Spaß am Kochen

„Jede gute Party beginnt in der Küche“

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Launig geht es zu beim sogenannten „Open“, einer Party in der Kochgarage von Graciela Cucchiara (mit Stirnband).

Voodoo am Herd, Gerichte mit Erotik-Faktor, fit dank Ayurveda-Küche: Die Angebote der Münchner Kochschulen sind vielfältig – und oft ausgebucht. Doch nur wenige Teilnehmer setzen das Erlernte auch zuhause um. Ihnen geht es vor allem um eines: Spaß.

Sorgfältig wäscht Lothar Müller die Datteltomaten. Eine landet in seinem Mund, „exzellent!“, sagt er. Die übrigen halbiert Helga Höhn. Die 54-jährige Chefsekretärin und der Geschäftsführer im Ruhestand tragen lange Schürzen, genau wie die anderen Teilnehmer an Luigi Totaros italienischem Kochkurs „Mamma Mia!“ in der Kochschule Kustermann. Sie pinseln Steinpilze sauber, häuten Salsiccie und schneiden Tropea-Zwiebeln. Zwischendurch nippen sie an ihrem Aperitiv – und kommen allmählich miteinander ins Gespräch. „Ich habe über die Tropea-Zwiebel schon in der Feinschmecker-Literatur gelesen“ sagt Helga Höhn. Die aus Kalabrien stammende rote Zwiebel sei besonders mild im Geschmack. Im Hintergrund ist leise Musik zu hören, Dean Martin trällert „Arr-iii-veder-ci Roooma.“

Pasta gibt’s bei Luigi Totaro in der Kochschule Kustermann.

Die Kochschule Kustermann am Viktualienmarkt ist nur eine von unzähligen Münchner Kochschulen. Einige von ihnen verstehen sich als Universal-Kochschulen, andere spezialisieren sich auf einen Stil. Zum Beispiel die österreichische Kochschule „Küss die Hand – echt kaiserliche Genüsse“ in der Isarvorstadt. Hier gehen die Teilnehmer der Frage nach: „Wie kommen die Wellen ins Wiener Schnitzel?“ Die Schwabinger Schule „Mehr vom Essen“ bietet an wechselnden Orten „Afterwork – Foodbasics für Vielbeschäftigte“ oder „Flirt and Cook – Kochkurs für Singles“. Im Kochraum Feinschnabel nahe dem Hauptbahnhof findet regelmäßig „Rock ’n’ Eat“ statt, „die kleine feine Kochparty mit Vinyl-Musik“. Im gesamten Stadtgebiet gibt es Männer- und Kinderkochkurse, Grillseminare, afrikanisches Voodoo-Kochen, Erotik-Food und „das perfekte Steak“. Seminare über ayurvedische Ernährungslehre, indische Currypasten und Gin-Cocktails. Besonders beliebt ist die Kochschule von Tantris-Sternekoch Hans Haas – er ist bis weit ins Jahr 2016 ausgebucht.

Helga Höhn und ihr früherer Chef Lothar Müller sind Kustermann-Fans. Hier haben sie schon oft Kurse besucht. „Da merkt man, wie schwierig manches ist“, sagt Müller. „Zum Beispiel, eine Wachtel zu entbeinen. Dafür sind hohe handwerkliche Fähigkeiten von Nöten.“ Allerdings setzen die Besucher von Kochschulen das Erlernte nur selten zuhause um, sagt der Münchner Ernährungssoziologe Stefan Stautner. „Wer einen Kochkurs besucht, schiebt sich trotzdem eine Fertigpizza in den Ofen“, sagt der Wissenschaftler. „Wir wissen auch, dass Leute, die Kochbücher kaufen, die meisten Rezepte niemals kochen.“

Der Boom von Kochschulen sei vielmehr Ausdruck der Tendenz, Kochen als Event zu stilisieren. „Es geht um den sozialen Charakter. Statt Kegeln zu gehen, machen die Leute einen Kochkurs.“ Das liege daran, dass sich das Thema Ernährung besonders eigne, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. „Die Frage, wo es das beste Sushi in der Stadt gibt, ist Small-Talk-tauglicher als die Funktionsweise eines Keilriemens“, sagt Stautner. Außerdem werde Kochen seit einiger Zeit als etwas sehr Wertvolles dargestellt. „Das eröffnet Märkte für Kochschulen, Kochshows und Kochbücher“, erklärt Stautner. Schließlich könne man über die Teilnahme an einem Kochkurs signalisieren, man sei gebildet. „Hobbykochen ist eine angesehene Freizeitbeschäftigung.“

Auch eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) im Frühjahr 2015 belegt keinen Zusammenhang zwischen der Beliebtheit von Kochschulen und den Essgewohnheiten. Demnach nehmen die Deutschen sogar drei Milliarden Mahlzeiten pro Jahr weniger zu Hause ein als noch vor zehn Jahren. Entsprechend kochen sie auch seltener. Das liege zwar auch an der Berufstätigkeit von Frauen und dem Ausbau von Kindertagesstätten. Aber selbst Rentner, die Zeit zum Kochen hätten, würden heute deutlich seltener zuhause essen und kochen. Ausdruck dafür, dass die Gesellschaft insgesamt mobiler und flexibler geworden sei. Der GFK-Studie zufolge ist Essen außer Haus nicht zwangsläufig ungesund: Gefragt seien verzehrfertige Salate, Semmeln, belegt mit frischen Zutaten und andere Snacks, die sich im Gehen essen lassen.

Die Herren trinken Bier, die Damen schnippeln: Graciela Cucchiara prüft das Blaukraut.

Wie der Taco Moro, an dem Graciela Cucchiara und Lahcen Beqqi gerade in der Kochgarage in Neuhausen tüfteln. Es riecht appetitlich in dem mit Vintage-Möbeln eingerichteten Industriebau, den eine Molkerei in den 60er-Jahren zum Verpacken von Butter genutzt hatte. Nach Koriander, Kümmel, frischem Fisch und Cidro, der Zitronat-Zitrone. Den Taco nach maurischer Art haben die Argentinierin Cucchiara und der Marokkaner Beqqi erfunden, indem sie ihre Heimatküchen miteinander verbanden. Noch feilen sie am Rezept, demnächst wollen sie den Taco in ihrem Kochkurs zubereiten. Wobei Kochkurs der falsche Begriff ist für das, was in der Kochgarage passiert. „Wir sind keine Kochschule“, sagt Graciela, eine temperamentvolle 47-Jährige. „Siehst Du hier eine Küchenwaage?“, fragt sie und antwortet selbst. „Nein, denn wir benutzen keine.“ Zwar gebe sie ihren Gästen Rezepte. „Aber ich will, dass sie experimentieren.“ Regelmäßig reist Graciela um die Welt – New York, Bali, Marokko. Immer auf der Suche nach Rezepten für die Kochgarage. „Ich koche nicht wie Sterneköche“, sagt sie. „Die kochen elegant. Ich dagegen koche wie das Volk. Mit den Händen, mit dem Herz.“ Sie will, dass ihre Gäste über die Küche verschiedener Völker deren Kultur kennenlernen.

Vor allem aber will sie, dass die Leute Spaß haben. Zwei Mal im Monat findet in der Kochgarage ein sogenanntes Open statt – eine Küchenparty, zu der man sich vorher anmeldet. Die Opens haben sich inzwischen zu einer angesagten Ausgeh-Alternative für Vertreter der Double-Income-No-Kids-Kohorte entwickelt, kinderloser Großstädter mit doppeltem Haushaltseinkommen. Genauso beliebt ist Gracielas Erfindung „Coaching by Cooking“. Firmen buchen diese Events als teambildende Maßnahme für ihre Mitarbeiter. „In der Küche merkt man, ob ein Team funktioniert, und wie es funktioniert“, erklärt die Argentinierin. 2009 hat sie die Kochgarage an der Nymphenburger Straße gegründet. Drei Jahre später war die Nachfrage so groß, dass sie expandierte. Was so faszinierend ist am Kochen? „Die Küche symbolisiert die Mama, das steht für Wohlgefühl. Man sagt doch immer: jede gute Party beginnt und endet in der Küche.“

Von Bettina Stuhlweissenburg

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