Neue Platte

Beginner im Interview: „Wir sind keine hängengebliebenen Typen“

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Hamburger mit Draht nach München: Eizi Eiz (oder: Jan Delay) , Denyo und DJ Mad (v. li.) sprachen vor der Frauenkirche über ihr neues Album.

München - Die Hamburger Hip-Hop-Urväter Beginner legen nach 13 Jahren wieder eine Platte vor – als Hommage an eine wilde Jugend. Wir haben sie getroffen. 

Vielleicht reicht es, die Gästeliste ihres neuen Videos „Es war einmal“ aufzuzählen: Jan Böhmermann, Fatih Akin, Giovanni di Lorenzo, Olli Dittrich, Klaas Heufer-Umlauf, Helge Schneider, HP Baxxter. Oder man lässt einfach Zahlen sprechen: Nicht einmal einen Tag brauchte „Ahnma“, das erste Video aus dem neuen Album der Hamburger Hip-Hopper Beginner, um bei Youtube eine Million Klicks zu generieren. Ein paar Wochen später wurde das Lied schon 13,7 Millionen Mal angeschaut. Wenn in der kommenden Woche – nach 13 Jahren Pause – das neue Album der Band erscheint, muss das also eine ziemlich große Sache sein. Alles andere als Platz eins wäre eine Überraschung.

Um die Aufregung zu verstehen, muss man ganz an den Anfang zurück. Im Jahr 1991 war Deutschland in Sachen Hip-Hop noch Niemandsland. Das Herz des jungen Genres schlug im beschaulichen Heidelberg, wo viele US-Soldaten stationiert waren. Ein junger Deutsch-Haitianer, der sich „Torch“ nannte, fing als einer der Ersten an, auf Deutsch zu rappen. Dazu sprühten Graffiti-Künstler ihre Bilder, Breakdancer drehten sich auf dem Kopf. Advanced Chemistry hieß seine Band. Es war die junge, wilde erste Hip-Hop-Generation, darunter kaum Gangster, eher Gymnasiasten und Studenten. Man fuhr in klapprigen Kleinwagen kreuz und quer durch die frisch vereinte Republik, traf sich in Jugendzentren, wo dann fünf, sechs Bands hintereinander spielten. Im Morgengrauen legte man sich hinter der Bühne auf Isomatten schlafen. Advanced Chemistry waren die Väter der Bewegung. Feurig, voller Energie und hoch politisch prägten sie auch eine Hamburger Schülerband, die später die Charts stürmen sollte. 25 Jahre später nennen die Beginner ihre neue Platte „Advanced Chemistry“. Die ganze CD ist eine Hommage an eine wilde Jugend und das von ihr geschaffene Genre.

Die drei Herren sind inzwischen Familienväter um die 40

Wer die drei Herren, inzwischen Familienväter und um die 40, heute in München zum Interview treffen will, muss erst einmal durch die Sicherheitstür im obersten Stock des Hotels Bayerischer Hof. Suite 770, Dachterrasse mit Blick Richtung Frauenkirche. Die drei Hamburger pflegen ein besonderes Verhältnis zu München – nicht nur weil Rapper Denyo und DJ Mad mit zwei Münchnerinnen verheiratet sind. Auch musikalisch: Mit den Münchnern Main Concept ging man 1994 erstmals gemeinsam auf Tour. Als Schüler, in den Pfingstferien. Befreundet sind sie immer noch – nur beruflich ging man verschiedene Wege. Main-Concept-Rapper David P. hat eine eigene Arztpraxis am Goetheplatz. Und Jan Delay ist als Reggae-, Soul- und Rock-Sänger eben Popstar geworden.

Es war Jans Idee, sich im Nobelhotel zu treffen. Jetzt sitzt er auf der Terrasse und raucht Selbstgedrehtes. Bei den Beginnern heißt er wieder Eizi Eiz und ist einer von Dreien. Mit Denyo und DJ Mad hat er die deutsche Jugendkultur nachhaltig geprägt. Aus ihrem Umfeld kamen Künstler wie Samy Deluxe, Deichkind und Dendemann, der heute dank der Show von Jan Böhmermann populärer ist denn je. In den 90ern prägten die Hamburger Hip-Hopper Wörter wie „derbe“, „Alter“, „Digger“ oder „Füchse“, heute feste Bestandteile der Jugendsprache. Jetzt fügen sie ein neues hinzu: „Ahnma“. Die erste Single. Auf Deutsch: Hör mal, schau mal – oder die hanseatische Variante von „Check it out“.

Fünf-Sterne-Hotel und Straßenrap. Geht beides. „Ahnma“ hat nicht nur 13,7 Millionen Clicks generiert, sondern auch 10 000 Kommentare. Heftig wird gestritten. Denn die drei Vertreter der alten Schule haben sich für den Refrain mit Gzuz einen Hamburger Straßenrapper ins Boot geholt, dessen Alben man Kindern vielleicht eher nicht vorspielen sollte. Auch der Offenbacher Haftbefehl ist Gast auf der Platte. „Man muss das große Ganze sehen: Hip-Hop lebt von der Vielfalt. Deshalb ist wichtig, dass man sich aus verschiedenen Lagern neue Impulse holt“, sagt Denyo all den alten Anhängern, die die Band heftig kritisieren und ihr unterstellen, sie wollten sich nur bei den jüngeren Fans von Gangster-Rap anbiedern. „Wir sind nicht so hängengebliebene Typen von gestern“, sagt Jan. Haftbefehl habe mit seinem „Russisch Roulette“-Album Rap-Musik entscheidend weiterentwickelt. „Dadurch, dass wir das in unser Müsli-Studentenrap-Album einbetten, müssen sich das jetzt alle anhören“, sagt er und lacht.

Die Beginner und ihre Anfänge

Schon immer haben die Beginner polarisiert und auf Bedenkenträger und Menschen mit Scheuklappen geschimpft. Sie waren Vorreiter und blickten über den Tellerrand. In den frühen 90ern als Antifa-Rapper. Dann 1998, weil sie als erste Underground-Rapper bei einem Majorlabel veröffentlichten. Plötzlich war Geld im Spiel. Viel Geld. Doch sie nutzten es: „Bambule“ hob deutsche Rap-Produktionen auf ein völlig neues Level. Bis heute zählt es zu den einflussreichsten deutschen Rap-Alben überhaupt. „Eigentlich ist es Wahnsinn, Lieder wie diese rauszubringen, weil garantiert ist, dass die der and’ren bald auch so klingen“, rappte Kumpel Samy Deluxe auf „Füchse“ – und behielt recht. Hip-Hop erlebte einen Boom. Plötzlich rappte Hinz und Kunz. Die Beginner veröffentlichten 2003 noch ein Album. Dann war Schluss. Denyo erinnert sich: „,Nach ,Blast Action Heroes‘ waren wir durch. Und auch Hip-Hop war ein bisschen durch.“ Die Studentenrapper von einst brauchten erst die harten Kerle von der Straße, um zum Hip-Hop zurückzufinden.

13 Jahre später sind sie wieder da. Es war kein einfacher Weg. „Wir mussten erst wieder die Skills und kreativen Muskeln entwickeln“, sagt Denyo. Ein erster Versuch vor drei Jahren wurde abgebrochen. Jan Delay veröffentlichte lieber eine Rockplatte. Dann ging es zurück ins Studio. Nix fünf Sterne. Harte Arbeit von drei Perfektionisten. „Wir konnten uns jetzt die Ruhe und Arroganz leisten, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten“, sagt DJ Mad. Herausgekommen ist eine Zeitreise durch die Bandgeschichte, die mal nach Jan Delay, mal nach Straße, aber vor allem immer nach Beginner klingt. Dass sich die drei musikalisch im vergangenen Jahrzehnt viele Ausflüge in andere Genres geleistet haben, hat nicht geschadet.

Haben sie jetzt Blut geleckt? Oder dauert es bis zum nächsten Album wieder 13 Jahre? Schulterzucken. Die Herren planen nicht gerne langfristig. Jetzt geht’s erst mal auf Tour. Das Konzert im November im Münchner Zenith war binnen weniger Tage ausverkauft. Man konnte es ahnen.

Beginner: „Advanced Chemistry“ (Universal Music). Die Deluxe Box enthält neben der CD auch eine DVD. Alles ab 26. 8. erhältlich.

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