Intveriew mit Ehrenprofessor

Reemtsma: "Wir sind nicht nur Sklaven unserer Biografien"

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Jan Philipp Reemtsma veröffentlicht ein neues Buch.

München - Jan Philipp Reemtsma gilt als großer Denker Deutschlands. Nun veröffentlicht er ein neues Buch. Vorher spricht er im Interview über Vorbilder und seine Entführung.

Dutzende Auszeichnungen, Ehrendoktor, Ehrenprofessor - und Millionen Menschen vor allem im Gedächtnis wegen der "Reemtsma-Entführung" vor genau 20 Jahren. Jan-Philipp Reemtsma ist weit mehr als Germanist und Multimillionär - er ist einer der großen Denker der Republik und ein unermüdlicher Kämpfer für die Gerechtigkeit. Sein neues Buch "Was heißt: einen literarischen Text interpretieren?" (C. H. Beck Verlag, 316 S., 24,95 Euro) ist dabei alles andere als leichte Kost. Doch der Mann hinter dem Buch entpuppt sich im Interview als ebenso gesprächig wie locker - und vor allem auch geerdet:

Herr Reemtsma, ich glaube, Ihr neues Buch überfordert viele Leser. Ob denn unser Interview wirklich sinnvoll ist?

Jan-Philipp Reemtsma: Mir ist bewusst, dass das Buch Leser braucht, die sich in diesem Kram umgetan haben. Aber solche Bücher muss es auch geben. Wir fangen einfach an, und dann gucken wir, was dabei für Sie rauskommt.

Sie schreiben über Texte. Was sagen Sie zum Eunuchen-Argument - also dass man etwas macht, das man selbst nicht kann?

Reemtsma: Das Argument ist ein Klassiker, egal ob in Musik oder Literatur. Ich verstehe es ganz gut, aber es ist dennoch absolut daneben. Denn zu unserer Kultur gehört, über etwas zu reden. Wenn keiner darüber spricht, malen wir uns eine Kultur aus, die es gar nicht gibt. Seit den Anfängen unserer Kultur, seit die griechische Tragödie erfunden wurde, wird darüber diskutiert. Die Leute gingen aus dem Theater raus und redeten, redeten, redeten. Sei es nun vor 2500 Jahren oder im Literarischen Quartett.

Kann man sagen: Über Kunst zu diskutieren, macht ja gerade die Entwicklung der Kunst mit aus?

Reemtsma: So ist das. Ob sich ein Kritiker einbildet, dass nach einem Verriss der Autor danach besser schreibt - ich denke da an Marcel Reich-Ranicki, der dieser Meinung war -, ist ziemlich egal und wohl auch nie der Fall gewesen. Aber der Verdienst ist zu vermitteln: Literatur kann aufregend sein, man kann sich daran entzünden.

Sie sind eine Literatur­koryphäe - wie halten Sie es etwa mit Musik?

Reemtsma: Es gab eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte. In dieser Zeit habe ich mich durch den ganzen Strawinsky durchgehört. Der Sacre hat mich fasziniert. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Strawinsky war primär ein Techniker: Er wollte wissen, was er alles so kann.

Ist Ihnen dieser Zug wesensverwandt?

Reemtsma: Ja. Ich mag diese Herangehensweise unter technischem Aspekt. So habe ich mich überall rumgetrieben, von Homer bis Robert Gernhardt. Wenn ich doziere, versuche ich immer zu vermitteln: Wie hat der Autor das gemacht? Warum ist es interessant - oder langweilig?

Liegt das, was man interessant oder langweilig findet, nicht vor allem an unserer Erziehung?

Reemtsma: Ein bisschen schon, aber wir sind nicht nur Sklaven unserer Biografien. Man kann über die eigenen Grenzen hinausgehen. Deswegen schreibe ich über Literatur: Ich will den Leser an die Hand nehmen und sagen: Guck dir das mal an! Als ob man durch einen Park spaziert. Wenn man hundertmal in ihm unterwegs war, kennt man ganz neue Perspektiven.

Und das An-die-Hand-Nehmen funktioniert?

Reemtsma: Das funktioniert. Ich habe vor einigen Jahren im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg eine Reihe gehalten namens Paare/Passionen - von Odysseus und Penelope bis zu John Lennon und Yoko Ono. Diese merkwürdigen Mann-Frau-Konstellationen bescherten uns jedes Mal ein volles Theater. Die Leute mögen das, wenn sie an die Hand genommen werden.

Ein Wort zu John Lennon?

Reemtsma: Ich mochte ihn immer, auch wenn er persönlich wohl ein absolutes Ekel war. Niemand konnte wie er Twist And Shout singen – auch vor der Queen. Zum Glück hatte ich nie etwas mit ihm zu tun, sonst hätte er mich im Suff vielleicht zusammengeschlagen. Ich mochte auch Yoko. Als Paar fand ich faszinierend, wie sie sich inszeniert haben.

Wen hätten Sie gern mal ohne Angst vor Suffprügel kennengelernt?

Reemtsma: Zum Beispiel Lessing, auch wenn er unglaublich schwierig war. Sein Werk treibt mich bis heute um. Und seine Frau Eva König, in die ich immer verliebt war.

Also besser einzeln?

Reemtsma: Nein, die beiden hatten so wenig Zeit zusammen, da möchte ich mich nicht reindrängen. Ihr Briefwechsel gehört zum schönsten in der deutschen Literatur. Ich erteile Ihnen hiermit den dienstlichen Auftrag, ihn zu lesen.

Hat Ihnen das Denken an Literatur während Ihrer Gefangengeschaft geholfen?

Reemtsma: Gar nicht. Ich hatte Papier und Bleistift, aber konnte nicht schreiben. Zur Beschäftigung mit Kunst gehört für mich ein gewisser Freiraum. Aber die Gefangenschaft hat das auch nicht zerstört.

Wann wussten Sie, dass Sie das Imperium Ihres Vaters nicht weiterführen wollen?

Reemtsma: Mit 16, 17. Wenn man so ein Unternehmen führt, muss man auch die Verantwortung übernehmen. Ich wäre kein guter Unternehmer.

Wie halten Sie's eigentlich mit Film, sagen wir: Tarantino?

Reemtsma: Ich liebe Jackie Brown. Was ist eigentlich aus Pam Grier geworden? Jeder, den ich kenne - ob Mann oder Frau - liebte diese Rolle. Pulp Fiction ist großartig, haarsträubend gut. Und Inglourious Basterds halte ich für einen großen Wurf. So eine Art kleines, unartiges Geschwisterkind zu Spielbergs Schindlers Liste.

Interview: Matthias Bieber

Reemtsma-Entführung

Reemtsma-Entführer Drach.

Von25. März bis 27. April 1996 war Jan-Philipp Reemtsma Opfer einer Entführung, die Deutschland erschütterte. Seine Verschleppung, Gefangenschaft und Befreiung hat der Unternehmersohn und Multimillionär später in seinem Buch "Im Keller" geschildert. Es gelang ihm danach, den Entführer Thomas Drach per Ermittler in Südamerika ausfindig zu machen und verhaften zu lassen.

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