Von Hogwarts nach New York

Darum funktioniert „Phantastische Tierwesen“ ganz ohne Harry Potter

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Nicht-Magier Jacob Kowalksi (ganz vorne) wird ebenfalls in die Geschichte um Newt Scamander (Mitte) und Tina Goldstein gezogen.

München – „Phantastische Tierwesen“ spielt in der Welt von Harry Potter, kommt aber ganz ohne den jungen Zauberer und seine Freunde aus. Darum funktioniert der Spin-Off besser als erwartet.

Achtung: Dieser Artikel enthält Spoiler zur Handlung des Films „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“!

Harry Potter ist ein Mythos, mit dem Generationen aufgewachsen sind. Das erste Buch, „Harry Potter und der Stein der Weisen“, erschien 1997, der achte und letzte Kinofilm lief 2011 über die Leinwand, und bis heute hoffen Zehnjährige insgeheim auf eine Eule mit der Einladung nach Hogwarts. Im Sommer kam mit „Harry Potter und das verwunsche Kind“ eine Theaterversion auf den Buchmarkt.

Nun läuft ein Spin-Off der Reihe in den Kinos, in dem weder Hogwarts, noch Harry, Ron oder Hermine zu sehen sind. „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ ist ursprünglich eines von Harrys Schulbüchern, ein Lexikon magischer Kreaturen vom Magie-Zoologen Newt Scamander. 2001 hatte J.K. Rowling das Buch als Beiwerk zur Harry-Potter-Reihe veröffentlicht und die Erlöse aus dem Verkauf gespendet. Nun macht Rowling als Drehbuchautorin gemeinsam mit Regisseur David Yates aus diesem 80 Seiten dünnen Buch nicht nur einen, sondern sogar fünf Filme. Das klingt nach einer Potter-Kuh, die wieder und wieder gemolken werden soll, und sorgte bei einigen Potter-Fans für Skepsis.

Doch tatsächlich gelingt „Phantastische Tierwesen“ etwas, das bisher nur wenige Spin-Offs geschafft haben. Der Film baut eine eigenständige Story mit sympathischen Charakteren auf und erweitert das bekannte Harry-Potter-Universum um eine neue Komponente. In gewisser Hinsicht funktioniert er damit sogar besser als die ursprünglichen Filme. 

Aus diesen Gründen kann der neue Film überzeugen:

„Phantastische Tierwesen“: Von Hogwarts nach New York

Abgesehen von „Die Heiligtümer des Todes“ fand die Handlung von Harry Potter stets in einem bekannten Rahmen statt. Ein Buch oder Film begann während der Schulferien im Ligusterweg Nr. 4, es folgte ein neues Jahr in Hogwarts, wo sich der Großteil der Handlung abspielte. „Phantastische Tierwesen“ bricht deutlich mit dieser Tradition, in dem das Geschehen nicht nur in ein anderes Land, sondern auch noch in eine andere Zeit verlegt wird.

Newt Scamander reist mit einem Koffer voll magischer Tiere nach New York.

Im Jahr 1926 kommt Newt Scamander mit einem Koffer voller magischer Geschöpfe in New York an. Durch einige Missverständnisse entkommen einige der Kreaturen und Newt muss sie zurückholen. Dabei helfen ihm die einstige Aurorin Tina Goldstein, ihre Schwester Queenie, die Gedanken lesen kann, und der Nicht-Magier Jacob Kowalski, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Währenddessen geschehen merkwürdige Vorfälle in New York, und so wird das Quartett in einen wesentlich größeren Konflikt verstrickt.

Der Wechsel von Ort und Zeit bietet dabei spannende Ergänzungen zu den bekannten Schauplätzen der Harry-Potter-Serie. Das Zaubereiministerium heißt hier MACUSA (Magical Congress of the United States of America), Muggel werden No-Majs genannt und dürfen keine Beziehungen mit Zauberern haben. „Etwas rückständig“, wie Newt es formuliert.

„Phantastische Tierwesen“: Neue Charaktere mit bekannten Konflikten

Die wahrscheinlich größte Herausforderung für ein Spin-Off ist es, neue Charaktere einzuführen, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, ohne die Protagonisten der alten Filme zu vermissen. In „Phantastische Tierwesen“ gelingt das aus mehreren Gründen. Zum einen zieht der Film einen Vorteil daraus, dass seine Helden keine Teenager mehr sind, sondern erwachsene Zauberer/No-Majs. Auch das ist eine willkommene Abwechslung zu Harrys Teenie-Konflikten. Zum anderen bleibt sich Rowling dabei ihrem Stil treu: Die Protagonisten aus „Phantastische Tierwesen“ sind alle Außenseiter mit inneren Konflikten, wie schon die Helden aus Harry Potter. Newt fühlt sich unter Menschen fehl am Platz und ist nur bei seinen Tieren glücklich, Tina will ihren Job zurück, Jakob träumt von seiner Bäckerei und Queenie sehnt sich nach Anerkennung und echter Liebe.

Dazu kommen die im Titel angekündigten und wahrhaft phantastischen Tierwesen, die dem Film eine besondere Note verleihen. Manche werden Harry-Potter-Fans aus Filmen und Büchern erkennen, andere kommen neu hinzu. Auch wenn etwas weniger Computeranimation dem Film sicher gut tun würde, so wird der Film seinem Titel gerecht. Besonders gelungen ist dabei, wie Newt seine Tiere zu seinem Nutzen einsetzt, die Kampfszenen kommen dadurch ganz ohne Harry Potters Lieblingszauber Expelliarmus aus.

„Phantastische Tierwesen“: Buchleser erleben zum ersten Mal Ungewissheit

Dass sich „Phantastische Tierwesen“ an keiner richtigen Buchvorlage orientieren kann, ist der größte Vorteil des Films. Wer die Harry-Potter-Bücher gelesen hat, dem fehlte in den Filmen immer etwas. Manches stellte man sich beim Lesen anders vor, manchmal wurden wichtige Informationen oder Szenen aus Zeitgründen ganz weggelassen. Wie bei den meisten Buchverfilmungen kam der Film eben nie an die Vorlage heran. „Phantastische Tierwesen“ ist der erste Film im Harry-Potter-Universum, bei dem Jeder das Gefühl des Ungewissen erlebt. Obwohl die Handlung relativ vorhersehbar ist, kann sich der Zuschauer doch nie ganz sicher sein, was als nächstes passiert. Das ist eine tolle und spannende Erfahrung, die den Film für manche Fans vielleicht sogar noch besser macht als die Harry-Potter-Filme selbst.

Wegen all diesen Elementen funktioniert „Phantastische Tierwesen“ als eigenständiger Film, dennoch ist er bei weitem nicht perfekt. Seine größte Schwäche liegt darin, dass er versucht, vielen Zielgruppen zu gefallen. Er will Kinderfilm, Thriller, Komödie und Liebesgeschichte zugleich sein, deswegen passen seine einzelnen Elemente teilweise nicht richtig zusammen. Einerseits führt Newt minutenlang einen Paarungstanz mit seinem ausgebüchsten Erumpet auf, andererseits zeigt der Film auch sehr düstere Elemente. Mary Lou peitscht ihre Kinder aus, die kleine Modesty singt von Hexenverbrennung und in den Szenen zwischen Graves und Credence ist eine sexuelle Stimmung spürbar. Nicht zu vergessen die mörderische Gewalt, die aus dem jungen Waisenkind herausbricht, und durch New York tobt, wie einst das Rauchmonster aus Lost.

Es ist allerdings verständlich, dass „Phantastische Tierwesen“ einen größeren Hintergrundkonflikt etablieren will. Die Reihe von fünf Filmen braucht mehr Handlung als Newts Forschungsreisen, stattdessen läuft es auf das legendäre Duell zwischen Dumbledore und Grindelwald hinaus. Im Vorfeld wurde zwar bekannt, dass der dunkle Magier einen kurzen Auftritt in dem Film haben sollte, einige Kinobesucher wussten von diesem Twist aber nichts. Auch wenn manche Fans mit der Besetzung durch Johnny Depp alles andere als zufrieden waren, so bietet das Ende dadurch eine überraschende Wendung. Die Leser der Harry-Potter-Bücher erlebten so etwas zum ersten Mal im Kino.

sr

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