Wittmann in Haidhausen

Münchens älteste Metzgerei geht in Rente

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Düst ab in den Ruhestand : Gabi Pichler (60) möchte rüstig bleiben und freut sich, auch mal mehr Zeit zu haben.

Mit der Metzgerei Wittmann in Haidhausen schließt die älteste Metzgerei Münchens: 135 Jahre lang existierte der Betrieb, über vier Generationen wurde er vom Urgroßvater bis zur Urenkelin weitervererbt.

Am Karsamstag gehen die Inhaber, Gabi und Franz Pichler, nach über 40 Jahren in den Ruhestand.

„Wenig Zeit“ habe sie heute, sagt Gabi Pichler und lacht dabei herzlich.Ihr Laden ist rappelvoll: Da sind Stammkunden, die nochmal eine Art Jahresbestellung aufgeben – „Frau Pichler, machen’s doch nochmal 10 Paar Weißwürst’, an’ Leberkas und 5 Kalbsschnitzel, bittschön“; Leute, die ihr und ihrem Mann Franz sagen, wie sehr ihnen das Metzgerehepaar und ihre Wurst-und Fleischwaren fehlen werden, und die ihnen heute Pralinen und Blumen mitbringen. Gabi Pichler freut sich. Man sehe doch, wie zufrieden die Kunden gewesen seien. Andererseits ist ihr das ganze Tamtam auch gar nicht so recht: „Dadurch macht’s mir das Ganze ja nur noch schwerer, und da steh ich dann und muss weinen!“

Die Pichlers nämlich machen das Geschäft zu, in dem die beiden fast ihr ganzes bisheriges Leben gearbeitet haben – fast 50 Jahre. Die Metzgerei Wittmann schließt, und damit die älteste Metzgerei Münchens. Am Karsamstag ist der letzte Tag. Vor 135 Jahren hatte Karl Wittmann, der Urgroßvater von Gabi Pichler, die Metzgerei in Haidhausen gegründet. Damals war man hier fast noch ein Dörfchen vor den Toren Münchens – die Eingemeindung lag erst drei Jahrzehnte zurück.

Die Tradition als Metzgerfamilie wurde gepflegt, und für den Vater von Gabi Pichler war dann in den Sechzigern auch klar, was aus seiner Tochter werden sollte: „Gefragt wurdest du damals ja nicht“, erinnert sich die heute 60-Jährige, die ihre nicht ganz freiwillige Entscheidung trotzdem nie bereut hat: „Mein Vater hat mich sehr geschätzt, streng war er schon auch, aber ich hatte wirklich viel Anerkennung von ihm bekommen – vielleicht hat er gespürt, dass mir die Metzgerei im Blut liegt.“

Zusammen mit ihrem Mann Franz, einem gelernten Metzger aus Kärnten, hatte sie in den Achtzigern dann auch den Familienbetrieb an der Inneren Wiener Straße übernommen. Kennengelernt hatten sich die beiden, wie sollte es anders sein, auch in der Metzgerei: „Mein Vater hatte damals einen Metzger gesucht, und als dann der Franz durch die Ladentür hereinkam, da hab ich mir gedacht – ja, man kann schon sagen: Das war Liebe auf den ersten Blick!“

39 Jahre sind die beiden jetzt verheiratet. Ob es Momente gab, in denen sie von der ganzen Arbeit genug gehabt hatte? „Schwierig war es manchmal schon“, sagt Pichler. Eine Metzgerei zu führen, das sei ein „Übervollzeitjob“. 13 Stunden am Tag seien normal. „Den Sonntag verbringst du dann im Büro, Freizeit bleibt oft Null. Da brauchst du schon den Partner dazu – sonst schaffst du das nicht.“

In den letzten Jahren sei die Arbeit noch intensiver geworden: „Die Leute haben heute einfach viel weniger Zeit: sie wollen oft einen Imbiss zum Mitnehmen, und da braucht es natürlich auch mehr Zeit bei der Vorbereitung.“ Auch wie man die Gerichte richtig zubereitet, wüssten die meisten nicht mehr. „Früher hatten die jungen Hausfrauen das Kochen bei ihren Müttern gelernt – heute stehe ich oft im Geschäft und muss das Kochen erklären: wie man einen Braten richtig gart oder eine Roulade füllt.“ Auch die bundesweiten Lebensmittelskandale seien gerade für Fleischfachgeschäfte eine Herausforderung. Die Leute hätten haarklein nachgefragt und genau wissen wollen, was sie da essen, erzählt Pichler.

Das neue Gesundheitsbewusstsein findet sie prima. Dass aber jemand „Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke einem Schnitzel“ vorzieht, das will Gabi Pichler nach wie vor nicht einleuchten. Doch auch einen netten Nebeneffekt habe das Ganze gehabt, sagt Pichler schmunzelnd: „Beim Fleisch haben wir heutzutage 80 Prozent Männerkundschaft. Das gefällt mir ganz gut, denn Männer berate ich am liebsten.“ Warum sie denn jetzt zumachen, werden die Pichlers von ihren treuen Stammkunden gefragt, die sie in diesen letzten Tagen vor Ostern aufsuchen und sich nochmal mit allerlei Spezialitäten eindecken. In München würde doch ohne sie etwas fehlen! Das rührt Gabi Pichler, an dem Geschäft hingen doch so viele Erinnerungen: „Doch bedauern tun wir unsere Entscheidung, jetzt aufzuhören, nicht: Mein Mann ist fünf Jahre älter als ich, und wir möchten auch im Ruhestand noch rüstig sein – und nicht kaputtgeschafft.“

Auf das, was jetzt nach Ostern, wenn die Übergabe an den Nachmieter, ein Bekleidungsgeschäft, geklärt ist, darauf freut sich Gabi Pichler: „Ich werde für meine drei Enkelkinder endlich mehr Zeit haben. Wir können dann wieder in die Berge fahren, und meine Freundinnen müssen jetzt endlich nicht mehr hören: ,Heut’ hab’ ich leider keine Zeit‘.“

Von Christian Dengg

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