Nachruf

Zum Tod von Roger Cicero: Wir ziehen den Hut

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Roger Cicero, hier mit Jazz-Trompeter Till Brönner bei einem Konzert 2009.

Hamburg - Die Nachricht vom viel zu frühen Tod des Jazz-Sängers Roger Cicero schockte am Dienstag die Republik. Wir blicken zurück auf sein Schaffen  - und den Menschen Roger Cicero.

Kann ja sein, dass es morgen schon zu Ende ist. Lebenshungrige schöpfen aus jedem Moment deshalb lieber „’n kleines bisschen mehr“. Roger Cicero war so einer. „Wenn es morgen schon zu Ende wär’“ ist sicherlich nicht sein stärkstes Lied. Aber es sagt viel aus über diesen Mann, der bereits vergangene Woche im Alter von nur 45 Jahren verstorben ist.

Cicero, der Nimmermüde

Am Dienstag vermeldete sein Management die Nachricht vom „plötzlichen und vollkommen unerwarteten“ Tod des Künstlers. Vom Hamsterrad erzählt Cicero in besagtem Song; davon, nicht immer weiter zu rennen, sondern auch mal Mut zu haben, die Kontrolle zu verlieren und planlos nach vorne zu schauen.

Ein Appell an sich selbst, den Nimmermüden, der seit seinem Durchbruch als Solokünstler 2006 ein Album nach dem anderen veröffentlichte, Konzerte spielte, Auszeichnungen sammelte? Bis es im vergangenen Jahr zu viel wurde. Roger Cicero, Sternzeichen Krebs, Markenzeichen Hut, bekam eine Zwangspause verschrieben. Von seinem Körper. Ein verschlepptes Virus hatte seinen Herzmuskel angegriffen; sämtliche Termine zur Veröffentlichung des Live-Albums „Cicero sings Sinatra“ musste der Künstler absagen. „Unfassbar traurig“ war er darüber – aber voll der Vorfreude auf seine Tournee, die am 14. April im Gasteig in München hatte starten sollen.

Sein letzter Auftritt im BR in der vergangenen Woche

Beim Werbeauftritt für das Gasteig-Konzert vergangene Woche im Bayerischen Fernsehen sah er zwar müde aus um die Augen herum, plauderte mit „Abendschau“-Moderator Christoph Deumling aber noch ausgelassen darüber, wie froh er sei, nun wieder „pumperlgesund“ zu sein. Stolz war er, erneut für den Echo nominiert zu sein, der im April vergeben wird. Mit gleich zwei Projekten, in den Kategorien Echo Pop und Echo Jazz für „Cicero sings Sinatra“ und „The Roger Cicero Jazz Experience“. Es wären seine Echos Nummer drei und vier, nachdem er bereits 2007 und 2015 mit dem bedeutenden Preis geehrt worden war.

Der „Abendschau“-Besuch sollte der letzte Live-Auftritt des Sängers sein. Einen Tag später erlitt er einen Hirninfarkt, im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand rapide. Cicero starb wenige Tage später „im Kreise seiner Lieben, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben“, schreibt sein Management.Für Fans und Weggefährten ein Schock, nicht nur wegen seines jungen Alters, sondern auch, weil Cicero – Showman durch und durch – Schwächen nie durchblicken ließ.

Die Rolle des Unterhalters nahm er ernst

Der Sohn des Jazz-Pianisten Eugen Cicero, geboren 1970 unter dem bürgerlichen Namen Roger Marcel Cicero Ciceu, nahm die Rolle des Unterhalters ernst. Mit Hut und Lackschuhen vor Big Band im blauen Scheinwerferlicht und auch schonmal in legerem Shirt unterm dunklen Samtsakko verkörperte er den Swing-Musiker 2.0 – mit einer Mischung aus Pop und Jazz, gewürzt mit augenzwinkernden deutschen Texten. Selbstbewusst wagte er sich zum 100. Geburtstag von Sinatra an die Hits von „The Voice“ heran. Auch so ein Arbeitstier und Perfektionist. Auch so einer, der lieber ’n kleines bisschen mehr gab. Wenn’s nicht so fies klingen würde, könnte man sagen: Er war der Mario Barth der deutschen Jazzszene. Textlich feinsinniger, klar. Doch amüsierte auch er sich über das ewige Spiel zwischen Männern und Frauen – und das genauso massenkompatibel: Plötzlich tanzten Paare in die Konzerthallen, die Jazz und Swing sonst höchstens mal zur Hochzeitsfeier auflegen würden. 2007 durfte Cicero für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Helsinki antreten. Doch der charmante Text von „Frauen regier’n die Welt“ funktioniert eben vor allem auf Deutsch. So wurde es nur Platz 19.

Sein nächstes Album hätte wieder eines in der Muttersprache sein sollen. Kaum hatte er BR-Moderator Deumling alles über die erzwungenen Wochen im Bett erzählt, sprach er auch schon über seine nächsten Projekte. Die neue CD habe er bereits im Kopf, verriet er lächelnd. Und stimmte dann ein Lied von Sinatra an, das den Zuschauer heute schlucken lässt: „The Best is yet to come“ – das Beste kommt noch. Es bleibt der Trost, dass er darauf nie gewartet hat – sondern schon gestern immer das Beste aus allem gemacht hat. Als gäb’s kein Morgen mehr.

Katja Kraft

Katja Kraft

E-Mail:katja.kraft@merkur.de

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