Interview zur neuen CD

Till Brönner: „Trump hat kein Ständchen verdient“

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„Die Auseinandersetzung mit fremden Songs macht mich lockerer“: Till Brönner (45), einer der derzeit besten Jazzmusiker.

Jazz-Trompeter und Sänger Till Brönner spricht im Merkur-Interview über seinen Besuch bei Barack Obama und sein Album „The Good Life“.

Er ist einer der bekanntesten und besten deutschen Jazzmusiker, seine Karriere führte ihn bis ins Weiße Haus. In diesen Tagen veröffentlicht der Trompeter und Sänger Till Brönner sein neues Album (siehe Kasten). Ein Gespräch mit dem 45-Jährigen über Barack Obama, Donald Trump, gutes Leben und gute Songs – und über den nachlassenden Druck, im Jazz Grenzen zu überschreiten.

Im April waren Sie als einziger Deutscher zu Gast bei Präsident Obamas Jazz-Gipfel – eine besondere Ehre. Wie kam es dazu?

Ich hatte wirklich gar nicht damit gerechnet, weil ich mir dachte, dass das im Weißen Haus eine große amerikanische Veranstaltung sein wird. Ich bin aber doch eingeladen worden, da konnte ich natürlich nicht absagen.

Und wie haben Sie das Event mit Stars aus aller Welt erlebt?

Auch gestandene Musiker, große Innovatoren im Jazz, waren berührt. So eine Einladung des Präsidenten hat es bis dato noch nicht gegeben. Da stehen 45 Topstars wie die Hühner auf der Stange nebeneinander und warten auf Barack Obama. Man hat gemerkt, welch enges Verhältnis der Präsident zu dieser Musik hat. Ich war sehr beeindruckt. Mir war vor allem klar, dass ich so etwas nie wieder erleben werde. Es gibt ja solche Momente, in denen man weiß: Das ist jetzt einmalig.

Würden Sie auch für einen Präsidenten Trump spielen?

Von Trump hat man ja das Gefühl, dass er kein Ständchen verdient hätte, wenn er es schafft. Aber ich denke, es wird nicht dazu kommen. Übrigens auch aus musikalischen Gründen nicht. Beispielsweise gab’s zu Zeiten von George W. Bush sehr viel Country, dagegen war Obama ein Jazz- und Soul-Mann. Trumps Musikgeschmack kenne ich nicht – aber man ist geneigt, schon irgendwelche Vorahnungen zu haben.

Wie kamen Sie auf den Titel Ihres neuen Albums „The Good Life“?

Das Album hatte lange keinen Titel. Wir haben uns zunächst intensiv mit der Musik beschäftigt, dann haben wir mit Titel-Ideen hantiert, die gar nicht den Songs des Albums entstammten. Am Ende hatte es mit der Wirkung von „The Good Life“ auf dem Cover zu tun. Das sah gut aus. Die Worte klangen gut. Und es passte auch vom Inhalt des Songs. Es geht ja in Sacha Distels Lied um das Wahre und Wertvolle im Leben: wie viel man bereit ist abzugeben für ein Leben mit dem Menschen, den man liebt.

Die Platte besteht aus klassischen Songs des Repertoires von Frank Sinatra. Warum ein Album mit Schwerpunkt Gesang?

Man stellt fest, dass im Grunde alle guten Songs aus der Ära der Fünfziger- und Sechzigerjahre irgendwann von Sinatra gesungen wurden. Das ist ein Fass ohne Boden. In diesem Fall war es der Produzent Ruud Jacobs, der mich auf die Idee eines Albums mit solchen Liedern brachte. Ich wollte eigentlich gar nicht so viel singen. Jacobs ist ein guter Menschenkenner, er hat mir schnell die Angst genommen. Wir haben schließlich nicht „New York, New York“ aufgenommen, sondern Nummern, die viele noch gar nicht von Sinatra kennen.

„The Good Life“ geht mit schönen Liedern auf Nummer sicher. Ist Ihnen Erfolg wichtiger als künstlerisches Risiko?

Für mein „rotes Album“ von 2012 gab es Lobeshymnen aus allen Richtungen – aber das war meine am schlechtesten verkaufte Platte. Es gibt diese alte Faustregel: Wenn Kritiker es mögen, wird es leider kein Erfolg. Ich bin sicher, die richtigen Leute trauen mir zu, noch mal ein solches Album mit hohem Risiko zu machen – weil ich mir das selber auch zutraue. Aber man darf nicht damit rechnen, dass ich das vorher bekanntgebe. Ich habe dazu schon große Lust. Aber auch das mache ich dann nicht, um Anerkennung bei anderen zu finden, sondern letztlich für mich selbst.

Sie haben keine Berührungsängste in Sachen Popmusik. Welche Platten nehmen Sie auf die berühmte Insel mit – mehr Jazz oder mehr Pop?

Auf jeden Fall mehr Jazz. Aber heute verschmelzen Jazz und Pop ohnehin viel mehr miteinander. Singer-Songwriter-Musik wie etwa von Joni Mitchell schließt den Jazz längst mit ein. Und Jazz ist heute nicht mehr die Musik, die Gesetze bricht.

Aus Ihrer Sicht eine gute Entwicklung?

Wenn sich heute ein Jazz-Musiker unter Druck fühlt, alles auf den Kopf stellen zu müssen, hat er ein großes Problem. So verhält sich das schon seit 20 Jahren. Der neue John Coltrane ist noch nicht geboren. Das verschafft aber auch Freiheiten. Ich muss mich nicht mehr nur mit Material befassen, das aus meinem eigenen Leben stammt. Gerade die persönliche Auseinandersetzung mit fremden Songs, die Interpretation wird heute vom Hörer gut verstanden. Das macht auch mich als Musiker lockerer.

Das Gespräch führte Werner Herpell

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