"La Juive" bei den Münchner Opernfestspielen

Bieito enttäuscht: Schauerroutine an der Klagemauer

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Von einer Art Sekte bedrängt wird Rachel (Aleksandra Kurzak), Ziehvater Eléazar (Roberto Alagna, re.) ist machtlos.

München - Einen so gebremsten Beifall bei einer Festspiel-Produktion gab es schon lange nicht mehr: Fromental Halévys "La Juive" unter der Regie von Calixto Bieito enttäuschte bei der Premiere.

„Das Gebot der Stunde“ seien diese Werke, so heißt es dann gern. Weil es wieder einmal hohe Zeit sei, über all das nachzudenken – über Intoleranz und Hass, über Minderheiten und Massenmeinung, über Liebe, verboten oder nicht, über Zwang und Freiheit. Als ob nicht geschätzte 98 Prozent aller Opern davon handeln würden, bis vielleicht auf „Mathis der Maler“ oder „Palestrina“, aber davon werden sich beide nie erholen. Bei Fromental Halévys „La Juive“, Repertoireschlager des 19. Jahrhunderts, das Mittelalter zitierend, aber Überzeitliches meinend und daher von den Nazis verboten, kommt noch der Geschichtsalarm hinzu. Wie oft diese Tragödie gerade in jüngster Zeit wiederbelebt wurde, fällt positiv auf. Und auch das Bestreben, dabei nur ja nicht in die Falle von 1:1-Historismus oder falscher Religionsfolklore zu tappen.

Reduktion ist also bei „La Juive“ à la mode. Das ging auf bei Peter Konwitschny in Mannheim, dem eine brennende, zierratfreie Fokussierung auf die Hauptpersonen gelang. Und das enttäuschte nun bei Calixto Bieito, ausgerechnet im Rahmen von Münchens repräsentativer Festspielproduktion.

Menetekel-Projektionen

Ob Christ oder Jude, das interessiert hier kaum, muss es vielleicht auch gar nicht, wo Grundprobleme aller Religiosität entlarvt werden können. Bieito, dessen Arbeiten sich längst vom Splatter-Image mit Skandalgarantie entfernt haben, hat das Allgemeingültige, vielmehr das Allgemeinschlechte jeglicher Konfession im Blick – und landet bei einer Sektengemeinschaft, die ihre Kinder in Wasserbottiche zur Zwangstaufe drückt und anfangs Augenbinde trägt. Aha, durch Fanatismus Erblindete: Zu oft wird man an dem langen Abend solchem ausgesetzt. Erst recht mit den Menetekel-Projektionen von Worten wie „Rache“, „Schuld“ oder „Marter“. Opernkonsumenten, das hat sich in manchen Regie-Hirnen offenbar festgesetzt, sind vor allem eines: herzlich schlicht.

Dabei bietet der strenge Rahmen eine Diskussionsgrundlage. Die drehbare Mauer aus Metallelementen (Rebecca Ringst), Trennwand, Klagemauer, Gefängnis und vieles mehr könnte das sein. Das szenische Konzept erhebt Leere und Strenge zum Prinzip – und scheint gute drei Spieldauerstunden auf etwas zu warten: auf einen Regisseur, der dies füllt. Doch Bieito, Überforderung eines Ra(s)tlosen mag das sein, liefert Typen, keine Charaktere. Dutzendware aus graumauer Schauerroutine sieht man und ein Ensemble, das bedeutungsschwanger gen Parkett starrt. Nur: Auch dort gibt’s nichts Weiterführendes.

Da singt der Star bereits auf der Felge

Am fatalsten ist das alles bei einer der interessantesten Tenorpartien der Romantik. Den von Trauma und Fanatismus zerfressenen, gleichzeitig unendlich liebenden Eléazar nimmt man Roberto Alagna nicht ab. Mit Aktentasche und grau zurückgekämmtem Haar muss er Dustin Hoffman in „Tod eines Handlungsreisenden“ nachspielen und packt erst am Ende, bei der großen Arie, schluchzendes Pathos aus. Doch da singt der Star, dessen direkte, sehr farbarme Tongebung auch Risiko bedeutet, bereits auf der Felge. Bei seiner Ehefrau Aleksandra Kurzak, vor einigen Monaten nach der Absage von Kristine Opolais von der lyrischen Rolle der Eudoxie zur Titelpartie befördert, steht ebenfalls nur ein Mittel auf dem Rezept: Dramatik, bei der das wirre Haar effektvoll fliegt und den Stimmbändern Überreizung droht. Für die Rachel fehlt der sympathisch beherzten Kurzak der stabile Vokalkern, auch die Substanz, von der aus sie sich Entlegeneres ohne Mühe erobern könnte.

John Osborn, ein höhensicherer Stilist

Dabei machen es zwei andere vor, wie das funktioniert. Vera-Lotte Böcker, erst vor wenigen Tagen für Hanna-Elisabeth Müller als Eudoxie eingestiegen, nutzt ihre Chance. Ihre Schwellenpartie wurzelt ja in der Epoche des Zierrats, drängt aber schon zu Gewichtigem. Bei der Einspringerin ist alles da: ein biegsamer, flexibler, leichtgängiger, in allen Lagen angstfrei geführter Sopran – und die sichtbare Lust, Großes zu vollbringen. John Osborn als Léopold ist ihr Pendant auf Tenorseite, ein höhensicherer, technisch kluger Stilist, der mit zweierlei kämpft – mit der undankbaren Rolle und damit, dass Calixto Bieito zum Auslöser der ganzen Tragödie erst recht nichts eingefallen ist.

Ain Anger als Kardinal liefert das, was meist von ihm verlangt wird, nämlich Nachtschwarzes. Dass er einmal Eléazar die Füße wäscht, ist ein schöner Demutsmoment. Nur: Warum? Tareq Nazmi darf die Mini-Rolle des Albert zum naiv-besessenen Kardinalsgefolgsmann aufwerten, offenbar hat das zu viel von Bieitos Probenzeit gefressen. Wenigstens nutzt der Staatsopernchor die Rampenerstarrung zu oratorischer Geschlossenheit.

Wendig klingendes Staatsorchester

Ein schwaches, ein problematisches Stück also? Die Aufführung suggeriert das, allerdings nur, wenn man sich die Ohren zuhält. Bertrand de Billy am Pult baut auf die Erziehungsarbeit von Kirill Petrenko auf. Das Bayerische Staatsorchester klingt bei aller Substanz enorm wendig. Straff, stark konturiert, trocken durchpulst ist das alles, dazu geschmeidig in der Rhythmisierung, jedenfalls farbenreicher und vielschichtiger als das, was sich oben abspielt. Die Riesenpartitur wurde beherzt gekürzt. Man kann das rechtfertigen, wie es de Billy im Programmheft tat. Man kann es aber auch auffassen als Teilkapitulation vor dem Genre der Grand Opéra: Wenn man schon ein solches Monument mit ausufernden Chören und Balletten wuchtet, dann müsste man sich eigentlich der Struktur stellen. Ein so gebremster Beifall ward bei einer Festspiel-Produktion lange nicht gehört, sogar die Buhs kamen nur mit halber Stimme. Andere Kollegen gönnen sich bei Erschlaffung eine Denkpause. Bei Calixto Bieito, dem man nicht anmerkt, warum er dieses Stück wählte, ist sie überfällig.

Nächste Aufführungen:

30. Juni sowie 4. und 8. Juli; Telefon 089/ 2185-1920.

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