Hommage und Buchkritik

Todestag von Rio Reiser: Held ohne Plan B

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Verspieltes Gedenken: Rio Reisers Grab auf dem Berliner St.-Matthäus-Friedhof.

Vor 20 Jahren starb der oft missverstandene Agit-Rocker Rio Reiser, Kopf der Band Ton, Steine, Scherben.

Im Jahr 1970, als Rio Reiser mit seiner Band Ton, Steine, Scherben auftauchte, war die Sache klar: Er galt als Agit-Rocker, der mit herausgebrüllten Titeln wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ den Soundtrack für die radikal-linke Szene produzierte. Als Reiser am 20. August vor 20 Jahren mit 46 starb, war das alles allerdings nicht mehr so eindeutig. Entnervt von dem Gefühl, dass sie die selbstgerechte Berliner Anarchoszene zum Lieferservice für gefällige Parolen degradierte, wandte sich die Band um Reiser schon Mitte der Siebzigerjahre von vordergründig politischen Texten ab. Als Solokünstler hatte er dann ab 1985 überhaupt keine Lust mehr, sich zu rechtfertigen. Zum Beispiel dafür, mit „König von Deutschland“ einen echten kommerziellen Hit eingespielt zu haben oder mit seiner Homosexualität offen umzugehen.

Rio Reiser.

Frühe Scherben-Fans waren enttäuscht, dass ihr Held, der zum Schwarzfahren und Besetzen von Häusern aufgerufen hatte, mittlerweile über private Befindlichkeiten sang. Und Reiser, der war gelangweilt von den immer gleichen Diskussionen und der Ignoranz von Spießern, die nicht verstanden, dass Musiker keine Projektionsflächen für fremde Träume sind, sondern Menschen, die ihren eigenen Weg gehen müssen. Und ab und zu auch Rechnungen zahlen müssen.

Als sich Ton, Steine, Scherben auflöste, war die Band hoch verschuldet. Für Rio Reiser, den Schulabbrecher, der nie einen Plan B hatte, ging es folglich immer auch um die Existenz im Wortsinn. Im Rückblick erst wird einem klar, welch außergewöhnliche Leistung der Mann unter diesen Umständen vollbracht hat.

Die ehemalige Scherben-Managerin und heutige Grünen-Bundespolitikerin Claudia Roth, die zeitweise auch in der Scherben-WG auf dem flachen friesischen Land lebte, erinnert sich noch heute gern daran, wie gewissenhaft und gründlich Reiser an Texten und Musik gefeilt hatte. Er glaubte nicht an Inspiration, sondern an harte Arbeit. Bei den späteren Scherben-Alben schlug sich das in einer beachtlichen musikalischen Bandbreite nieder. Drei Akkorde und provokante Texte, damit wollte sich Reiser auf Dauer nicht zufriedengeben. Dafür war er zu ehrgeizig, zu neugierig und zu klug.

Als er 1988 Solo-Konzerte in der DDR spielte, nahm er dort, anders als im Westen, auch viele Klassiker der Scherben ins Repertoire auf, weil er wusste, dass es Wut und Unzufriedenheit im real existierenden Sozialismus gab. Bei „Der Traum ist aus“ rastete das Publikum in Ost-Berlin regelrecht aus, als Reiser sang: „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß nur eins: Dieses Land ist es nicht!“

Es spricht sehr für Rio Reisers Lieder, dass sie einen doppelten Boden haben und je nach Blickwinkel ganz neue Bedeutung bekommen können. Es lohnt sich also, Reisers Werk unbefangen neu zu erkunden und einen erstaunlichen Künstler zu entdecken, der etwas zu sagen hatte. Selbst wenn es manchmal purer Nonsens wie „König von Deutschland“ war. Muss ja auch mal sein – ohne Spaß ist das Leben schließlich nicht so richtig zu ertragen.

Zoran Gojic

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