Eröffnungspremiere Bregenzer Festspiele

Hamlet in Bregenz: An Verdi vorbeigekurvt

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"Essere o non essere": Pavel Cernochs Charakterstimme passt gut zu seiner Rolle als Bregenzer Hamlet, rechts Dshamilja Kaiser als Königin.  

Bregenz - Wiederbelebung von Franco Faccios effektvoller „Hamlet“-Oper zur Eröffnung der 70. Bregenzer Festspiele.

Der Schädel Yoricks ist dabei. Papas Geist, der aus grellem Gegenlicht nach vorn schreitet, dabei von seiner Ermordung raunt. Und natürlich die berühmteste Theaterfrage überhaupt, die hier mit „Essere o non essere“ nach Chianti schmeckt, jedenfalls weniger hart ausfällt als das deutsche „Sein oder nicht sein“. Sogar Giuseppe Verdi ist, von ihm eher ungewollt, anwesend. Nicht mit geklauten Musikzitaten, aber mit ein paar Ahnungen und Details, die aus „Rigoletto“ und „Macbeth“ widerhallen. „Hamlet“ hätte er unter Umständen selbst gern vertont, Franco Faccio (1840–1891), unter anderem als Uraufführungsdirigent von Verdis „Otello“ bekannt, hat’s riskiert. Und brachte es dabei, nach ein paar erfolgreichen Aufführungen, allenfalls zur längeren Fußnote. Wieder ist das also passiert.

Drei Stunden sitzt man in der Bregenzer Eröffnungspremiere, hört, sieht und staunt und reibt sich die Ohren – warum um alles in der Welt ist „Amleto“, 1865 in Genua herausgebracht und sechs Jahre später erst in einer neuen Mailänder Fassung erfolgreich, durchs Raster gerutscht? Mit der Wiederbelebung des Vierakters sind die Festspiele unterm Pfänder in ihrem 70. Durchgang zu alten Gebräuchen zurückgekehrt. Draußen wird der Blockbuster gespielt (heuer im zweiten Jahr Puccinis „Turandot“), der die Ambition drinnen querfinanziert. Die größte Erkenntnis, die man von diesem spannenden Abend mitnimmt: Es gibt tatsächlich eine Nebenstraße, ein bisschen holprig, kurvig und zugewuchert, die vom Belcanto Donizettis an Verdi vorbei ebenfalls in den italienischen Verismo mit seiner hemdaufreißenden Emotion führt.

Faccio bildete mit dem Verdi-Librettisten Arrigo Boito (der seinerseits mit „Mefistofele“ Avanciertes komponierte) ein wildes Gespann. Das Experiment, das Herumschrauben an Strukturen, das kleine Wagnis in der instrumentalen Mixtur, all das schien wichtiger als die Melodie. Man geht nicht heraus aus dieser Premiere mit einem Schlager auf den Lippen, wohl aber mit der Gewissheit, ein effektvolles Stück erlebt zu haben, das funktioniert. Shakespeares Vorlage haben die beiden Italiener klug gekürzt auf eine Schlaglicht-Dramaturgie, bei der erst im zweiten Teil, wenn fast jeder der Protagonisten seine große Szene bekommt, die Nummern ausschwingen dürfen. Einiges brennt sich ein, gerade Momente wie das Terzett zwischen Hamlet, seiner Mutter und dem Geist des Vaters, die die klassische Figurenstruktur der italienischen Oper um eine Umdrehung bereichern.

Hier geht es zur ORF-Kritik von Markus Thiel

Naturgemäß am meisten haben sich Faccio/ Boito um den Titelhelden gekümmert, dessen Vater einst von Onkel Claudio gemeuchelt wurde, der seinerseits sofort Hamlets Mutter ehelichte. Dass darüber Hamlets geliebte Ophelia irrsinnig wird, fängt die Oper mit einer ausgedehnten lyrischen Szene auf, die kaum mehr etwas hat vom Verzierungsfeuerwerk früherer Epochen.

Das einzige Problem des Abends: Ophelia und das übrige Personal um Hamlet herum erheben sich kaum aus der Zweidimensionalität. Regisseur Olivier Tambosi ist daran nicht ganz unschuldig. Mit Frank Philipp Schlößmann (Bühne) und Gesine Völlm (Kostüme) zitiert er die Shakespeare-Zeit, ohne die Renaissance als Orgie in Samt und Leder nachzubuchstabieren. Die alte Chiffre vom Theater auf dem Theater muss herhalten, in Bregenz liefert das eine schöne, klare, sehr aufgeräumte Szenerie. Alles ist auf spiegelglatt gewienertem Boden in vollendeter, routinierter Balance. Eine Inszenierung, die dient, erzählt und sich angemessen verhält, schließlich ist das reanimierte Werk wichtiger. Dem Totenreich scheinen diese Pluderhosenwesen ins Schwarz-Weiß entstiegen, die als Festgesellschaft die Hauptfiguren umwuseln. Ein paar Details, etwa die Augen auf den Gewändern, gaukeln Mehrwert vor, das war’s aber schon auch.

Den Sprung aus dem Flachrelief schafft Hamlet, auch dank eines großartigen Sängers. Ein Getriebener, auf sich Zurückgeworfener, immer kurz vor dem Vulkanausbruch und unfähig zu zärtlicher Nähe ist da zu sehen: Ophelia wird von ihm zwar berührt, aber als Spielzeug behandelt. Pavel Cernoch gestaltet das auch vokal mit Vehemenz und Konditionsstärke. Dass er über keinen Ohrenschmeichler-Tenor, sondern eher über eine Charakterstimme verfügt, passt ideal. Iulia Maria Dan (Ophelia) hat sich nach der Pause freigesungen, auch sie eher von der herb timbrierten Front. Dshamilija Kaiser drängt als Königin Gertrude mit Aplomb Claudio Sgura als König Claudio fast zur Seite. Das übrige Ensemble ist ebenfalls weitgehend auf den Punkt besetzt. Dirigent Paolo Carignani treibt das Stück mit den Wiener Symphonikern ins Kantige, Effektvolle, auch Knallige. Wie die Partitur mit einem lyrischer Gelaunten, an Farbnuancen und Bogengestaltungen interessierten Kollegen klingen würde, wäre eine lohnende Erfahrung. Was dafür bislang fehlt und sich finden lassen sollte: ein Haus, das Faccios Shakespeare-Oper nachspielt. Drei Aufführungen in Bregenz, kein Koproduzent, allenfalls eine DVD, das hat „Hamlet“ nicht verdient. 

Weitere Aufführungen: 25. und 28. Juli; Telefon 0043/ 5574/ 4076.

Markus Thiel

Markus Thiel

E-Mail:markus.thiel@merkur.de

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