Zum 75. Geburtstag

Darum ist Bob Dylan noch immer ein Fremder für uns

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Der junge Bob Dylan.

Bob Dylan, der Mann, der Popmusik zur Kunst erhob, wird heute 75 Jahre alt. Seine beispiellose Karriere hätte nach kurzer Zeit schon vorbei sein können – wäre vor 50 Jahren nicht eine heilsame Katastrophe dazwischengekommen.

Vor 50 Jahren bricht sich Bob Dylan den Hals. Das rettet ihm das Leben. Der angesagteste Rockstar auf dem Planeten will am Morgen des 29. Juli 1966 nur mal eben das Motorrad zur Reparatur bringen. Drei Tage hat er kein Auge zugetan, aber Drogen eingeworfen – gerne, danke. „Man braucht eine Menge Medizin, um dieses Tempo durchzuhalten“, sagt er damals und meint die Geschwindigkeit, in der sich sein Leben bewegt.

Seine Maschine macht das Tempo nicht mit. Bei Woodstock blockiert sie, er fliegt über das Lenkrad, bricht sich mehrere Nackenwirbel. Der Vorhang fällt. Dylan überlebt, aber für gut sieben Jahre verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Ein gütiges Schicksal hatte diesem Leben auf Speed die Reißleine gezogen. Bob Dylan, der wichtigste Künstler der Popgeschichte, würde heute wohl kaum 75 Jahre alt werden, hätte er damals so weitergelebt.

Am 24. Mai 1966 wird er gerade mal 25, doch in den fünf Jahren zuvor hat er die Welt aus den Angeln gehoben. Rock ist noch jung. Es ist eine Zeit, in der man viele Dinge zum ersten Mal machen kann – und Dylan macht sie: das erste Pop-Doppelalbum. Den ersten Musikvideoclip. Songs, die sich nicht mehr um Teenager-Dramen drehen, sondern vertonte Gedichte sind und so lang, dass sie mitunter ganze LP-Seiten einnehmen. Die erste Film-Dokumentation, die nur einen Zweck erfüllen soll: den Künstler cool aussehen zu lassen. Und das ist er. Dylan ist cool wie ein junger Gott, ein unterernährter Kakadu mit Sonnenbrille, ein wandelndes Orakel, das surreale Sätze spuckt.

Mit einer Stimme, die klingt, „als ob sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums geweht wäre“, so sagt ein Kritiker. Zu wahr, um schön zu sein. Und das ist schon Dylans zweite Inkarnation: Als sich der Bursche Robert Zimmerman 1961 von seiner Heimatstadt, dem schäbigen Bergbau-Kaff Hibbing im Norden der USA, nach New York aufmacht, singt er im Greenwich Village die alten Balladen über Mörder und Arbeiter aus der Zeit der Depression, wie sein Vorbild Woody Guthrie es getan hat. Er war schon immer vor allem an den Musiktraditionen US-Amerikas interessiert, deren lose Enden er aufnimmt und weiterspinnt. Der Jungspund schreibt Hymnen wie „Blowing in the Wind“ und wird zur Speerspitze der friedensbewegten Folkmusik-Gemeinde. Doch dann hängt er den Job als klampfender Messias an den Nagel – und sich eine E-Gitarre um. Beim Newport Folk Festival 1965 bringt er eine elektrisch verstärkte Band mit und wird als Judas, als Verräter der reinen Lehre beschimpft.

Der Legende nach bringt Dylans Radau auf der Bühne den Folk-Paten Pete Seger derart auf die Palme, dass dieser versucht, die Verstärker-Kabel mit einer Axt durchzuhauen. Noch im Mai 1966 stehen sich bei Dylans Konzerten Teile des Publikums und die Band auf der Bühne wie verfeindete Streitmächte gegenüber. Fünf Jahre. So lange brauchen heutzutage Bands wie U2 oder Radiohead, um ein neues Album zu veröffentlichen, das klingt wie ihre alten. Dylan dagegen erhebt in diesem Zeitraum die Popmusik und das Brechen von Regeln zur Kunst. Im Zeitraffer, rastlos wie Quecksilber, im Sturzflug. Dann geht der Fallschirm auf. Nach dem Motorradunfall weiß – wie bei allem, was mit Dylan zu tun hat – keiner nichts Genaues.

Der Rockstar habe ein Ende à la James Dean genommen, behaupten manche. Andere sagen, er vegetiere vor sich hin, wieder andere wissen aus sicherer Quelle, dass er einem Komplott der CIA zum Opfer gefallen sei. Noch in seiner Abwesenheit ist Dylan in den folgenden Jahren omnipräsent. Songs, die er im Keller aufnimmt, werden durch andere Interpreten zu Hits. Die Welt liegt ihm zu Füßen je mehr, je weniger sie von ihm weiß. „Ich wünschte, Bob Dylan wäre tot“, schreibt in den Siebzigern der Journalist Mark Jacobson. „Dann könnte ,Kanal 5‘ endlich eine Dokumentation seines Lebens zusammenstellen... Bloß die unveränderlichen Fakten.“ Ein böser, doch erhellender Wunsch: Dylan überfordert seine Zeitgenossen.

So viele falsche Fährten, Behauptungen und Legenden. Er bleibt uns ein Fremder. Viele der Blendgranaten um seine Person zündet Bob Dylan selbst. Schon bei seinem ersten Vorstellungsgespräch vor einem Schallplattenboss behauptet er, er sei als Landstreicher vom Zug gefallen. Reportern, die seinen richtigen Namen wissen wollen, sagt er: „Kunezevitch.“ „Und Ihr Vorname?“ „Das war mein Vorname. Den Nachnamen will ich Ihnen nicht sagen.“ Seine Eltern habe er nie kennengelernt, gibt er an anderer Stelle zu Protokoll, während sich Mama und Papa Zimmerman zwei Blocks entfernt im Hotel auf den Auftritt ihres Sohnes freuen.

Im Laufe seiner nunmehr 55 Jahre währenden Karriere hat Dylan sich so viele Masken übergezogen – da verwundert es nicht, dass ihn 2009 in New Jersey eine 24-jährige Polizistin festnimmt. Dieser verknitterte Landstreicher behauptet zwar steif und fest, er wolle nirgendwo einbrechen, er sei mit Willie Nelson und John Mellencamp auf Konzertreise und gehe nur ein bisschen spazieren – aber weiß man’s? Die Welt betrachtet Bob Dylans Leben längst wie das eines Malers. Man unterteilt sein Schaffen in Perioden. Nicht die blaue oder rosa Periode wie bei Picasso, aber doch klar definiert: die frühe freche Folk-Phase, die produktive Popstar-Phase Mitte der Sechziger, dann die Einsiedler-Phase nach dem Motorrad-Unfall, die Scheidungsphase, die Phase als Tingeltangel-Bob mit Zirkus-Show, die Phase, in der er das Christentum predigte. Seit 1988 befindet er sich auf „Never Ending Tour“, in jüngster Zeit sieht er aus wie ein mexikanischer Schrotthändler und singt, nun ja, Songs von Frank Sinatra. Dylan hat vieles vorgemacht, auch wie man als Rockmusiker gut in die Jahre kommt.

Sein Weg ins Alterswerk ging nicht ohne kreative Abstürze über die Bühne, aber seit langer Zeit steht der Mann wieder wie ein Monolith in der Landschaft. Veröffentlicht alle paar Jahre eine umjubelte Platte, bekam 2008 den Pulitzer-Sonderpreis, wird immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen – als singender Dichter in der Nachfolge des sagenhaften Orpheus, der biblischen Psalmisten und der mittelalterlichen Vaganten. Bob Dylan hat das Jahr 1966 überlebt, er ging nicht Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin und all den anderen voraus ins Reich der berühmten Unvollendeten. Heute sterben dafür die, für die Dylan selbst ein Idol war: Joe Cocker, David Bowie, Lemmy Kilmister, Prince. Götterdämmerung im Pop-Olymp, und auch für den Größten von allen liegen die Nachrufe schon in den Schubladen der Feuilletons. Wenn es dereinst so weit sein wird, wird allerdings jeder ganz genau prüfen, ob Bob Dylan wirklich endgültig von der Bühne abgetreten ist – oder ob er nicht doch nur einen weiteren Haken geschlagen hat und irgendwo den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Unerkannt, als ein Fremder.

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