Interview zur Premiere an den Kammerspielen

Der Amoklauf von München wird Theaterstoff

Wie reagieren Menschen auf einen Amoklauf? Dieser Frage geht „Point of no Return“ an den Kammerspielen nach.  

München - Seit gut drei Jahren lebt die israelische Theatermacherin Yael Ronen in Deutschland. Jetzt inszeniert die 40-Jährige erstmals in München, an den Kammerspielen hat ihre Performance „Point of no Return“ Premiere. Dabei geht es um ein aktuelles Thema: den Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Wir trafen Ronen vorab zum Gespräch.

Sie wollten ursprünglich ein Stück über Beziehungen im digitalen Zeitalter machen...

Yael Ronen: Ja, wir hatten schon angefangen, dann kam plötzlich dieser Amoklauf, von dem man erst dachte, es sei ein Terroranschlag. Das übte eine so dramatische Wirkung auf alle aus, dass klar war, wir müssen das Thema wechseln und darüber was machen. Es geht uns in dem Stück um die Frage, wie jeder individuell auf so etwas reagiert, wie er es einordnet.

Wie haben Sie es erlebt?

Yael Ronen: An dem Abend war ich gerade in Berlin und wollte am nächsten Tag zurückfahren nach München. Da riefen mich meine Eltern aus Israel an und meinten, ich sollte erst mal lieber nicht nach München fahren. Ich sagte: „Seid ihr verrückt, erst letzte Woche gab es eine Schießerei ganz in der Nähe eures Hauses und trotzdem habt ihr mir schon die Tickets für meinen nächsten Urlaub in Israel gekauft. Und jetzt meint ihr, ich soll nicht nach München fahren?“ Das ist diese bekannte Realitätsverzerrung, dass man andere Orte immer für gefährlicher hält als den eigenen, auch wenn es eher umgekehrt ist.

Sind nicht manche Formen des heutigen Terrors nur politisch oder religiös verbrämte Amokläufe?

Yael Ronen: Für einige Fälle, die wir in letzter Zeit erlebt haben, könnte das stimmen, weil es eher spontane Aktionen von Einzelnen waren. So als würde der Terror zu einer Art Methode, sein persönliches Unglück auszudrücken. Insgesamt aber glaube ich, dass es schon einen Unterschied zum Amoklauf gibt: Terrorismus ist ein Werkzeug in einem Krieg. Ein Werkzeug für diejenigen, die nicht das Privileg haben, einen „richtigen“ Krieg führen zu können; also letztlich die Taktik derjenigen, die die schwächeren Waffen haben.

Warum erarbeiten Sie den Text immer erst während der Proben zusammen mit den Schauspielern?

Yael Ronen: Na, damit ich nicht so viel schreiben muss. Und um das Problem der Einsamkeit am Schreibtisch zu lösen. Ich bin ein sozialer Mensch, arbeite lieber in der Gruppe, ich schreibe gar nicht gern, ich führe viel lieber Regie. Außerdem ist es besser, wenn mehrere Köpfe beteiligt sind, denn wenn einer mal nicht funktioniert, funktionieren doch die anderen hoffentlich noch.

Und wie läuft das in der Praxis, nachdem Sie ja kein Deutsch sprechen?

Yael Ronen

Yael Ronen: Es gibt Leute, die mir helfen und übersetzen. Von dem deutschen Text, der dann rauskommt, verstehe ich schon das meiste, und manchmal gehe ich einfach auch nach dem Klang eines Wortes. Ich habe sicher ein Gespür für die musikalische Dimension der Sprache, aber mein Schreiben ist trotzdem nicht poetisch, sondern es geht mir um Einfachheit, darum, komplexe Ideen einfach auszudrücken.

Ist das traditionelle Theater anachronistisch?

Yael Ronen: Das  ist  eine Frage der Geografie.

Der Geografie?

Yael Ronen: Ja, der Geografie und des Zeitpunktes: Was in einem bestimmten kulturellen Kontext als sehr fortgeschritten gilt, war anderswo vielleicht schon 20 Jahre früher aktuelles Theater. Nicht jede Form passt überall auf der Welt zur gleichen Zeit. Darum würde ich nicht bestimmte Arten, Theater zu machen, grundsätzlich ablehnen, sondern es kommt immer auf die Umstände an.

Sehen Sie sich als politische Künstlerin?

Yael Ronen: Ich bin ein politischer Mensch, und die politischen Vorgänge beschäftigen mich, aber das Label „politische Kunst“ möchte ich mir nicht anheften. Politik ist nicht meine einzige Motivation, und ich glaube, es ist auch nicht die einzige Aufgabe von Kunst, politisch zu sein. Wenn man aus Israel kommt, ist es keine persönliche Vorliebe, sich um Politik zu kümmern, sondern man ist dazu gezwungen. So findet Politik natürlich den Weg in meine Arbeit, aber ich glaube, dass Theater mehr ist als nur politisch.

Aus welchem Grund kamen Sie nach Deutschland?

Yael Ronen: Das ist ganz simpel: Ich wurde vom Gorki-Theater in Berlin eingeladen, dort zu arbeiten, und ich dachte, nachher würde ich wieder gehen. Aber dann hat sich mein Leben in einer  Weise verändert, dass es  für  mich sinnvoller war dazubleiben. Mir wurde erst nach etwa zwei Jahren bewusst, dass ich quasi eingewandert bin.

Ist Deutschland ein guter Platz für zeitgenössisches Theater?

Yael Ronen: Jetzt, wo wir sehen, wie London durch den Brexit abgekoppelt wird, könnte Deutschland und Berlin das kulturelle Zentrum Europas werden. Gerade Berlin wirkt sehr international und kosmopolitisch. Wenn Deutschland klug genug ist, seine Offenheit zu bewahren und nicht diesem neuen Virus von Nationalismus und Abschottung zu erliegen, kann es ein sehr aufregender Ort bleiben, nicht nur für das Theater, sondern für die Kunst überhaupt. Ich glaube ohnehin, eine der besten Ideen, Deutschland nach dem Krieg neu zu erfinden und quasi zu reinigen, war die Kulturförderung. Diese Investition ist immens erfolgreich, denn das Aufblühen der Kultur hat sowohl das Image Deutschlands in der Welt als auch sein Selbstverständnis entscheidend geheilt, wenn man es so nennen kann.

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