Eltern hinter Gitter

Italiens Rechte will vegane Kost für Kinder verbieten

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Pizza und Fisch. Dafür steht Italien. Aber auch hier essen immer mehr Menschen vegan. Für Kinder nicht unbedingt gesund. Die einen fordern vegane Schulkost. Italiens Rechte hingegen will Eltern hinter Gitter bringen, die ihren Nachwuchs zu veganem Essen zwingen.

Rom - Kein Fleisch, kein Fisch - und keine Schokolade, kein Tiramisu oder Eis aus Milch. Vegane Ernährung kann hart sein für Kinder. Dabei leben sie nicht zwangsläufig gesund, sondern riskieren nach Medizinermeinung teils sogar bleibende Schäden. In Italien wird ein drakonischer Gesetzesvorschlag diskutiert. Die Abgeordnete der rechtspopulistischen Forza Italia, Elvira Savino, will Eltern sogar ins Gefängnis schicken: bis zu ein Jahr, wenn sie unter 16-Jährige zu veganer Diät zwingen, bis zwei Jahre, wenn die Kids unter drei sind.

Es sieht ein wenig nach Sommertheater aus, zumal die Forza Italia allein keine Mehrheit hat. Der Vorschlag, der ein bestehendes Gesetz erweitern soll, dürfte also keine allzu große Chance haben. Doch er fand Resonanz weit über Italiens Grenzen hinaus. Obwohl es nur ein Vorschlag sei, mache er die Runde in der Welt, wunderte sich auch die italienische Nachrichtenagentur Ansa.

Rund 900 000 Veganer gab es 2014 nach Auskunft des Vegetarierbunds Deutschland (Vebu) in Deutschland - gut ein Prozent. In Italien sollen es 600 000 sein, was einem fast ebenso hohen Anteil entspricht. Tendenz steigend. In Restaurants stehen immer öfter auch vegane Gerichte auf der Speisekarte, veganes Eis ist schwer im Kommen und in manchen Bars gibt es veganen Cappuccino - mit Milchersatz.

Auch bei Schulkost wird heftig über ein veganes Angebot debattiert. Das Gesundheitsministerium sicherte nach einem Streit um den Ausschluss eines vegan ernährten Kindes vom Kindergarten zu, dass eine andere Ernährung aus ethisch-religiösen oder kulturellen Gründen möglich sei. Ministerin Beatrice Lorenzin ergänzte aber, Kinder bräuchten eine ausgewogene Ernährung. Dazu gehöre auch tierisches Eiweiß. „Man muss hier der wissenschaftlichen Erkenntnis folgen und nichts anderem, weil falsch ernährte Kinder Entwicklungsprobleme haben, Rachitis (eine Knochenwachstumsstörung) und andere Probleme. Und leider gibt es da viele Fälle.“

Auch in Deutschland gibt es eine Debatte um vegane und vegetarische Angebote in Schulen. „Religiöse Gründe für bestimmte Ernährungsweisen werden akzeptiert. Aber bei ethischen Gründen ist das noch nicht so angekommen“, sagt Wiebke Unger vom Vebu. Sie betont: „Vegan geht in allen Lebensphasen.“ Eltern müssten dabei darauf achten, welche pflanzlichen Nahrungsmittel ihren Kindern die nötigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe liefern. Vitamin B12 müsse zusätzlich zugeführt werden. „Außerdem ist es wichtig, dass man regelmäßig ein Blutbild erstellen lässt und von Ärzten gut betreut wird.“

Selbst erwachsene Veganer brauchen Experten zufolge zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe. „Wenn man bei einer veganen Ernährung nicht zusätzlich Nahrungsergänzungsmitteln einnimmt, kommt es zu Schäden - ganz besonders im frühen Kindesalter“, sagt Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Universität München. „Bei Säuglingen und kleinen Kindern geht das binnen weniger Monate.“ Es könnten irreversible Schäden entstehen.

Koletzko und seine Kollegen müssen immer öfter vegan ernährte Kinder mit Mangelerscheinungen behandeln, wie der Mediziner berichtet. Meist seien Eltern dann aber bereit, den Speiseplan umzustellen oder ergänzend Tabletten zu geben. „Es sind nur ganz wenige Familien, die sich nicht überzeugen lassen. Wenn wir dann zu der Überzeugung kommen, dass das Kind geschädigt wird, rufen wir die Gerichte an.“

Schnitzel fürs Kind ja oder nein - in Italien mussten sich Gerichte damit befassen. Im Juli erlaubte ein Gericht in Monza in zweiter Instanz veganes Essen für ein achtjähriges Kind. Die Mutter müsse aber für regelmäßige ärztliche Untersuchungen und notwendige Ergänzung sorgen, verlangten die Richter Medienberichten zufolge.

In Bergamo verdonnerte im vergangenen Jahr ein Gericht eine Mutter dazu, dem Sohn ein Mal in der Woche Fleisch zu kochen. Der Junge musste bei der Mutter streng vegan essen, beim getrennt lebenden Vater bekam er dann bei Besuchen am Wochenende Fleisch, Süßes, Polenta mit Würstchen und Gorgonzola, von der Oma gekocht. Kein Wunder, dass der Junge bei dem Durcheinander Bauchweh bekam. Nun muss auch der Vater Maß halten. Laut Richterspruch darf er dem Sohn nur zwei Mal pro Wochenende Fleisch vorsetzen, berichteten Medien.

Veganer verzichten vor allem aus ethischen Gründen wie dem Schutz der Tiere etwa auf Fleisch, Milch und Eier. Teils zwingt Armut Menschen zum Verzicht auf tierische Produkte, etwa in Indien.

Eine Gefahr gibt es Koletztko zufolge gerade bei Kindern: Das Gehirn entwickelt sich nicht richtig. Auch Blutarmut, Schädigungen von Nerven und Rückenmark, Störungen des Gleichgewichts und des Bewusstseins können die Folge sein. Es fehlt Vitamin B12, aber auch Eisen, Zink, die Omega-3-Fettsäure DHA, teils Jod und Vitamin D. Fisch, Fleisch, Eier und Milch enthalten die Stoffe. Vegetarier sind hier besser versorgt.

Koletzko hält es für keine gute Idee, Eltern zu bestrafen. „Es ist falsch, sie zu kriminalisieren. In aller Regel wollen die Eltern das Beste für ihr Kind und lassen sich durch Fakten überzeugen.“

Freilich garantiert auch die gewöhnliche Ernährung in Italien Kindern nicht immer Gesundheit. Sie gehören Studien zufolge zu den fettesten in ganz Europa, neben dem Nachwuchs in Griechenland. „Bei Kindern im ganzen Mittelmeerraum ist die Häufigkeit von Übergewicht am stärksten in ganz Europa“, sagt Koletzko. Eine Untersuchung von Kindern in Portugal und in München - auch zu der als gesund geltenden mediterranen Kost - brachte zudem ans Licht: „Die portugiesischen Kids haben weniger mediterran gegessen als die Münchner.“

dpa

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