könnten zwar einziehen, die Wohnungen also selbst nutzen, müssten aber zehn Jahre warten.

Für die 70-Quadratmeter-Wohnung zahlen die Egerers 800 Euro warm. „Für den Preis würden wir im Speckgürtel Münchens niemals mehr etwas Vergleichbares finden.“ Doch den neuen Eigentümern scheint das ziemlich egal zu sein. „Wir müssen selbst sehen, wo wir bleiben“, sagt Karin R. (73). „Unsere Wohnung in Unterschleißheim haben wir gekündigt zum Juni nächsten Jahres.“ Das hätten sie und ihr Mann Otto (78) gleich nach der Unterzeichnung des notariellen Kaufvertrags getan. „Wir haben die Wohnung als Altersruhesitz gekauft. Der Makler sagte uns, es sei zwar ein Mieter drinnen, doch der werde ausziehen, notfalls müssten wir ihn halt kündigen“, sagt Karin R. Probleme habe sie da keine gesehen. Die Wohnung selbst übrigens auch nicht, noch nie. Besichtigt haben die Senioren lediglich eine Musterwohnung im selben Mietshaus.
Nicht klar war den Käufern offenbar auch der Umstand, dass das alles nicht so einfach ist – mit der Kündigung. Zwar dürfen die neuen Eigentümer das Mietverhältnis wegen Eigenbedarfs beenden – allerdings erst nach einer Frist von zehn Jahren (­siehe unten). Davon habe ihnen der Makler aber nichts gesagt, sagt die Seniorin. Gewusst habe der jedoch schon, dass das Rentner-Paar einziehen will.

Bereits im September hatten die Egerers Sorgen – damals wurden die insgesamt 50 Wohnungen in drei Hochhäusern verkauft verkauft. Als die tz mit einem Mitarbeiter der Omega-Gruppe sprach, sagte dieser: „Unsere Kaufinteressenten haben die Geldanlage im Fokus. Die Kapitalanleger wollen im Regelfall nicht selbst einziehen.“

Der Mieterverein ist sauer. „Es ist ein Skandal, wie leichtfertig hier mit Menschen umgegangen wird“, sagt Anja Franz. Außerdem sei verwunderlich, dass die neuen Inhaber sich weder für die Rechtslage noch für die Mieter interessieren. „Wenn sie jetzt selbst auf der Straße stehen, sind sie selbst schuld.“ Es wäre die nächste Posse in Puchheim.

So ist die Rechtslage

In Gebieten mit „erhöhtem Wohnbedarf“, zu denen Puchheim gehört, gilt nach dem Gesetz ein so genanntes Umwandlungsverbot. „Das heißt, Mehrfamilien-Mietshäuser dürfen ohne Genehmigung der jeweiligen Gemeinde nicht in Eigentumswohnungen umgewandelt werden“, sagt Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins München. Nach der Genehmigung haben die Mieter noch zehn Jahre lang Schutz vor Eigenbedarfskündigungen. Normalerweise greift dieser Schutz nach dem Gesetz nur drei Jahre lang, aber die allermeisten Gemeinden im Münchner Speckgürtel haben die Frist auf zehn Jahre ausgedehnt – um ein bezahlbares und gemischtes Umfeld zu erhalten.

Susanne Sasse

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