Einstige Bohème-Droge

Absinth wird immer mehr zum Szene-Drink

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Absinth feiert ein Revival.

Nürnberg - Als „grüne Fee“ verzauberte das Getränk viele Künstler der Jugendstilzeit. Andere trieb die Bohème-Droge Absinth in den körperlichen Ruin. Inzwischen gibt es den Kräuterschnaps wieder in jeder besseren Bar.

Grünschillernd, bitter, ein wenig verrucht und lange Zeit verboten - die Spirituose Absinth ist bis heute Mythos-umrankt. Tatsächlich war der Tujon-haltige Kräuterschnaps zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Droge der Künstler-Bohème: Manche Maler und Schriftsteller inspirierte die „Grüne Fee“, wie manche Absinth nannten, zu ganz Großem. Andere trieb der berauschende, oft aus minderwertigem Alkohol hergestellte Schnaps ins Verderben. So soll sich der Maler Vincent van Gogh einst im Absinth-Rausch ein Ohr abgeschnitten haben.

Heute - gut 18 Jahre nach dem Fall des jahrzehntelangen Absinth-Verbots in Deutschland - hat sich die aus der Wermutpflanze gewonnene Spirituose zu einem kultigen Szene-Drink entwickelt - beliebt vor allem unter Studenten und jungen Intellektuellen. Der jüngst angelaufene Kino-Film „Nur Fliegen ist schöner“ könnte dem Absinth-Kult neuen Auftrieb geben.

In der französischen „Anti-Stress-Komödie“ (Programmtext) des Regisseurs Bruno Podalydès, der selbst die Hauptrolle spielt, gelangt ein mit seinem Kajak aus dem Alltag ausgebrochener Grafikdesigner in ein abgelegenes Ausflugslokal: Dort erlebt der Endfünfziger die lange vermisste Leichtigkeit des Seins - auch dank ausschweifenden Absinth-Konsums. Das zur Verdünnung des Hochprozentigen angebotene Eiswasser tröpfelte in dem Film stillvoll aus einer sogenannten Absinth-Fontäne - nichts für gehetzte Ex- und Hopp-Trinker.

Einige der Kinos nutzten die Preview-Vorführung des Films gleich für eine Absinth-Probe. Mit der Kinokarte erhielten die Besucher ein Gläschen des Kräuterschnapses - samt einer Einführung in das Absinth-Ritual. Das Nürnberger Programmkino „Casablanca“ nahm Absinth gleich neu in die Getränkekarte seiner Kneipe auf; Absinth-Fontaine samt spezieller Löffel und Gläser stehen auf dem Tresen bereit. Die perforierten Metalllöffel dienen dazu, einen aufgelegten Zuckerwürfel vom tropfenden Eiswasser auflösen zu lassen.

Schon seit mehr als zehn Jahren gehört dagegen in der Freiburger Studentenkneipe „Schlappen“ Absinth zum Bar-Sortiment. In dem Lokal geht pro Monat der Inhalt von 100 Flaschen Absinth über den Tresen, berichtet Geschäftsführer Christian Schäuble. „Absinth ist vor allem bei Studenten und jungen Intellektuellen angesagt“, berichtet der Lokalchef. Aber auch ältere Gäste bestellten gerne mal ein Gläschen. Manche fasziniere einfach der Mythos Absinth. Andere seien schlicht neugierig auf das schon von dem französischen Impressionisten Paul Gauguin geschätzte Getränk.

"Alkohol und Thujon wirken zeitversetzt"

Dass Gäste mit dem Absinth-Konsum den großen Rausch suchen, bezweifelt Schäuble aber. Dazu sei in dem heute zugelassenen Absinth wohl zu wenig des berauschenden Stoffs Thujon drin. Eine Vorsichtsmaßnahme hat der Kneipenchef dennoch getroffen: „Bei uns gibt es Absinth erst ab 21 Jahren“ - eine Konsequenz aus früheren Erfahrungen. „Da gab es junge Leute, die glaubten, Absinth könnte man wie Tequila runterschütten.“ Absinth müsse man aber in Ruhe und in Maßen genießen. „Denn Alkohol und Thujon wirken zeitversetzt“, das unterschätzten manche.

Eines der größten deutschen Vertriebsunternehmen für Absinth, die Firma Lion Spirits in Eschbach/Breisgau, sieht seit Jahren einen „stabilen Absatz“ des Tujon-haltigen Kräuterschnapses. Das nach der Aufhebung des Absinth-Verbots gegründete Unternehmen beliefert neben vielen Privatkunden rund 100 Absinth-Bars in Deutschland. Weltweit setzt Lion Spirits pro Jahr rund 50 000 Flaschen Absinth ab, etwa ein Drittel davon gehe nach Deutschland.

Im Vergleich mit anderen Spirituosen sei Absinth dennoch nur ein Nischenmarkt, räumt Firmenchef Markus Lion ein. Als Absatzbremse wirkt nach seiner Auffassung nicht nur das noch immer verbreitete Image, Absinth sei ein „flüssiger Joint“, sondern auch der verhältnismäßig hohe Preis von 20 bis 100 Euro pro Flasche. Der Grund für Letzteres sei die geringe Produktionsmenge im Unterschied etwa zu Gin und Whisky.

Das verruchte Image der Boheme-Droge Absinth hatte die Behörden schon 2003 auf den Plan gerufen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam damals zu einer eher zwiespältigen Einschätzung: Für problematisch halten die Wissenschaftler dabei vor allem das im Absinth enthaltene Thujon. Der Stoff sei ein starkes Nervengift, das Halluzinationen und epileptische Krämpfe auslösen könne, heißt es auf der Instituts-Webseite. Wegen der gesetzlich festgelegten Höchstmenge erwartet das Institut dennoch keine Gefährdung für die Verbraucher, rät aber wegen des hohen Alkoholgehalts dennoch zur Vorsicht.

dpa

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