Giesinger Brauerei

„Wie lange will uns die Stadt diskriminieren?“

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Zehn Jahre, elf Sorten Bier: Giesinger Bräu Steffen Marx in seiner Brauerei in Obergiesing.

Nach zehn Jahren harter Arbeit hat sich die Giesinger Brauerei etabliert – und möchte endlich auf den Viktualienmarkt.

Vom Hinterhof zur schmucken Braustätte – vor zehn Jahren gründete Steffen Marx die Giesinger Brauerei. Was in einer alten Garage mit 200 Hektolitern jährlich begann, ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte: Marx und seine drei Gesellschafter haben 2014 ihren Neubau samt Bräustüberl an der Martin-Luther-Straße bezogen. Hier beschäftigen sie 31 Mitarbeiter, brauen elf Sorten Bier und stoßen etwa 9000 Hektoliter jährlich aus. Wir sprachen mit Steffen Marx über die Zukunft des Biermarktes, sein Verhältnis zu den sechs großen Münchner Brauereien – und darüber, warum er noch immer nicht auf dem Viktualienmarkt ausschenkt.

Herr Marx, als Sie vor zehn Jahren anfingen, in einer Hinterhof-Garage Bier zu brauen, war das Liebhaberei oder ein wirtschaftliches Unterfangen?

Wir haben uns damals zum Ziel gesetzt, ein Jahr lang durchzuhalten und dann zu entscheiden, ob wir weitermachen. Es hat sich dann sehr schnell gezeigt, dass wir Erfolg haben, auch wenn es acht Jahre lang ein Zuschussgeschäft war.

Der Bierkonsum in Deutschland ist seit Jahren rückläufig...

...bei den großen Brauereien. Die kleinen Marken dagegen sind auf dem Vormarsch. Die Leute wollen Vielfalt und sind bereit, für lokale und regionale Biere Geld auszugeben. Deshalb müssen sich die großen Brauereien auch etwas einfallen lassen. Wir beobachten, dass bei denen der Trend zur kleinen Zweitbrauerei geht. Der Paule zum Beispiel (Paulaner, Anm. d. Red.) hat die Brauerei im Eiswerk, wo er versucht, mit Hopfen- und Malzsorten zu experimentieren. Auch Bitburger hat eine Craftbier-Brauerei.

Werden Sie künftig auch alkoholfreies Bier brauen?

Nein. Unsere Philosophie ist: eine Brauerei macht Alkohol. Leichte Sommergeschichten mit vier Prozent dagegen schon. Auch Spezi oder Kracherl würden wir gern machen. Aber dafür brauchen wir mehr Platz. Wir suchen gerade ein 10 000 Quadratmeter großes Grundstück. Dort wollen wir auch eine Füllerei bauen. Bürgermeister Josef Schmid ist ja bekennender Giesinger-Bräu-Fan. Vielleicht hilft uns das bei der Suche.

Was antworten Sie Leuten, die behaupten, Sie als gebürtiger Thüringer, der in Mecklenburg-Vorpommern aufwuchs, könnten gar kein Bier brauen?

So einen habe ich noch nicht getroffen. Aber natürlich sind die Leute überrascht, wenn sie hören, woher ich stamme. Ich sage dann immer: In München haben sie kein gescheites Bier gebraut, also habe ich beschlossen aus Mecklenburg-Vorpommern nach München auszuwandern, um den Missstand zu beheben (lacht).

Die sechs großen Münchner Brauereien sind im Verein der Münchner Brauereien. Warum sind Sie nicht im Club?

In den Vereins-Statuten heißt es, dass nur die sehr leistungsstarken Brauereien eingeladen werden dürfen. Wären wir in dem Verbund, könnten wir auf der Wiesn ausschenken. Das wollen wir gar nicht. Entscheidend ist aber: Bei städtischen Veranstaltungen und auf dem Viktualienmarkt dürfen auch nur die Brauereien ausschenken, die in dem Pool drin sind. Mal schauen, wie lange uns die Stadt noch diskriminieren möchte. Ich glaube nicht, dass sie das noch lange kann. Auch wir wollen als Münchner Brauer wahrgenommen werden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den sechs großen Münchner Brauereien?

Sehr professionell. Wir werden von denen durchaus beobachtet, aber nicht gepiesackt. Wir kriegen auch mal einen Tipp, wenn es darum geht, wo man noch Kronkorken oder Flaschen bekommt. Wir haben derzeit einen Marktanteil von 0,8 Prozent in München. Ich weiß nicht, wie das Verhältnis ist, wenn wir mal drei Prozent haben. Aber ich glaube, auch das tut den Großen nicht weh. So lange bei denen noch Brauer in den oberen Etagen hocken und nicht nur Kaufleute, wird es wohl keine Probleme geben.

Das Reinheitsgebot feiert 2016 seinen 500. Geburtstag. Zeit, mit diesem Anachronismus aufzuräumen?

Wir brauen traditionelle Biersorten und fahren deshalb sehr gut mit dem Reinheitsgebot. Auch unsere vier experimentellen Sorten wie das „Lemon Drop“ sind nach dem Reinheitsgebot gebraut. Aber ich würde niemals unterschreiben, dass wir uns ewig daran halten. Dafür gibt es viel zu viele tolle Sachen, die man mit Bier verbinden kann. Schokolade zum Beispiel. Ich glaube, irgendwann wird das Reinheitsgebot zumindest modifiziert.

Ihr Weihnachtstrunk entspricht aber nicht dem Reinheitsgebot.

Doch, inzwischen schon. Vor zehn Jahren mussten wir hier noch mit Gewürzen arbeiten. Aber mittlerweile haben die Hopfenzüchter so viele neue Hopfensorten, dass wir allein mit Hopfen das Bier aromatisch gestalten können.

Seit Ihrem Umzug aus Unter- nach Obergiesing 2014 schmeckt Ihr Bier anders.

Besser. Wir haben jetzt längere Lagerzeiten und eine längere Haltbarkeit. Wir füllen nicht mehr von Hand ab, sondern automatisch. Dadurch kommt kein Sauerstoff in die Flasche. Sauerstoff ist schlecht fürs Bier.

Sie sind neben Augustiner und der Perlacher Brauerei die einzige Privatbrauerei in der Stadt. Würden Sie sich von einem Braukonzern schlucken lassen, wenn der nur genügend Geld bietet?

Nein, da ist sich die Mehrheit von uns vier Gesellschaftern einig. Wir buckeln seit zehn Jahren sieben Tage die Woche für die Brauerei. Da kommt ein Verkauf nicht infrage. Ich sage zwar manchmal zu meiner Frau: Schatzi, wenn wir Geld brauchen, verkaufen wir ein Prozent. Aber sie sagt, das wäre, als ob man den kleinen Finger seines Babys verkaufen würde.

Das Gespräch führte Bettina Stuhlweißenburg

Bettina Stuhlweißenburg

Bettina Stuhlweißenburg

E-Mail:Bettina.Stuhlweissenburg@merkur.de

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