Merkwürdiger Aufdruck auf Bierflaschen

Strich und die Erklärung sorgen für Shitstorm gegen Lammsbräu

München - Manche Menschen glauben die seltsamsten Dinge. Eine Brauerei, die diese Menschen als Kunden gewinnen wollte, hat sich damit allerdings keinen Gefallen getan.

"Verantwortung leben. Genuss schaffen". Dieses Motto prangt auf der Homepage von Lammsbräu. Die Brauerei aus der Oberpfalz ist in Sachen Bio Vorreiter: Als erste in Europa bekam sie bereits 1992 das EG-Bio-Zertifikat. Seit 30 Jahren kommen die Rohstoffe für alle hergestellten Getränke aus ökologischem Anbau. Doch trotz der eigentlich äußerst lobenswerten Firmen-Philosophie tobt gerade ein Shitstorm über dem Unternehmen.

Auslöser dafür war eine harmlose Frage eines Kunden. Sascha A. hatte auf der Rückseite einer Radler-Flasche etwas Ungewöhnliches bemerkt: Der Barcode auf dem Etikett war am oberen Rand durchgestrichen. Er wollte nun wissen, was es damit auf sich hat.

Die Erklärung des Getränkeherstellers kam umgehend - und warf wiederum viele neue Fragen auf: "Manche Menschen haben Sorge, Barcodes könnten Energien bündeln und würden damit die Qualität von Nahrungsmitteln beeinflussen", schrieb Lammsbräu. "Eine Wirkung, die sich deren Meinung nach durch einen Querstrich im Barcode neutralisieren lässt. Beides ist bisher wissenschaftlich nicht hinreichend belegt, weshalb wir dieser Theorie neutral gegenüberstehen." Für den Hersteller und den Handel mache es aber keinen Unterschied, ob die Barcodes einen Querstrich haben oder nicht, so die Traditionsbrauerei, also "kommen wir diesem speziellen Kundenwunsch nach." 

Esoterische Verschwörungstheorie

Barcodes, die "Energie bündeln" und so "die Qualität von Nahrungsmitteln beeinflussen"? Und ein simpler Tintenstrich auf dem Papier des Etiketts kann diese Wirkung neutralisieren? Das klingt völlig abwegig. Dennoch gibt es tatsächlich Menschen, die das glauben - so wie es Menschen gibt, die davon überzeugt sind, dass die Regierung in die Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien mischt, um die Bevölkerung zu vergiften, oder die die Meinung vertreten, dass Hitler lebt und auf der Rückseite des Mondes mit einigen Getreuen eine Basis errichtet hat, von der aus er die Eroberung der Welt plant.

Gerade in der esoterisch angehauchten Ecke der Ökö-Szene ist die steile These mit dem Barcode verbreitet. Und weil die zu den besten Kunden des Bio-Segments gehören, hat auch die österreichische Firma Sonnentor ihre Lebensmittel-Produkte ab 2007 mit einem Strich durch die Balken versehen. Anders als Lammsbräu gab man diese Praxis 2013 allerdings wieder auf. Grund waren nicht zuletzt die "vielen Reaktionen" der Kunden, wie es auf der Homepage heißt.

Wissenschaftlich belegter Quatsch

Reaktionen bekommt jetzt auch Lammsbräu ab - und nicht zu knapp. Denn die angeblich schädliche Wirkung des Barcodes auf die Qualität der Produkte ist - anders als behauptet - nicht nur "nicht hinreichend belegt", sondern schlichtweg Unsinn. "Als Antenne kann nur etwas wirken, das elektrischen Strom leitet", erklärte bereits damals Florian Aigner, Quantenphysiker und Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). "Wenn ich einen Barcode auf Papier oder eine Plastikverpackung drucke, dann leitet das nicht."

"Ich vertrage Querstriche nicht"

Dementsprechend harsch fällt das Urteil vieler Kommentatoren auf Facebook aus: "Also reines Marketing, um die Esoteriker in der Zielgruppe für ihre Produkte zu ködern? Dass Sie der fortschreitenden Verblödung der Leute damit zuarbeiten, ist Ihnen klar?", schreibt der Fragesteller Sascha A. zurück. 

Mario R. "empfiehlt dringend, einen Psychiater aufzusuchen" und führt die Argumentation mit dem Kundenwunsch mit einem Beispiel ad absurdum: "Es gibt auch Menschen, die glauben, Gott wolle nicht, dass wir Alkohol trinken", schreibt er. "Die verlieren Sie ja auch als potentielle Kunden. Sie sollten zukünftig also auf Alkohol in Ihrem Bier verzichten."

Nicht wenige deuten an, dass ihrer Meinung nach bei Lammsbräu tatsächlich etwas entstört gehört - allerdings seien dies nicht die Barcodes. 

Der Hersteller muss feststellen, dass er möglicherweise ein Eigentor geschossen hat, denn indem er ein paar Verschwörungstheoretiker bedient, verprellt er viele andere Kunden, die ihren gesunden Menschenverstand noch nicht verloren haben. So erklärt ein Nutzer humorvoll: "Ich kann das leider nicht mehr trinken, ich vertrage Querstriche nicht!“

hn

Haakon Nogge

Haakon Nogge

E-Mail:haakon.nogge@merkur.de

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