Rückblick auf Klassik am Odeonsplatz

Klassik am Odeonsplatz: Appell an die Brüderlichkeit

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Stimmungsvoll - und mehr als eine ausgelassene Musikfeier: Der Odeonsplatz war auch am zweiten Tag ausverkauft.

München - Beethovens neunte Symphonie bewegt 8000 Zuhörer am zweiten Abend von Klassik am Odeonsplatz

Fast exakt 22 Uhr ist es, und der Abend entfernt sich endgültig vom bloßen Konzert mit Aperol-Spritz-Beilage, biegt dabei ins Überhöhte, ins Manifest mit politischem Mehrwert ein. Noch einmal kehrt das Freudenthema in Beethovens Neunter machtvoll zurück, und langsam wandelt sich die Beleuchtung der Feldherrnhalle von Bonbon-Ästhetik zur Trikolore. Ähnliches ist zwar schon tags zuvor, beim Konzert der Münchner Philharmoniker passiert. Doch mit Ludwig van Beethovens und Friedrich Schillers Appell an Brüderlichkeit inklusive Zweifel („Überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen“) kriecht 8000 Besuchern, die in diesen Minuten nicht nur an Nizza oder Paris denken, ein Schauer über die verschwitzten Rücken, mancher verdrückt gar eine Träne.

Beethovens letzte Symphonie, zugleich zur Europahymne geadelt, ist in diesen Wochen das bestmögliche Werk für Klassik am Odeonsplatz. Vor einem Jahr, nach den Anschlägen von Paris, habe das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Opus ausgewählt, sagt Martin Wagner, BR-Hörfunkdirektor, vor Beginn – damals nicht ahnend, dass Text und Töne noch viel aktueller werden sollten. Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers findet ebenfalls ernste, angemessene Worte und widmet das Konzert den weltweiten Terroropfern. Und spätestens jetzt ist klar: Dieses Open Air ist mehr als eine ausgelassene Musikfeier.

Am Tag zwei der Odeonsplatz-Spektakel ist das Areal vor der Feldherrnhalle sogar inklusive letztem Platz (und nach einer finalen Werbeanstrengung des BR) gefüllt. Der Promi-Auflauf in den vorderen Blöcken ist beeindruckend. Die entscheidenden Fragen des Abends liegen für manchen aus dieser Klientel wohl eher in anderen Sphären: Wie lange muss man vor dem Sitz stehen bleiben, bis sich ein Pressefotograf erbarmt? Und: Schaffen wir es in der Pause vom Vip-Zelt auf dem Wittelsbacher Platz zurück zu Beethovens Götterfunken? Einige scheitern.

Vor der Pause dirigiert Daniel Harding, ewiger Hoffnungsträger der Dirigentenzunft, Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre als grollenden Auftakt mit historisch informierten Klangwiderhaken, Hannes Läubin bläst dazu das Trompetensolo aus einem der Fenster. Robert Schumanns „Nachtlied“ bringt vor allem Atmosphäre, den Text bekommt man im Grunde nur mit, wenn man Lippen liest, dabei Harding und die BR-Chorsänger in Großaufnahme auf der Leinwand neben der Feldherrnhalle verfolgt.

Gekommen waren alle ohnehin wegen des Opus, das für viele nur ein Dasein als Silvesterkracher fristet. Die ersten drei Sätze rumpeln schroff, zu schnell und ungeschmeidig vorbei. Hardings Interpretation hätte eher zu anderen Umständen gepasst: zu einem auf Alte Musik gepolten Kammerorchester, das im Prinzregententheater spielt. Im Finale ist die Aufführung gottlob ganz bei sich gelandet. Gerald Finley setzt sich weit von den anderen Solisten Annette Dasch, Elisabeth Kulman und Andrew Staples ab, der BR-Chor bewegt sich souverän durch Beethovens Stimmbandkiller. Jubel, vereinzelte Standing Ovations. Eine Zugabe wäre nicht angemessen gewesen.

Klassik am Odeonsplatz - So war der erste Abend:

Klassik am Odeonsplatz: Atmosphäre und Bachs "Air"

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