„Ich bin in manchen Dingen schüchtern“

Constanze Lindner im tz-Interview: Wirbelwind mit tausend Gesichtern

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„Ich bin eigentlich ein Ensembletierchen“, Constanze Lindner im tz-Interview über ihre Solotätigkeit.

München - Die quirlige Kabarettistin Constanze Lindner ist ein echtes Energiebündel: Ab April startet sie mit ihrem zweiten Solo-Programm. Dietz hat sich mit ihr am Gärtnerplatz getroffen.

Sie ist ein Energiebündel und eine waschechte Münchnerin: Constanze Lindner moderiert fürs Fernsehen, tritt in Musicals auf, spielt Theater, macht Kabarett und hat gerade ihr zweites Solo-Programm Jetzt erst mal für immer! zusammengestellt. Damit feiert sie am 6. April in der Lach- und Schießgesellschaft Premiere. Wir trafen die quirlige Kabarettistin in ihrem Lieblingscafé Pini im Gärtnerplatzviertel.

Haben Sie nicht manchmal Angst, sich zu verzetteln?

Constanze Lindner: Am Anfang habe ich mir nie Gedanken gemacht, was da kommt. Ich habe schon noch diese Leichtigkeit, aber es ist dennoch zu einem Beruf geworden. Da ist es nicht gut, wenn man 16 offene Baustellen hat.

Der Schwerpunkt liegt jetzt aber beim Solo-Kabarett?

Lindner: Es hat eine Weile gedauert, mich zu entscheiden. Ich bin eigentlich ein Ensembletierchen. Alle sagen immer: Ja die Constanze super, immer auf die zwölf! Aber ich bin in manchen Dingen tatsächlich schüchtern. Die Figuren aber nicht. Ich stehe nicht alleine auf der Bühne, die sind dabei. Da ist die Oma, die Cordula, die Figuren, die mich seit Jahren begleiten.

Waren Sie bereits als Kind so bühnenaffin und beredt?

Lindner: Sie meinen die Rampensauqualität (lacht). Klar. Ich bin ein Scheidungskind. Ich war recht frech und habe immer eine große Klappe gehabt, war auch immer der Klassenclown. Wahrscheinlich war es meine Art, die Situation mit der Scheidung zu überspielen. Am Anfang wollte ich Schauspielerin werden, dann kam die Schlagerphase (als Hilde Gard, die Red.). Ich hatte schon lustige Jobs. Einmal saß ich acht Stunden als Meerjungfrau auf einem Tisch und habe Blub Blub gesagt, während um mich herum Leute Austern schlurften.

Sie waren doch auch beim Varieté?

Lindner: Ja, beim Varieté Spectaculum in der Drehleier. Da habe ich den Christian Springer kennengelernt, der hat mich dem Helmut Schleich vorgestellt. Da haben sich ein paar Türen geöffnet.

Herrn Schleich macht wie Sie Typenkabarett. Schielt man da auch mal so rüber?

Lindner: Nee. Ich denke, jeder macht einfach das, was er am besten kann. Es hat sich halt bei mir herausgestellt, dass ich sehr vielseitig bin im Umsetzen von Figuren.

Wie entstehen diese?

Lindner: Die Cordula, zum Beispiel, ist eine ganz liebe Freundin von mir geworden. Die geht eigentlich auf einen ehemaligen Mitarbeiter von mir in einer Boutique zurück. Der war schwul und hatte Liebeskummer. Ganz schrecklich. Ich habe mir im Laden Pappnase eine Brille besorgt und künstliche Zähne und habe Kundin gespielt, um ihn aufzuheitern. So wurde Cordula geboren.

Erschrecken Sie manchmal, wenn Sie sehen, wie viel von Ihnen in der Figur steckt?

Lindner: Ja, aber ich würde es nie zugeben (lacht). Es ist auch so, dass die Figuren auf der Bühne ein Eigenleben entwickeln. Da will dann die Oma gar nicht von der Bühne runter. Da denke ich manchmal dann als Constanze: Jetzt ist genug, jetzt muss die von der Bühne … Das ist schon ein wenig schizophren.

Sie beweisen viel Mut zur Hässlichkeit.

Lindner: Die Cordula sieht nicht, dass sie für viele schrecklich aussieht. Sie trägt eine Mütze, weil man das jetzt so hat als Erkennungszeichen.

Sind Ihre Klassiker beim neuen Programm dabei?

Lindner: Ja. Einige haben sich ein wenig verändert. Die Wally ist eine Fee, die Marion eine Fee mit einem Dreiwünsche-Staatsexamen und zuständig für die Region Oberbayern.

Worum geht es da?

Lindner: Es geht um Wünsche. Bei mir ist eine Fee gestrandet, die mir drei Wünsche gegeben hat. Zwei sind schon weg auf dumme Art und Weise. Ein Wunsch ist also noch übrig. Ich bin schon sehr gespannt. Ich bin auch wegen der Preise aufgeregt. Ich habe den Thurn-und-Taxis-Preis und jetzt den Bayerischen Kabarettpreis bekommen. Habe so ein wenig die Sorge, ob ich dem auch gerecht werde.

Sie meinen, Sie könnten sich vor lauter Erwartungshaltung verstellen?

Lindner: Das wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte. Wenn ich eins hasse, dann sind es Menschen, die nicht authentisch sind. Da kann ich nicht mit umgehen.

Die Frage ist ja auch, wie lange man es durchhält, wenn man sich verstellt.

Lindner: Klar, ich will das ja in zehn Jahren noch machen. Ich habe ein grandioses Team um mich herum. Der Alex Liegl, der Michi Altinger, beide helfen mir beim Schreiben, die Gabi Rothmüller macht Regie. Ich habe mit denen schon so viel zusammen gespielt, dass die mich ganz genau kennen. Ich bin oft zu schnell, dann muss mich Gabi bremsen.

Sind Sie nervös vor Auftritten?

Lindner: Am Anfang haben mich Kollegen gewarnt, es gäbe schreckliche Abende. Manchmal gehen die Leute, und du hast nach der Pause nur ein Drittel des Publikums da. Zum Glück ist es mir bisher nicht passiert. In Augsburg habe ich einen Abend erlebt, da kam die ganze Zeit nichts vom Publikum. Und dann waren sie plötzlich hysterisch, haben getobt.

Da darf man sich wohl nicht aus dem Konzept bringen lassen …

Lindner: Ich kenne das vom Theaterspiel. Samstags kommt die Ehegattin mit ihrem Mann. Sie will Kultur, er will Fußball schauen, ist schlecht drauf, und wenn es ihr auch nicht gefällt, ist der Abend ohnehin dahin. Das überträgt sich.

Was ist Ihre Lieblingsrolle im Theater?

Lindner: Ich mag’s, wenn es ein bisschen blöd ist (lacht). Da fühle ich mich am wohlsten. Ich bin im lustigen Fach zu Hause. Es würde mich aber reizen, mal etwas Ernstes zu spielen. Einfach um zu sehen, wie sich das anfühlt.

Sie machen auch Theater für Kinder, etwa bei der Kuh, die ins Kino wollte. Was ist da besonders?

Lindner: Jaaa, ich spiele die Kuh, und danach kommen die Kinder auf die Bühne und knuddeln. Die sehen ja nicht den Schauspieler, die sehen die Kuh. Da gibt es wunderbare Momente, wenn so ein Kind kommt, dich drückt und sagt, dass es dich lieb hat. Neulich brachte mir ein Kind in einer Serviette ein Geschenk mit. Das war Gras. Da ist man total geflasht. Es ist unglaublich, was Kinder dir an Emotionen geben. Lustig ist es auch, wenn ich mich als Kuh vor dem Metzger hinter einem Schild verstecke. Der Metzger fragt dann, wo die Kuh ist, und die Kinder schicken ihn natürlich in eine ganz andere Richtung. Aber manchmal sind welche dabei, die dann schreien: Hinterm Schild! Da denke ich mir oft: Was aus denen wohl später wird, Serienkiller (lacht)?

Das Interview führte Antonio Seidemann

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