Die Krimi-Autorin im Interview

Charlotte Link: „Jeder kann ein Held werden“

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Charlotte Link.

München - Sie hat eine Gesamtauflage von mehr als 20 Millionen Büchern. Nun ist Charlotte Link auf Lesereise und machte auch in München Halt. Unsere Zeitung sprach mit der Krimi-Autorin über ihr neues Buch „Die Entscheidung“.

Das Erste, was bei Charlotte Link (53) auffällt, sind die strahlenden Augen. Und so jemand schreibt Krimis, lotet die Abgründe der Menschen aus? Die Bestseller­autorin (Gesamtauflage über 20 Millionen) ist auf Lesereise und signierte im Hugendubel ihr neuestes Buch „Die Entscheidung“ (Blanvalet, 577 S, 20 Euro). Wir trafen Link.

Beim Schreiben verarbeiten Sie eigene Erlebnisse. Wie bewusst ist Ihnen, während Sie etwas erleben, dass Sie darüber schreiben werden?

Charlotte Link: Sagen wir einmal so: Der Gedanke, dass ich schreibe, begleitet mich immer. Bei negativen Erlebnissen kann es eine große Hilfe sein. So negativ es auch ist, gibt es etwas Positives, weil man es ja verwenden kann. Man stellt sich neben sich und analysiert das Erlebte.

Wurde es Ihnen schon einmal von jemandem vorgeworfen, dass Sie gemeinsam Erlebtes verarbeiten?

Link: Manchmal fragen mich Leute, ob ich sie gerade seziere. Aber ich habe noch nie Menschen eins zu eins in meinen Büchern beschrieben.

Eine Ausnahme dürfte es geben: Sie haben 2014 ein Buch geschrieben über den Tod Ihrer Schwester.

Link: Ja, da gab es gar nichts Gutes. Natürlich gewinnt man aus allem Erkenntnisse, aber der Preis ist viel zu hoch.

Während der sechs Jahre, die Sie Ihre Schwester bis zum Tod begleitet haben – hatten Sie da im Kopf, dass Sie darüber schreiben werden?

Link: Nein, überhaupt nicht. Ich habe erst eineinhalb Jahre nach ihrem Tod damit angefangen. Eigentlich wollte ich mich gleich in die Arbeit stürzen, einen Krimi schreiben. Ich musste aber immer wieder abbrechen. Es ging nicht, ich spürte, dass es jetzt einfach um etwas anderes ging.

Wie haben Ihre Leser dieses Buch aufgenommen?

Link: Es war überwältigend. Weniger die Tatsache, dass es auf Platz zwei der Spiegel-Sachbuchbestsellerliste kam. Vielmehr waren es die vielen Briefe, die ich von Lesern bekam, die mir ihre Erfahrungen mit Krankheit und Tod schrieben. Es tat gut, zu spüren, dass ich nicht alleine war mit diesen Erlebnissen.

Charlotte Link: Hilflosigkeit spiegelt sich in „Die Entscheidung“ wider

Hat sich das Buch auf Ihren Schreibstil ausgewirkt?

Link: Natürlich wirkt sich alles, was man erlebt, auf das Schreiben aus. Was sich besonders im neuen Buch „Die Entscheidung“ widerspiegelt, ist diese Hilflosigkeit, die wir auch gegenüber der Krankheit meiner Schwester gespürt haben. Die Hauptfigur, Simon, ist total ausgeliefert. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt.

Das klingt ein wenig fatalistisch. Sind Sie so?

Link: Nein. Wir haben bis zuletzt an der Seite meiner Schwester gekämpft. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass man sein Schicksal weitgehend selbst bestimmen kann. Im Buch schafft es Simon auch, aus der Geschichte lebend hervorzukommen. Es gelingt ihm, bisher unbekannte Kräfte freizusetzen.

Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht …

Link: Dann werden oft ganz normale Menschen zu Helden, von denen man es vielleicht nie gedacht hätte.

Sie nutzen bei Ihren Romanen aktuelle Themen. Müssen Sie sie dann oft korrigieren?

Link: Ja, vor allem bei der Entscheidung. Die Handlung spielt in Frankreich. Ich war schon fast fertig, als die Anschläge in Paris verübt wurden. Das ganze Land hat sich von einem Tag auf den anderen verändert. Da musste ich das Buch angleichen.

Meistens verbindet man die Provence mit Sonne und Helligkeit. Bei „Die Entscheidung“ ist es trüb …

Link: Wir haben ein Haus in der Provence. Die Sommer sind da wirklich hell und sonnig, aber im Winter kann es ganz düster werden. Da ist dann alles braun in braun. Die Häuser, die Erde, die kahlen Weinfelder. Und es ist kalt. Ich wollte auch einmal diese Seite des Südens beschreiben. Wenn ich depressiv werden sollte, dann in der Provence im Winter (lacht).

Antonio Seidemann

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