Interview zur Fastenzeit

„Dem Herzen wieder mehr Raum geben“

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Keine Süßigkeiten, kein Alkohol – oder doch das Handy sieben Wochen ausschalten? In der Fastenzeit verzichten viele Menschen nicht nur auf Lebensmittel , aufs Rauchen oder Trinken. Sie stellen auch ihre Gewohnheiten auf den Prüfstand.

Heute beginnt die Fastenzeit. 40 Tage halten sich die Christen nicht nur an das traditionelle Fasten. Sie verzichten aufs Handy oder Fernsehen.

Die evangelische Kirche bietet seit Jahren die Aktion „Sieben Wochen ohne“ an. Die Routine des Alltags solle so hinterfragt werden. In diesem Jahr lautet das Motto „Großes Herz! – Sieben Wochen ohne Enge“. Am Sonntag startet die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Kuratoriumsvorsitzende der Aktion, die Fastenzeit mit einem Gottesdienst um 9.30 Uhr, der im ZDF übertragen wird. Wir sprachen darüber mit ihr über Fasten und das Herz.

Mit Fasten hat das Thema herzlich wenig zu tun, oder?

Es hat etwas damit zu tun, dass man an seiner inneren Haltung und an seiner Mentalität arbeitet. Mit anderen Worten: Nicht so kleinmütig sein, engherzig und kleinkariert, sondern das eigene, goldene Herz wiederentdecken.

Was gab bei der Wahl des Mottos den Ausschlag für das Herz?

Wir hatten im Kuratorium vor über einem Jahr, als wir die Aktion planten, den Eindruck: Die Menschen sind sehr unter Druck, sie haben wenig Raum für sich selber und andere. Wir finden es notwendig, sozusagen das Fenster aufzustoßen, damit man frische Luft atmet, weitersieht und dem eigenen Herzen und Brustkorb wieder mehr Raum gibt, statt in sich verkrümmt zu leben.

Wie können Menschen in den 40 Tagen der Fastenzeit das Motto beherzigen? Haben Sie Beispiele?

Sicherlich ist es richtig, bei sich selber anzufangen und in diesen sieben Wochen erst einmal abzuschütteln, was einem selber die Luft abschnürt. Sich klar zu machen, dass man ein von Gott geliebtes wunderbares Menschenkind ist. Das ist doch herrlich, allein da schnauft man ja schon einmal durch!

Aber es betrifft ja auch das direkte Umfeld?

Susanne Breit-Keßler, evangelische Regionalbischöfin.

Ja sicher. Wenn ich mit mir souverän umgehe, dann bin ich auch mit dem Partner, den Kindern, der Familie, den Freunden und den Kollegen großherziger. Dann bin nicht mehr so geistig eng, wie wir es manchmal in unserem Alltag sind. Dann kann ich auch auf Menschen schauen, mit denen man sonst weniger zu tun hat, die einem vielleicht sogar etwas zuwider sind. Es gibt die Chance, auf einen solchen Menschen zuzugehen und zu schauen, was so alles in dem steckt, was einem dann doch faszinierend oder nett vorkommt.

Also herzlich sein zu dem grantigen Nachbarn?

Warum nicht ausprobieren? Mal schauen, was man dadurch hervorlockt. Das kann ganz schön verblüffend sein! Es kann sein, dass er jemand ist, der einen sonst gar nicht interessiert. Und dann kommt man ins Gespräch und merkt: Hey, der mag die selben Filme, die selbe Musik, lacht über ähnliche Dinge, weint bei dem gleichen Kummer. Mensch, wir sind uns verwandter als wir gedacht haben.

Was liegt Ihnen am Herzen?

Mir liegt besonders am Herzen, dass Menschen in der Fastenzeit auf sich selber acht geben. Für sich und ihre Familie ihr goldenes Herz wiederentdecken. Ihr Herz dann aber auch aufmachen für die Nöte anderer Menschen.

Ein weites Herz zu haben, nicht verhärtet sein - das ist ja auch ganz schön anspruchsvoll und kann den Puls ganz schön beschleunigen.

Das erfordert viel vom ganzen Menschen. Man muss zuerst das Gefühl haben, selber geliebt und anerkannt zu sein. Das gehört dazu. Erst dann kann man wirklich für andere da sein und aufhören, kleinkariert und engherzig zu sein.

Engherzig zu sein, kann mit Angst zusammenhängen. Derzeit engt die Furcht vor den Fremden viele ein. Wie kann man seinem Herzen einen Schubs geben?

Das Herz ist im Alten Testament nicht nur der Sitz des Gefühls, sondern auch des Verstandes und der Orientierung. Darauf sollte man sich besinnen und überlegen: Was sagt mein Herz mir eigentlich? Ich muss nicht so bange, so ängstlich und besorgt sein. Was wir haben, das reicht für alle, die kommen. Wir können auf das Bange-Sein gut verzichten, weil wir im letzten Jahr in Deutschland und besonders in Bayern gezeigt haben, dass wir ein großes, weites Herz haben. Das ist so großartig gewesen, darauf können wir stolz sein. Und in dieser Weise können wir weitermachen. Aber ich fasse mir auch ein Herz und zeige denen, die zu uns kommen und hier leben wollen, woran mein Herz hängt, was unsere Werte sind. Und das werde ich dann auch leidenschaftlich vertreten.

Claudia Möllers

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