Das Reinheitsgebot als Hemmschuh

Die verbotenen Biere aus dem Chiemgau

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Schöne, bunte Bierwelt: Brauerei-Gründer Markus Lohner, 48, mit einer Auswahl seiner Biere in der Gaststätte in Truchtlaching.

Camba Bavaria ist eine der kreativsten Brauereien der Republik. Doch das Reinheitsgebot macht ihr das Leben schwer. Manche der Biere aus dem Chiemgau sind gar keine, sagen die Behörden. Und ließen tausende Liter entsorgen.

Doch das ist nicht das einzige Problem. Jetzt droht der Chef mit einem Umzug – nach Österreich.

Truchtlaching – Hätten die Bierheiligen persönlich einen Standort ausgesucht, sie hätten in Bayern kaum einen besseren gefunden. Im Süden ragen die Alpen auf, im Norden fließt die Alz aus dem Chiemsee und windet sich ein paar Kilometer bis nach Truchtlaching. Auf dem Gelände einer ehemaligen Mühle, zwischen Wäldern und Hügeln, steht die Brauerei Camba Bavaria. Aber die Frage ist: Wie lange noch?

„Noch sind wir in Truchtlaching“, sagt eine Mitarbeiterin. In wenigen Wochen könnte die Brauerei weg sein und mit ihr 100 Arbeitsplätze im Landkreis Traunstein. Eine Brauerei zieht weg? Aus Bayern? Ein gruseliger Gedanke. 500 Jahre ist es her, dass die beiden bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. in Ingolstadt eine Verordnung unterzeichneten, nach der zum Bierbrauen „allain Gersten / Hopfen / und Wasser / genommen und gepraucht sölle werden“. Es war der 23. April 1516. Das Reinheitsgebot war geboren. Noch heute ist es der Stolz Bayerns. Heuer zum Jubiläum wird im ganzen Freistaat schier pausenlos gefeiert und geprostet.

Doch es hat auch mit genau jenem Reinheitsgebot zu tun, dass die Camba Bavaria bald in Salzburg stehen könnte. Knapp 60 Kilometer entfernt – in Österreich, ausgerechnet. Markus Lohner, 48, ist Braumeister, Geschäftsführer und Gründer der Brauerei. Der gebürtige Schwabe sitzt an einem Holztisch in der Brauerei-Gaststätte. Lohner spricht leise, manchmal macht er lange Pausen. „Wir können nicht ewig warten“, sagt er. „Sonst ist das wie das Warten auf einem untergehenden Schiff.“ 4000 Hektoliter produziert die Brauerei im Jahr, 16 000 sollen es werden. Eine neue Halle wurde gebaut, im nahen Seeon. In gut zwei Monaten wäre sie fertig, aber jetzt stehen die Maschinen still. Vier Familien aus Seeon haben geklagt. Und bis der Fall entschieden ist, hat das Verwaltungsgericht München einen Baustopp verhängt.

Truchtlachinger Spezialität: Braumeister Ferdinand Weingarten mit Whiskyfässern, in denen das Bier gelagert wird.

„Wir haben nichts gegen die Firma“, sagt Berth Schalow, unter dessen Namen die Klage läuft. Sie richte sich gegen das Landratsamt und die Baugenehmigung, die fehlerhaft und unvollständig sei. Viele Aspekte seien überhaupt nicht berücksichtigt worden, etwa der Artenschutz oder der Mindestabstand zu einem nahen Wald. Für den 20. April, drei Tage vor dem Bierjubiläum, wird das Urteil erwartet. Darf nicht weitergebaut werden, wird für Camba Bavaria ein Umzug unausweichlich. Der Baustopp koste die Brauerei rund 100 000 Euro im Monat, sagt Lohner. „Das ist für uns existenziell. Es geht ganz klar um 100 Arbeitsplätze.“ Die verteilen sich auf Brauerei, Gaststätte und eine Firma, die Brauanlagen baut und in alle Welt verkauft. Vor Kurzem trafen sich die Angestellten auf der Baustelle zum Gruppenbild. Auch viele Angehörige waren dabei. 400 Menschen sollen es gewesen sein, Truchtlaching selbst hat knapp 1200 Einwohner. Der Bürgermeister sagt, man stehe voll und ganz hinter den Plänen der Brauerei.

Der Baustopp bringt die Brauerei in Zugzwang, aber ins Ausland treiben würde sie letzten Endes – das Reinheitsgebot. Denn Lohner und sein Team sind experimentierfreudig. 4000 Hektoliter sind nicht viel, vielleicht ein kleines Schwimmbecken voll. Aber es geht nicht um die Menge, die Brauerei setzt neben traditionellen Bieren auf Vielfalt: Coffee Porter, Amber Ale, Melon Flash – mehr als 50 Sorten sind im Angebot. Die Grenzen des Reinheitsgebots werden ausgelotet und manchmal überschritten. Einmal durfte Lohner ein Getränk nicht mehr als Bier verkaufen, weil er Kaffee-Aromen einsetzte. Ein anderes Mal musste er tausende Liter entsorgen, weil Milchzucker mitgebraut wurde. Es wäre Stoff für ein Volkstheater: Für das Landratsamt war das „Milk Stout“ kein Bier, nach dem Zollrecht allerdings schon. Biersteuer wäre fällig geworden, obwohl es angeblich kein Bier ist. Am Ende kippten Mitarbeiter eigenhändig Flasche um Flasche aus.

Ein Umzug nach Salzburg könnte die Probleme mit einem Schlag lösen. Dort gibt es weniger enge Regeln, und der deutsche Markt wäre nicht verloren: Was nach österreichischen Regeln gebraut wurde, darf auch hier verkauft werden. Dem europäischen Binnenmarkt sei Dank. Hopfen und Malz, Gott erhalt’s – dieser Spruch war in Bayern schon immer ein kleines bisschen wahrer als anderswo. Das Reinheitsgebot ist Teil des bayerischen Erbguts wie sonst nur Lederhose oder Schützenverein. Seit 500 Jahren warnt es die Bayern vor unreinem Gewäsch mit chemischen Zusätzen. So sagen es die Verbände. Wer das Reinheitsgebot bewahrt, bewahrt einen Mythos. Und wer nur leicht daran wackelt, der wackelt an den Grundfesten der bayerischen Identität.

Das Herz der Brauerei: Hier entsteht das preisgekrönte Bier von Camba Bavaria – über 50 Sorten sind im Angebot.

Braumeister Markus Lohner sagt: Es sei schwer nachvollziehbar, warum die einheimische Tradition die einzige wahre sein solle. Auch andere Länder hätten lange Brautraditionen, Belgien etwa oder die USA. Dazu kommt ein neuer Trend, ein frischer Wind mit Namen „craft beer“ weht weltweit durch die Braustuben. Nun wird mit dem Bier experimentiert: Zutaten werden ausprobiert, Wacholder, Orangen, Kaffee, was das Herz begehrt. Bier ist plötzlich mehr als Helles, Weißbier, Pils. „Es vergeht kein Tag, an dem mir als Brauer nicht ein neuer Biertyp einfallen würde“, sagt Lohner. Nach dem Reinheitsgebot ist vieles davon nicht erlaubt. Beziehungsweise: nach dem „Vorläufigen Biergesetz“ von 1993. Das regelt, was in Deutschland ins Bier darf und was nicht. An die Verordnung von 1516 hält sich sowieso niemand. Man braut ja mit Malzsorten, nicht mit Gerste. Und von Hefe war vor 500 Jahren auch noch keine Rede. Darum braucht es zeitgenössische Fassungen. Aber die Zeile „Gebraut nach dem Vorläufigen Biergesetz von 1993“ macht sich auf Etiketten bei Weitem nicht so gut.

Was in Deutschland als Bier oder als Biermischgetränk gelten kann, was Bier heißen darf und was nicht, das ist wahnsinnig kompliziert. Brauer wie Markus Lohner wissen, dass sie sich manchmal in rechtlichen Grauzonen bewegen, dass sie Dinge tun, die nicht ausdrücklich erlaubt sind, aber auch nicht ausdrücklich verboten. Die deutschen Biere, so erklärt es Lohner, sie sind schon gut. Aber aufregend geht halt doch anders. Muss ein Bier aufregend sein? Muss ein Bier nicht zuallererst Bier sein? Darüber kann man wahrscheinlich lange streiten. Fest steht, dass ein neuer Geist umgeht: Brauer besuchen sich länderübergreifend, brauen gemeinsam neue Biere. Früher hielt ein Brauer sein Rezept streng geheim, heute stellen manche Brauereien ihre Rezepturen ins Internet. Und trotzdem schmeckt es nie gleich. Nicht die Zutaten sind entscheidend, sondern das Handwerk: Jede Brauerin und jeder Brauer hat seine Tricks und Kniffe. Mit Kreativität versuchen die kleinen Brauereien, Nischen zu erobern. „Das Reinheitsgebot stammt aus einer Zeit, in der noch Hexen verbrannt wurden“, sagt Lohner. „Das tun wir heute natürlich nicht mehr. Aber das Bier brauen wir noch nach fast den gleichen Regeln wie damals.“ Also weg damit? Reinheitsgebot abschaffen?

Lohner schüttelt den Kopf. „Das Reinheitsgebot ist wichtig und richtig“, sagt er. „Aber wir wollen mithelfen, dass nötige Reformen stattfinden.“ Das Gebot solle Brauereien nicht unnötig einschränken. Verschiedene Biertypen könnten parallel gebraut werden, mit Kennzeichnung. Gerade das würde den Wert des Reinheitsgebots als Gütesiegel steigern. Viele Menschen in Bayern akzeptieren das Reinheitsgebot zwar ohne Zögern als Teil ihrer Kultur. Sie wüssten aber gar nicht, was es eigentlich bedeute, sagt Lohner. Und vor allem: Was bedeutet es, wenn ein Bier nicht danach gebraut ist? Ist es dann dreckig, etwa gar giftig?

Natürlich nicht – es ist anders. In Truchtlaching unterhält die Brauerei eine „Bier-erlebniswelt“. Dort gibt es Verkostungen und Seminare. Manche Besucher hätten tatsächlich zunächst Skrupel, ein Bier zu trinken, das nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut ist. „Dann sehen sie zum Beispiel, dass nicht einfach Kaffee ins Bier gekippt wird, sondern dass wir an einer Stelle im Brauvorgang die Röstaromen im Kaffee ausnutzen“, erklärt Lohner. Was nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut ist, ist anders gebraut – so wie weltweit die allermeisten Biere.

Das Reinheitsgebot überarbeiten, das wäre Lohners Wunsch. Aber dass sich bald etwas ändern wird, daran mag er im Jubiläumsjahr nicht recht glauben. Verbände und Politiker werden sich, gerade in Bayern, mit Lobeshymnen auf das einheimische Bier gegenseitig überbieten. Das Reinheitsgebot soll weiter strahlen, nur ein paar feine Risse zeigen sich im Lack. Dort in dieser Brauerei direkt an der Alz sind die Risse inzwischen sogar ziemlich groß.

Von Bernhard Hiergeist

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