Medientage in München

Die Klicks – und die Realität

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ZDF-Moderatorin Dunja Hayali eröffnete die Medientage mit einer vielbeachteten Rede.  

München - Die Debatte um die Zukunft des Journalismus im Internetzeitalter bestimmte die Eröffnung der Medientage

Manchmal fühlt sich ein Landesvater doch für das eine oder andere verantwortlich, was in seinem Land passiert. Und so schämte sich Horst Seehofer sozusagen persönlich für die Panne, die bei der Eröffnung der Münchner Medientage für Erheiterung sorgte. Eigentlich sollte zum Jubiläum ein Einspieler 30 Jahre Medientage Revue passieren lassen, doch der Bildschirm blieb schwarz – was Seehofer in seiner Begrüßung dazu veranlasste, anzukündigen, man werde wohl eine wochenlange Therapie benötigen, um dieses Versagen zu verarbeiten, dessen Zeugin ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel geworden sei. Die Kanzlerin, die zum ersten Mal an dem Kongress teilnahm, tröstete unter dem Gelächter des Publikums in der Messe München: „Bayern braucht an seinem Selbstbewusstsein nicht zu zweifeln.“

Die Bereitschaft, über auf dem Podium Gesagtes zu schmunzeln, nahm mit der Dauer der Veranstaltung allerdings ab, was zum einen daran gelegen haben mag, dass die Macher allzu viel hineingepackt hatten. Statt der traditionellen Elefantenrunde mit den wichtigsten Senderchefs und Medienmanagern gab es gleich drei Talks mit wechselnden Teilnehmern, dazu zwei einführende Referate – Kabarettist Django Asül, der am Ende den „Rausschmeißer“ machen sollte, hatte damit kaum noch Arbeit angesichts fast leerer Reihen.

Zum anderen, so könnte man vermuten, haben Medienschaffende, allen voran Journalisten, nicht viel zu lachen angesichts der Diskussionen um die Glaubwürdigkeit der „Mainstreampresse“. Bei Dunja Hayali, die den Nachmittag (Motto: „Wie das Ich die Medien steuert“) moderierte, reichte es immerhin zu Galgenhumor. Sie hätte die Anwesenden auch als „Lügenpresse“ und „links-grün versifftes Medienpack“ begrüßen können, wies Hayali sofort den Weg mitten hinein in die Debatte.

Merkel nahm den Faden auf und warnte in ihrer Eröffnungsrede davor, dass Menschen in den Sozialen Netzwerken nur noch das lesen, was ihre eigenen Auffassungen bestätige oder ihnen von Gleichgesinnten empfohlen werde: „Das ist eine Entwicklung, die wir genau beobachten müssen.“ Dies bedrohe die für die Demokratie unerlässliche Fähigkeit, sich auch mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. „Solche Mechanismen, wenn sie nicht transparent sind, können zur Verzerrung der Wahrnehmung führen und den Blickwinkel verengen.“

Wie sehr das Internet die Medienlandschaft auf den Kopf gestellt hat, erläuterte anschaulich Armin Wolf, „ZiB“-Moderator und stellvertretender Chefredakteur des ORF, in seiner Rede. Heutzutage könne jeder sein eigenes Medium betreiben. Und wer gehört werden wolle, müsse auffallen. „Die beste Nachricht ist heute nicht mehr die, die möglichst nah an der Realität ist, sondern die, die die meisten Klicks bringt.“ Wolf appellierte an die Medienmacher, das Internet nicht aufzugeben, sondern die Nutzer auf diesem Weg zu seriösem Journalismus zu führen. Wenn es stimme, dass Social Media die Demokratie hacke, müsse die Reaktion darauf sein, dann eben Social Media zu hacken, so Wolf.

Für Funk, das junge Angebot der ARD, scheint der Weg dahin noch weit zu sein, wie Programmgeschäftsführer Florian Hager andeutete. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, so Hager über das Programm des öffentlich-rechtlichen Kanals, das ausschließlich im Netz verbreitet wird. Noch immer auf das klassische Fernsehen setzt dagegen Wolfgang Link, Chef von Pro Sieben-Sat.1. Man wolle bei der Fragmentierung des Publikums nicht nur zusehen, sondern sie aktiv mitgestalten, sagte Link, dessen Senderfamilie mit Kanälen wie Sixx, Sat.1 Gold, Pro Sieben Maxx oder Kabel eins Doku in den vergangenen Jahren mehrere neue Mitglieder bekommen hat. Noch immer könne man die Jungen für dieses Medium begeistern, das zeigten Erfolgsformate wie „Germany’s next Topmodel“, dessen Folgen unabhängig vom Ausstrahlungstermin auch per Video millionenfach abgerufen würden.

Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), hatte zuvor die Strategie seines Senders erläutert, sich nicht mehr getrennt nach dem jeweiligen Medium wie Radio, Fernsehen und Internet zu organisieren, sondern nach Inhalten, die über die verschiedenen Ausspielwege verbreitet würden. Es gelte, die Balance zu halten zwischen personalisierten Angeboten und der Grundversorgung für alle.

Im Talk der Senderchefs kam es an diesem Nachmittag auch das einzige Mal zum Ausbruch des alten Konflikts zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privatsendern, der die Münchner Medientage über viele Jahre prägte. Nicht nur, dass Pro-Sieben-Sat.1-Vorstandsmitglied Conrad Albert den BR-Chef aufforderte, auf Werbung im Programm zu verzichten, er machte auch keinen Hehl aus seiner Sympathie für die von Horst Seehofer jüngst geforderte Zusammenlegung von ARD und ZDF. Eine solche Entscheidung müsse von 16 Länderparlamenten gebilligt werden, und nach einer 16:0-Zustimmung für Seehofers Vorschlag sehe es nicht aus, erwiderte Wilhelm. Und wenigstens er konnte dabei lächeln.

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