TV-Auftritt bei Sandra Maischberger

Bruder von Amok-Opfer: Schockierender Erlebnisbericht

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Arbnor Seghasi (li.) war am Mittwochabend bei Sandra Maischberger zu Gast.

Vor nicht einmal drei Monaten verlor Arbnor Segashi beim Amoklauf am OEZ seine Schwester Armela. Bei Sandra Maischberger sprach der 21-Jährige am Mittwochabend über den schrecklichen Verlust.

Den 22. Juli 2016 wird Arbnor Segashi niemals vergessen. Beim Amoklauf von Ali David S. († 18) am Olympiaeinkaufszentrum starb seine 14-jährige Schwester Armela.

„Ich war mit ihr zuhause. Ich habe sie als Letzter von uns noch gesehen. Sie hat das Haus verlassen und gesagt, dass sie dort (zum McDonalds im OEZ, Anm. d. Red.) hingeht“, erinnert sich der Mittelfeldspieler des FC Pipinsried beim TV-Talk von Sandra Maischberger.

Knapp 30 Minuten später wurde er von einem Freund informiert, er solle nicht ins OEZ gehen, weil dort jemand mit einer Waffe um sich schießt. „Das war für mich ein Schockmoment, weil ich mir in dem Moment sicher war, dass sie dort ist“, sagt Segahsi.

Zuhause hielt den 21-Jährigen nichts mehr. Er machte sich umgehend auf den Weg in den Münchner Norden. Straßensperren durch die Polizei verhinderten aber, dass er sich Gewissheit verschaffen konnte, wie es seiner Schwester geht. „Dann habe ich erst einmal eine Stunde im Auto gesessen und die ganze Zeit versucht, meine Schwester zu erreichen. Ich habe ihr geschrieben, sie angerufen, ihre Freundin, mit der sie unterwegs war und die auch gestorben ist, aber keine Antwort erhalten.“

Was folgte, war eine zwölfstündige Odyssee durch München. Er fuhr alle Krankenhäuser und Polizeistationen ab, teilweise sogar mehrmals. „Anfangs war so viel los mit Notrufen, dass gar keine Informationen heraus gekommen sind. Aber ich konnte auch nicht einfach Ruhe geben. Es ging ja schließlich um meine Schwester“, erinnert er sich an die Suche nach Armela.

Im Morgengrauen keimte dann noch einmal Hoffnung auf, dass es für ihn und seine Familie doch noch zu einem guten Ende kommen könnte. „Da war ich dann bei der letzten Polizeistation in München. Dort habe ich dann noch einmal meine Lage geschildert und gesagt, dass ich jetzt wirklich wissen muss, was Sache ist“, beschreibt er seine Verzweiflung. „Ich habe mitbekommen, dass die Liste der Toten schon fest steht und der Name meiner Schwester nicht draufsteht. Das hat man mir gesagt. Man hat mir auch versichert, dass die Liste jetzt vollständig ist und keine weiteren Toten mehr kommen werden.“

Segashi griff selbstverständlich sofort zum Telefon, rief seinen Vater an, um seine sich sorgenden Eltern zuhause zu informieren. „Ich wollte ihm gerade die gute Nachricht überbringen. Er hat dann gemeint, ich solle nach Hause kommen, weil alles vorbei ist.“

Die Euphorie wich dann wieder der Skepsis. Auf dem Weg nach Hause sei ihm nicht klar gewesen, ob seine Schwester ihn dort empfange oder die Nachricht, sie wäre tot. Als er klingelte, öffnete ein Polizist die Tür. Im Flur standen weitere Beamte, Psychologen und Sanitäter. „Ich wusste es, als ich drin war“, beschreibt er den Augenblick, als ihm klar wurde, seine Schwester war unter den Opfern. „Ich konnte gar nicht trauern. Den Moment kann ich nicht beschreiben. Ich bin reingekommen und habe meine Mutter gesehen, wie ich sie davor noch nie erlebt habe.“

Die traurige Situation im Haus der Segashis machte offenbar auch den Beamten zu schaffen. Dass seine Schwester nicht mehr am Leben war, wurde ihm nie bestätigt. „Mir hat bis heute keiner gesagt, deine Schwester ist gestorben. Die Situation hat für sich selbst gesprochen.“

Armela wurde im Kosovo beigesetzt. Während seine Eltern noch vier Wochen in der Heimat trauerten, reiste Arbnor sofort zurück nach München: „Ich bin mit Absicht vorher gekommen, weil ich wusste, wenn wir zusammen kommen, trifft uns dieser Schock, dass sie wirklich nicht mehr da ist, alle auf einmal. Wenn ich aber früher da bin, habe ich gedacht, dass ich vielleicht etwas schneller damit klar komme, um meinen Eltern eine Stütze zu sein.“

Seine Eltern und seine Schwester haben sich psychologische Unterstützung gesucht. Arbnor selbst hat davon bisher noch keinen Gebrauch gemacht. „Ich muss sagen, dass uns Freunde und Familie sehr gut unterstützen und ich der Meinung bin, dass ich momentan noch keine psychologische Hilfe brauchte beziehungsweise haben möchte“, sagt Segashi.

Ebenso bewundernswert wie seine unglaubliche Kraft und Reife sind auch seine Gedanken über die Tat. „Klar habe ich mich gefragt, warum sie? Das fragt sich wahrscheinlich jeder Betroffene“, sagt der 21-Jährige. „Ich bin nicht so, dass ich mir Fragen stelle, bei denen ich weiß, dass es keine Antwort gibt, die mich zufrieden stellt. Selbst wenn es eine Antwort gibt, ändert es nichts an der Situation, die wir jetzt zuhause haben.“

Trotz des schweren Verlustes für ihn und seine Familie zeigt Segashi sogar Mitgefühl für die Familie von Täter Ali David S.: „Irgendwann stellt man sich schon die Frage, wie es denen wohl geht. Das Problem bei den Familien der Täter ist, dass sie ein Familienmitglied, aber gleichzeitig auch die Akzeptanz von der Gesellschaft oder ihrem Umfeld verloren haben.“

Quelle: fussball-vorort.de

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