Wissenschaftliche Antworten zum Konsum

Mythos Kaffee

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Ein Tässchen in Ehren muss sich niemand verwehren: So lautet die – ziemlich – einhellige Meinung von Experten zum Kaffee.

Schädlich oder nützlich? Seit Jahrzehnten spüren Forscher der Wirkung von Kaffee nach – mit widersprüchlichen Aussagen: Mal wird das Getränk verteufelt, dann wieder als Schutz vor Krankheiten gelobt. Was stimmt, was nicht? Eine wissenschaftliche Spurensuche.

Exakt 60 abgezählte Kaffeebohnen mussten es sein für Ludwig van Beethoven – nicht mehr, nicht weniger. Diese Menge ließ der Komponist mit heißem Wasser aufbrühen. Selbst wenn die meisten weniger eigen bei der Zubereitung sind, die Deutschen lieben Kaffee: zum Frühstück, bei der Arbeit, am Nachmittag oder einfach zwischendurch. Beim Konsum liegen wir nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands weltweit auf Platz drei – nur US-Amerikaner und Brasilianer trinken mehr. 2014 konsumierte ein Bundesbürger demnach durchschnittlich 162 Liter, fast einen halben Liter pro Tag.

Lange Zeit galt hoher Kaffeekonsum als bedenklich. Das Getränk entziehe dem Körper Flüssigkeit, hieß es. Tatsächlich bestätigt die Wissenschaft: Zwar kann Koffein in größeren Mengen harntreibend wirken und damit für einen Verlust an Flüssigkeit sorgen. Aber: Bei regelmäßigem Genuss tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Man könne das Heißgetränk sogar zur Flüssigkeitsaufnahme nutzen, schrieben Forscher der Universität Birmingham 2014.

In den vergangenen Jahren hat Kaffee sein negatives Image immer mehr abgelegt. Inzwischen wird er sogar mit positiven Effekten in Verbindung gebracht. Dennoch: Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Verkompliziert wird die Forschung auch dadurch, dass Menschen unterschiedlich auf den Hauptwirkstoff Koffein reagieren: etwa je nachdem, ob sie den Wirkstoff langsam oder schnell abbauen. Experten der Universität Toronto berichteten bereits 2006, dass jene, die Koffein langsamer abbauten, ab einem Tageskonsum von zwei bis drei Tassen Kaffee ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko hätten. Wirklich weiterhelfen kann diese Information dem Verbraucher aber nicht: „Das Problematische ist, dass wir keinen Gentest haben, um herauszufinden, wie wir Koffein verstoffwechseln“, sagt Gisela Olias vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung, kurz DIfE, in Potsdam.

Auch methodisch ist die Erforschung der Kaffee-Wirkung schwierig. Wissenschaftler untersuchen gesundheitliche Folgen hauptsächlich in Beobachtungsstudien. Deren Schwäche: Die Teilnehmer haben je nach Lebenswandel mehrere Risikofaktoren, die sich nur schwer voneinander abgrenzen lassen. Nur ein Beispiel: Kaffeetrinker sind überdurchschnittlich oft Raucher – das kann Studienergebnisse verfälschen. Andere Untersuchungen prüfen die Wirkung von Koffein an Tieren oder im Labor an Zellkulturen – die Übertragbarkeit auf Menschen ist fraglich. Und letztlich muss man auch sagen: Kaffee ist nicht gleich Kaffee. Je nach Sorte, Röstung und Art der Zubereitung variieren Verträglichkeit, Wirkung und Inhaltsstoffe – dies kann Ergebnisse von Studien beeinflussen. Allein die Zahl der Inhaltsstoffe, insgesamt mehr als 1000 Substanzen, ist beeindruckend. Schon die Wirkung von Koffein ist komplex: In der Kaffeepflanze dient der Wachmacher eigentlich als Fraßschutz, der Insekten betäubt oder tötet. Auch für den Menschen gilt: „Koffein ist eigentlich ein Gift, aber in geringen Dosen regt es den Kreislauf an und fördert die Konzentration“, sagt Getränketechnologe Prof. Bernd Lindemann. Eine wirklich giftige Dosis erreiche ein Mensch aber de facto nie: „Dafür müsste man schon 100 Tassen am Tag trinken.“

Für die Funktion als Muntermacher sorgen vor allem zwei Mechanismen: Koffein verengt die Gefäße, das Herz muss dadurch das Blut mit mehr Druck pumpen. Herz- und Atemfrequenz steigen, das Gehirn und der Rest des Körpers werden optimal mit Blut versorgt. Zudem blockiert Koffein den Botenstoff Adenosin. „Adenosin könnte man als eine Art Bremse im Gehirn verstehen“, erklärt Pharmakologin Prof. Karen Nieber. Adenosin macht schläfrig und hemmt den Austausch zwischen Nervenzellen. Genau diese Bremse löst Koffein. Die Folge: Wir fühlen uns wach, können uns besser konzentrieren, verbessern unsere körperliche Leistungsfähigkeit – und haben eine schnellere Reaktionszeit.

Auf der stimulierenden Wirkung basieren zugleich Befürchtungen, Kaffee könnte das Risiko eines Herzinfarkts erhöhen. Die meisten Wissenschaftler geben jedoch Entwarnung. Zumal große Untersuchungen kaum auf Gefahren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hindeuten – darunter die 2012 veröffentlichte EPIC-Studie unter Leitung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung mit 42 000 Teilnehmern. Und: Erst im Januar kam ein Überblicksartikel von Forschern der Emory University in Atlanta im „Journal of the American Heart Association“ zu dem Schluss, dass Kaffee das Risiko für Herzerkrankungen oder Herzrhythmusstörungen nicht erhöht.

Beim Thema Krebs ist die Lage indes verzwickter: Während manche Forscher behaupten, Kaffee erhöhe das Krebsrisiko, gehen andere Experten sogar von einer Schutzwirkung aus. Als ziemlich wahrscheinlich gilt hingegen, dass Kaffee das Risiko senkt, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Das bestätigt auch die EPIC-Studie: Wer täglich mehr als vier Tassen –mehr als 600 Milliliter – koffeinhaltigen Kaffee konsumiere, habe im Vergleich zu Menschen, die durchschnittlich weniger als eine Tasse tränken, eine um 23 Prozent verringerte Gefährdung. An Koffein allein scheint der Effekt allerdings nicht zu liegen, denn auch der Konsum von entkoffeiniertem Kaffee geht demnach mit einem verminderten Risiko einher.

Zur Behandlung von Asthma wird Koffein schon seit dem 19. Jahrhundert erfolgreich eingesetzt. Die Praxis zeigt, dass der Stoff Patienten für etwa zwei bis vier Stunden Erleichterung bringen und die Atemwege entkrampfen kann. Zur Langzeitwirkung ist indes wenig bekannt. Kurzum: Insgesamt gibt es kaum Hinweise, die gegen Kaffee sprechen – zumindest bei maßvollem Konsum. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit empfiehlt, nicht mehr als 200 Milligramm Koffein pro Tag zu konsumieren – zwei bis drei Tassen Kaffee. „Man sollte möglichst Filterkaffee mit Milch trinken“, rät Experte Nieber, „weil einige Schadstoffe im Filter abgefangen werden – und Milch die Säure bindet.“ Vorsicht ist allerdings bei Osteoporose-Patienten geboten, denn Kaffee kann den Knochenschwund fördern. Und: Auch Schwangere sollten aufpassen – auf Kaffee verzichten müssen sie aber nicht.

Jenseits aller gesundheitlichen Folgen ist Kaffee aber vor allem eines: ein Genussmittel, das vielen Menschen schmeckt und ihnen hilft, in den Tag zu starten. Schon im 18. Jahrhundert scheiterte Friedrich der Große mit dem Versuch, den privaten Import von Kaffee zu verbieten. Ihm ging es dabei nicht um die Gesundheit seiner Bürger. „Die Verbote hatten etwas mit der Wirtschaftspolitik zu tun“, erklärt Historiker Prof. Martin Krieger. Der preußische König wollte, dass das Geld im eigenen Land bleibt. Kaffee-Ersatzprodukte waren aber nur mäßig beliebt – stattdessen blühte der Schmuggel. Das 1766 erlassene Verbot wurde 1787 wieder aufgehoben. Die Deutschen wollen einfach nicht sein ohne ihren Kaffee.

Von Mareike Manzke

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