Auf dem Olymp

Konzertkritik: Gabalier rockt und rollt im Oly-Stadion

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Panorama: Andreas Gabalier im rappelvollen Olympiastadion.

München - Trotz Pannen: Andreas Gabalier rockt und rollt im rappelvollen Olympiastadion. Lesen Sie hier unsere Konzertkritik.

Nein, Andreas Gabalier hat doch keine Superkräfte, wie er auf seinem aktuellen Album ironisch darstellt. Er beginnt sein Konzert im Münchner Olympiastadion zwar gewohnt kraftvoll auf dem Bühnendach, fliegt aber dann nicht herunter, sondern benutzt die Feuertreppe. Schlimmer noch: Bei Lied 3 wird der Rockstar in Lederhosen kurzzeitig sogar von einem Stromausfall gestoppt, der ihm ein „Scheiße“ auf die Lippen schreibt. Und dann lässt er auch noch seine Harmonika fallen. „So nervös wie heute war ich noch nie“, gesteht er.

Andreas Gabalier ist auf dem Olymp seiner Karriere angelangt, die hierzulande 2011 mit „I sing a Liad für di“ kometengleich begann. Kritiker werfen ihm Sexismus und übertriebene Heimatliebe vor. Doch der Grazer geht unbeirrt seinen Weg – mit Erfolg. Beispiel München: Spielte er anfangs in der Fraunhofer Schoppenstube, füllte er 2014 bereits den Königsplatz und jetzt das Olympiastadion mit 70000 Fans – so viele waren noch nie im Konzertrund. Klotzen statt Kleckern: 45 Meter breit ist die kitschige Jahrmarkt-Bühne (mit Papp-Überflieger Gabalier), genauso lang der Laufsteg. Dagegen ist das Programm überraschungslos, ähnelt zu sehr dem vom November 2015 in der Olympiahalle und weist keinen einzigen der im Voraus angekündigten Stargäste auf.

Andreas Gabalier rockt das Olympiastadion: Die besten Bilder

Trotzdem: Österreichs Volks-Rock’n’Roller hat es wieder geschafft – die Terrorangst inklusive verstärkter Sicherheitsmaßnahmen schnell in ein Heile-Welt-Gefühl und sein textsicheres Wiesn-Publikum in ein rot-weißes Schunkel-Meer zu verwandeln. Nach energiegeladenem Beginn und Stromausfall folgt knapp drei Stunden lang Gabaliers unverwechselbarer Mix aus Volksmusik und Rock’n’Roll („Great Balls of Fire“). Gaudi („Hulapalu“) und viel Gefühl. Parodie („Mountain Man“) und Plattheiten.

Klar, man könnte solch ein teils sinnfreies Sorglospaket mit einem gewissen Grusel begegnen. Und zu Songs wie „Verliebt verliebt“, zu denen Lebkuchenherzen über die Videowand flimmern, nur den Kopf schütteln. Doch Gabalier hat das gewisse Etwas, das Augenzwinkern, das Flunkern. Diesem beherzt-humorvollen Rampenschweinderl mit Whiskeystimme folgt jeder irgendwann gern, selbst auf flachere Musik-Plateaus. „A Meinung haben“ spielt der 31-Jährige für seine Kritiker. Eine Absage des Konzertes aufgrund des kürzlichen Amoklaufes in der Nachbarschaft kam für ihn nie in Frage, sagt er. „Danke, dass ihr da seid. Es ist bitter, dass man sich Gedanken machen muss, ob man das Haus noch verlassen kann.“ 

Gabalier gibt stimmlich und körperlich alles, er schwitzt und legt sich mit karierten Schneuztüchln trocken. Ebensolche gibt es – natürlich – zu kaufen. Daneben unübersehbar seine Buttermilch-Werbung. Alles scheint bei ihm perfekt inszeniert, kommt aber authentisch rüber. Der muskulöse Steirer (nimmt seinen Gitarristen und später ein Madl auf die Schultern) verkauft sich als einfacher Bergbauernbua, ist aber ein ausgebuffter Superstar der Szene, der Kitsch und Kommerz beherrscht. Einer, der alles locker nimmt, aber ernst meint. Wie seinen verrückten Plan, das Olympiastadion zu füllen, den er am 1. Juli 2017 wiederholt umsetzen möchte.

Am Ende, nach dem Haindling-Cover „Bayern, des samma mia!“, liegt Andreas Gabalier minutenlang erschöpft auf dem Boden und genießt den Fanchor. 23 Uhr müsste er eigentlich wegen der Anwohner aufhören, ein Lied darf aber nicht fehlen: „Amoi seg‘ ma uns wieder“. Für Schwester und Vater geschrieben, die sich beide das Leben nahmen, denken viele im Lichtermeer in diesem hochemotionalen Moment auch an die Opfer der vergangenen Tage.

Marco Mach

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