Mein Küchengeheimnis

Essen, das von Herzen kommt und wärmt

+
Farbenfroh ist das Essen der jungen Frauen, das sie im Schneider-Atelier La Silhouette gekocht haben. Sie nennen es Soulfood. Speisen, die von Herzen kommen. Beim Zubereiten in der Küche erzählen sie Geschichten von ihren Heimatländern.

Einmal im Monat kochen die Mädchen aus dem Münchner Schneider-Atelier „La Silhouette“ Gerichte ihrer Heimat. „Soulfood“ – Essen, das von Herzen kommt und die Seele wärmt.

Jedes Mädchen hier hat seine eigene Geschichte. Manche waren lange auf der Flucht, manche stammen aus schwierigen Verhältnissen, wieder andere sind traumatisiert von schrecklichen Dingen, die sie erlebt haben. Sie sind alle zwischen 16 und 26 Jahren alt und stammen aus der Türkei genauso wie aus Brasilien, Deutschland oder China. Viele kommen aus Afrika, ihre Länder bekriegen sich untereinander. In einer kleinen Münchner Schneiderei treffen diese Mädchen aufeinander. Das Atelier heißt „La Silhouette“. Hier lernen die jungen Frauen nicht nur den Beruf der Maßschneiderin, sie werden noch fit fürs Leben gemacht.

Erinnerung an Zuhause: Die Paprikaschiffchen kennt Meron aus ihrer Heimat Äthiopien.

Die Sozialpädagogin Barbara Hemauer ist seit 1987 mit dabei: „Wir riefen angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit damals ein soziales Ausbildungs-Projekt ins Leben.“ Unterstützt wird „La Silhouette“ von der Stadt München und diversen Vereinen. 203 junge Frauen haben hier den Schneider-Beruf erlernt, mit fast allen hat das La Silhouette-Team noch Kontakt. „Eine unserer Ehemaligen ist heute eine unserer vier Ausbilderinnen“, erzählt Barbara Hemauer. Und fügt voll Stolz hinzu: „Bei uns gibt es keine Abbrecherinnen. Wir bringen alle ans Ziel.“

Soulfood in der Schneiderei: Freitags wird nicht nur geschneidert, sondern auch gekocht.

Zu dem Projekt gehört auch eine ganzheitliche Förderung der Mädchen. Zweimal im Montag wird deshalb freitags gekocht. „Soulfood“ heißt dieses Projekt, das mehr ist, als nur zu kochen. Die Mädchen müssen entscheiden, was sie kochen. Dabei gilt es auch die Ernährungsgewohnheiten aller zu beachten. Das sei eine Frage des Respekts. Barbara Hemauer: „Deshalb gibt es bei uns beispielsweise kein Fleisch.“ Außerdem geht es bei dem Gruppenessen um das Besorgen der Lebensmittel und die Finanzverwaltung. Beim gemeinsamen Essen lernen die jungen Frauen zudem ihre Kollegien näher kennen und auch zu akzeptieren.

Kocht gerne: Lula aus Äthiopien.

Kochen verbindet zudem: So haben die Mädchen festgestellt, dass es in fast allen Kulturen Knödel gibt, Knödel der unterschiedlichsten Art: Aus dem Orient kommen Köfte Knödel, in Hawaii serviert man Ananas-Knödel, in Südamerika serviert man gerne einen knusprigen Polenta-Knödel. Der Name „Soulfood“ kommt nicht von ungefähr. Das Projekt ist im wahrsten Sinn „Nahrung für die Seele“. Beim Kochen werden Heimatgefühle wach. „Da reden wir oft über die Kindheit, was die Mutter einst gekocht hat.“ Küchengespräche öffnen die Seele, „da wird auf einmal besprochen, was die Mädchen auf der Seele haben“, sagt die Sozialpädagogin. Auch das stärke das Selbstbewusstsein. An diesem Tag erzählt Lula (21) beispielsweise, dass zuhause in Äthiopien immer draußen im Garten gekocht wurde, auf einer offenen Kochstelle. „Wenn meine Mama Speisen zubereitet hat, hat’s immer geraucht“, erzählt sie. Das Mädchen berichtet auch von der Sitte, mittwochs und freitags zu fasten. „Bei uns zuhause wird dann grundsätzlich auf tierische Produkte verzichtet.“

Die Togolesin Fathia (27) ist einst mit ihren Eltern nach München gekommen. Auch sie hat bei „La Silhouette“ ihre Ausbildung sehr erfolgreich abgeschlossen. Jetzt engagiert sie sich im Atelier, möchte anderen Mädchen helfen, sich in München zurechtzufinden und ein Leben aufzubauen. Fathia hat nach der Schneider-Lehre das Abitur nachgemacht, jetzt hofft sie auf einen Studienplatz. Heimat, das ist mittlerweile für sie München – „weil ich mich hier zuhause fühle“.

Von Stephanie Ebner

Stephanie Ebner

Stephanie Ebner

E-Mail:Stephanie.Ebner@merkur.de

auch interessant

Meistgelesen

Biancas Foodblog: Fünf Tipps für griechische Lokale in München
Biancas Foodblog: Fünf Tipps für griechische Lokale in München
McDonald's geht in die Nugget-Offensive - das soll wirklich drinstecken
McDonald's geht in die Nugget-Offensive - das soll wirklich drinstecken
Endivien sind voller Nährstoffe
Endivien sind voller Nährstoffe
Kuriose Kombination: Der Hamdog aus Australien
Kuriose Kombination: Der Hamdog aus Australien

Kommentare