Im Merkur-Interview

Georg Schramm: "Grundübel ist der Krieg Reich gegen Arm"

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Georg Schramm.

München - Kabarettist Georg Schramm spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seinen Rückzug von der Bühne, die Flüchtlingskrise und die Zukunft Europas.

Er spielte einen desillusionierten alten Sozialdemokraten und einen zynischen Bundeswehroffizier, am bekanntesten aber wurde er durch seine Kunstfigur Lothar Dombrowski. Als „Mann mit der Lederhand“ las Kabarettist Georg Schramm der Polit- und der Wirtschaftselite Deutschlands über viele Jahre unnachsichtig die Leviten, in von Kritik und Publikum gefeierten Bühnenprogrammen wie „Thomas Bernhard hätte geschossen“, aber auch im Fernsehen, in Sendungen wie „Scheibenwischer“ (ARD) und „Neues aus der Anstalt“ (ZDF). Vor zweieinhalb Jahren beendete der 67-Jährige seine Karriere, am Montag Abend wird er im Münchner Lustspielhaus mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises ausgezeichnet.

Sie haben anlässlich eines Gastauftritts bei der Gala zum 60. Geburtstag der Lach- und Schießgesellschaft im Juni in den Münchner Kammerspielen von allen Gratulanten des Abends den größten Auftrittsapplaus bekommen. Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?

So etwas ist mir unheimlich. Auf meiner letzten Tour sind ja auch immer wieder die Leute aufgestanden am Schluss. Damit kann ich gar nicht umgehen.

Wie erklären Sie sich die große Popularität vor allem Ihrer bekanntesten Figur Lothar Dombrowski?

Wenn ich das wüsste! Der Dombrowski ist ja durch Zufall entstanden, bei einer halb privaten Veranstaltung. Da waren viele emanzipierte Mütter mit ihren Kleinstkindern im Saal, und die haben sich einen Scheißdreck um das gekümmert, was der Mann da auf der Bühne sagt. Und weil man Kinder nicht anblaffen kann, habe ich spontan die Mütter angeblafft. Dann ist die ganze Nummer gekippt. Am Ende bin ich wutentbrannt rausgelaufen – und alle haben gelacht.

"Es gibt Sätze von AfD-Politikern, die Dombrowski für richtig hält"

Reden Sie sich privat auch gern in Rage?

Sagen wir so: Ich halte gerne Vorträge, übrigens auch zuhause, über geschichtliche und politische Zusammenhänge, um die Leute zu belehren und auf den rechten Weg zu führen. Wenn ich das auf der Bühne als Georg Schramm gemacht hätte, hätte ich keinen Heller damit verdient. In der Figur des Dombrowski hat das die nötige Fallhöhe. Das Publikum sieht einem Mann zu, der alles andere als komisch sein will, es aber offensichtlich ist.

Bedauern Sie nicht manchmal, aufgehört zu haben, wo man Sie doch immer noch so feiert?

Nein. So ist mir das viel angenehmer, als wenn die Leute sagen: „Wann hört er denn endlich auf?“ Ich habe gemerkt, dass ich mich nicht mehr weiterentwickle, dass mir allmählich der Witz abhanden kommt. Mit dem Applausvorschuss wie neulich bei der Gala in München kann ich fünf, sechs Minuten überbrücken, aber kein ganzes Programm mehr bestreiten.

Unvergessen Ihr Wort von den „Politfiguren, die in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren“. Dafür haben Ihnen die Zuschauer stürmisch Beifall geklatscht und dann doch immer wieder dasselbe Personal gewählt. Heute gelten Politiker der etablierten Parteien vielen als „Volksverräter“...

Georg Schramm privat: Der gebürtige Hesse lebt heute in Badenweiler (Baden-Württemberg).

Das beschäftigt mich sehr. Es gibt durchaus Sätze von AfD-Politikern, die auch Dombrowski für richtig hält. Wenn die AfD sagt, wir würden von den politischen Eliten systematisch an der Nase herumgeführt, dann ist das ja nicht falsch. Wir wissen alle, dass der Rückgang der Flüchtlingszahlen nicht das Verdienst Angela Merkels ist, sondern das Ergebnis der unsäglichen Politik der Österreicher und einiger Balkanstaaten und die Konsequenz eines üblen Kuhhandels Deutschlands mit der Türkei. Jetzt ersaufen die Flüchtlinge wieder im Mittelmeer. Die AfD kritisiert die verfehlte Flüchtlingspolitik, um dann aber genau das Falsche zu fordern.

Was wäre das Richtige?

Das Grundübel ist nach Warren Buffett (amerikanischer Multimilliardär, Red.) der Krieg Reich gegen Arm. Und das wird nicht miterwähnt, nicht nur von der AfD nicht. Die suchen nur einen Sündenbock – und das sind eben die Flüchtlinge. Reich und Arm sind ja keine Kategorien mehr, die man auf Länder anwenden könnte. Die wirklich Reichen haben sich ja längst von den Staaten gelöst. Es ist doch eine Posse, dass Apple 13 Milliarden Euro Steuern an Irland zahlen soll, die Iren das Geld aber gar nicht haben wollen. Das zeigt doch, wo die Macht tatsächlich sitzt. Darüber wird aber nicht geredet, ebenso wenig über die wahren Gründe der weltweiten Flüchtlingsströme. Das gehört aber zwingend dazu.

Rechte Parteien vieler Länder blasen ja zum Angriff auf die EU.

Auch da werden aus richtigen Beobachtungen die falschen Schlüsse gezogen. Natürlich kann das so nicht weitergehen. Denken Sie nur an Jean-Claude Juncker. Das ist im Grunde kein richtiger Politiker, sondern der Pate einer Steueroase. Luxemburg ist auch kein richtiges Land, sondern eine Firma, die die EU-Partnerländer beziehungsweise deren Finanzämter über Jahrzehnte systematisch ausgeplündert hat. Für diese Feststellung würde mir Frauke Petry vermutlich auf die Schulter klopfen. Ohne Europa sind wir trotzdem aufgeschmissen. Die europäische Idee ist ein Segen für unseren Kontinent, nach so vielen kriegerischen Jahrhunderten. Deswegen müssen wir ihn retten, vor allem vor denen, die ihn besetzt halten.

Wer ist das?

Die internationalen Konzerne – aber nicht nur die! Bevor die Flüchtlinge die Schlagzeilen bestimmt haben, waren die Griechen die Bösen. Niemand hat damals mal laut gesagt, dass die Bundesregierung Griechenland Kredite nur unter der Bedingung gewährt hat, dass davon deutsche Rüstungsgüter gekauft werden.

Finanzkrise, islamistischer Terror, Flüchtlingskrise – ist die Welt schlechter geworden?

Nach meinem Gefühl ja. Denn nun treten die negativen Seiten der Globalisierung immer mehr zutage. In Afrika beispielsweise werden der Bevölkerung die fruchtbarsten Böden unter dem Hintern weggekauft, von internationalen Investorengruppen. Die Finanzbranche überschreitet buchstäblich alle Grenzen. Und dann wird davon gesprochen, dass sich die Situation der Menschen weltweit im Durchschnitt verbessert hat. Wenn Sie die eine Hand auf die Herdplatte legen und die andere in den Gefrierschrank halten, dann ist die Durchschnittstemperatur auch prima.

"Ab und zu treffe ich Urban Priol und Jochen Malmsheimer"

Wenn Sie Politiker wären und ein Sofortprogramm entwerfen würden, was stünde da ganz oben, unter Punkt 1, 2 und 3?

Fragen Sie mich nächste Woche noch mal, bis dahin habe ich drei Punkte aufgeschrieben.

Was sagen Sie zum kabarettistischen Nachwuchs?

Nico Semsrott finde ich gut, den habe ich mir mal angesehen, weil ich nicht glauben konnte, dass der diese tief depressive Nummer einen ganzen Abend lang durchziehen kann. Aber er kann es – und die Zuschauer sind entzückt. Auch die „Anstalt“ mag ich sehr. Ansonsten verfolge ich die Kabarettszene nicht mehr so aufmerksam wie früher. Ich lebe hier mehr im als am Wald, lese viele der Bücher, die ich immer lesen wollte.

Und was macht der Kabarettist im Ruhestand Georg Schramm, wenn er nicht liest?

Ich koche sehr gerne und esse das dann auch, auch meine Frau isst fast alles, was ich ihr hinstelle. Sie ist mittlerweile beruflich so eingespannt, dass es gut ist, wenn jemand für sie kocht. Und ich streune in meinem Garten herum und rede mit meinem Hund. Ab und zu treffe ich mich mit meinen alten Kameraden Urban Priol und Jochen Malmsheimer.

Comeback ausgeschlossen?

Man sollte nie etwas ausschließen. Vielleicht, wenn die Lage so ernst wird, dass die Leute sagen: „So Georg, jetzt kannst Du aber nicht mehr zuhause bleiben!“ Aber das wünsche ich niemandem.

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