Interview zur neuen CD

Funny van Dannen: „Ich bin ein Pfeifkomponist“

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„Man muss alles ein wenig runterkochen in unserem Land“: Funny van Dannen präsentiert auf „Come on“ 20 neue Lieder.

München - Funny van Dannen spricht im Interview über seine Anfänge mit Heino, die Kaufpolitik der Bundesliga und Themen-Tabus. Ein Gespräch zum Erscheinen der neuen CD:

Der Mann ist Kult. Die Fans von Funny van Dannen sind eine eingeschworene Gemeinde, ähnlich wie bei Helge Schneider. Seit Mitte der Neunzigerjahre versieht der 58-Jährige seine Anhängerschaft mit kleinen, lässigen und skurrilen Liedern zwischen Nonsens, versteckter Philosophie und viel Poesie. Stücke wie „Jesus liebt Jane“ oder „Nana Mouskouri“ sind eher die heimlichen Hits im Repertoire, andere Nummern wie etwa „Bayern“ mit den Toten Hosen wurden sogar Songs für die Masse. Jetzt erscheint die neue CD „Come on“.

Das neue Album entstand live und solo im Club Lido. Nehmen Sie so am liebsten auf?

Funny van Dannen: Nicht unbedingt. Das hat sich so ergeben. Wir haben ins Blaue hinein aufgenommen. Und da es schön geworden ist, haben wir die Sache als Platte rausgebracht. Ganz früher bin ich ja mit Bands aufgetreten, dann bin ich alleine übrig geblieben. Das hat den Vorteil, dass man die Gage nicht teilen muss. Aber generell ist Musikmachen mit anderen schon schöner.

Es geht los mit dem Song „Schön singen“. Wann haben Sie zum ersten Mal gehört, dass Sie schön singen können?

van Dannen: Ach, ich habe mich im Kinderkarneval in ein schwarzes Jackett gepackt und Heino imitiert. Das war um 1970 herum. Die Mutter meines besten Freundes hat damals zu meiner gesagt, dass es doch erstaunlich sei, wie gut ich singe. Sie hat gar nicht gemerkt, dass es Playback war. Das war wohl das erste Mal, dass ich dieses Kompliment hörte.

Im zweiten Lied verprügeln Sie im Traum Wolfgang Schäuble. Erwarten Sie eine Reaktion?

van Dannen: Ach nee. Das ist ein alter Hase. Es geschieht ja nur im Traum, und ich bin auch gar nicht glücklich darüber. Das Lied soll ja nur das Ohnmachtsgefühl ausdrücken, das wir oft gegenüber der Politik empfinden.

Sie machen sich gerne Feinde unter Fußballfans. Einmal haben sie den FC Bayern beschimpft, jetzt thematisieren Sie die latente Homosexualität der Liga.

van Dannen: Ich interessiere mich halt für Fußball. Und es ist ja alles nicht so böse gemeint, wie es scheint. Es geht um Geschichten wie jetzt den Fall Mario Götze: Spieler werden gekauft, die dann auf der Bank sitzen. Das ist schlecht für den Spieler und schlecht für den Sport. Eine Vergeudung von Talent! Es ist unglaublich, wie Vereine wie Nürnberg über Jahre hinweg ausgesaugt werden. Ich bin aber deswegen gar nicht gegen den FC Bayern. Wenn der zum Beispiel gegen Atlético Madrid spielt, halte ich zu ihm.

Erstaunlich positiv und gar nicht hinterfotzig kommt das sommerliche „Wir Deutschen“ daher…

van Dannen: Ich sehe unser Land gar nicht so negativ. Man muss alles ein wenig runterkochen, auch die ganze Problematik mit den Flüchtlingen. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch. In dem Ort kümmern sich die Leute ganz gut um die dort untergebrachten Flüchtlinge. All das sollte man also schon richtig einzuschätzen wissen.

Sie haben drei Söhne. Verändert das die Sicht auf die Weltlage?

van Dannen: Ich sehe die Welt jetzt auch nicht anders als ohne Kinder. Ich finde es seltsam, wenn Leute sagen: Dank meiner Kinder betrachte ich alles mit anderen Augen. Vielleicht ändern sich einzelne Positionen. Der Schwachsinnssatz unserer Jugend hieß ja: In diese Welt darf man keine Kinder setzen.

Mit ähnlichen Problemen beschäftigt sich in einem Ihrer Lieder eine schwangere Stammzellenforscherin, die überlegt, ob sie abtreiben soll.

van Dannen: Die Frage wird auch nicht beantwortet. Das muss jeder in der Situation für sich selbst entscheiden.

Das Lied ist – wie manchmal bei Ihnen – nicht lustig, obwohl es erst einmal so klingt. Wie erleben Sie das Publikum, wenn die Stimmung dementsprechend umschlägt?

van Dannen: Das ist schon spannend. Die Leute werden dadurch gefordert. Und das finde ich gut.

Gibt es Tabus? Über was singen Sie nicht?

van Dannen: Es gibt Einzelfälle. Eines meiner Lieder handelt davon, dass ich Fahrrad fahre und mir einer von hinten mit einer Machete den Kopf abschlägt. Das sollte ich wohl zurzeit nicht singen. Ganz peinlich war es einmal so um 1995 herum in Koblenz. Als ich zu einem Auftritt kam, musste ich erfahren, dass der Mann, der mich engagiert hatte, gestorben war und mit einer CD von mir beerdigt wurde. Das war ein Schock. Ich gehe auf die Bühne und singe als Erstes „Haben Sie schon mal einen Toten angefasst“. Schrecklich! Ich habe mich entschuldigt und mit einem anderen Lied von vorn angefangen.

Nochmals zu Ihrem neuen Album: Es fällt auf, dass Sie zu Beginn vieler Lieder pfeifen. Warum?

van Dannen: Das ist wohl eine Alterserscheinung. Es ist quasi meine Erinnerung an Melodien. Wenn ich mit dem Lied anfange und die Melodie nicht mehr genau weiß, pfeife ich sie. Ich pfeife einfach gerne. Es ist vielleicht wirklich ein bisschen viel geworden. Hildegard Knef hat so etwas „Pfeifkomponist“ genannt. Das bin ich wohl.

Das Gespräch führte Antonio Seidemann.

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