Konzertkritik

So war Rod Stewart in der Olympiahalle

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Rod Stewart in Aktion.

München - Wer glaubt, dass Rod Stewart mit 71 (lustvollen) Lenzen den Ball flachhält, der darf sich eines Besseren belehrt fühlen.

Nicht nur, weil der lasziv angedeutete Hüftschwung wie eh und je ewige Jugend und Sinnlichkeit ausstrahlt, sondern auch, weil der glühende Kickerfan (Celtic Glasgow) beim letzten Song vorm Pausentee fleißig Fußbälle in die Olympiahalle kickt. Mal Vollspann, mal Innenrist. Und knapp 10.000 Fans üben sich als Manuel Neuer. Liebe Kinder: Nein, jahrzehntelanger Alkoholmissbrauch hält nicht so fit. Roddy ist eine Aus-nah-me! Dazu kommt, dass seine Bronzebräune unter der Sonne von Beverly Hills erworben wurde und nicht etwa im karg-küstigen Schottland, wo der immergrüne Export von der Insel ja herkommt.

Egal: Rod und seine fabelhafte Combo - darunter ein sensationeller Saxspieler, zwei Geigerinnen mit eingebautem Permalächeln, zwei Guitarreros und zwei Percussionisten - können glaubhaft oder zumindest charmant versichern, dass München was ganz Besonderes ist. Düsseldorf hingegen, wo man zuvor schon gastierte... Rod verzieht unter seiner steilen Steilpassfrisur das Gesicht und senkt den Daumen... Sie sehen: Der Mann kann sich vieles leisten, auch eine Coverversion von Jimi Hendrix' "Angel", das (fast) nicht wehtut. Außer vielleicht die arg massiven Glöckchenklänge beim Intro... Schon als zweiten Song zelebriert er "Some Guys Have All The Luck", was für uns Ottonormalverbraucher glatt hämisch wirken könnte, wäre Rod nicht so herrlich cool und entspannt. Manche Kerle haben einfach alles Glück gepachtet. Wie der Mann mit seinem internationalen Schotten-Rock. Unser ganz persönliches Highlight vor der Pause: "Stay With Me Tonight", unmittelbar vorm Fußballkick von "Stay With Me" - herrlich rotzige Gitarren, groovender Midtempo-Beat, und der Chef-Stewart zeigt sich ebenso höhensicher wie wetterfest. Die Halle ist übrigens bestuhlt, aber die Ü-40+x-Fans sind schon beim Having-A-Party-Opener auf den Beinen.

Nach der Pause geht's mit erhöhter Schlagzahl weiter, bevor der Meister ungeheuer charmant im Sitzen (inklusive Harfenfee im güldenen Gewand) "The First Cut Is The Deepest" mit diesem hingebungsvollen Understatement serviert, dass man den Mann am liebsten auf Endlosschleife schalten will. Stewart strahlt Nähe aus und hat doch immer diese gelassene Distanz, die seine Show gefühlvoll, aber nie gefühlig macht. The Last Rod Is The Deepest. Die Combo sitzt im Unpluggedteil um ihn herum am Bühnenrand, Rod will nicht darüber reden, how she broke his heart. Zum Glück singt er davon. Ein unter die Haut gehendes, augennässendes "Sailing" am Schluss und als Rausschmeißer die garantiert rhetorisch gemeinte Frage, ob man Rod für sexy hält. Ballonregen und Strahleminen. Über der Olyhalle schwebt ein großes ungebrochenes Herz. Auch ohne Alkoholmissbrauch, jahrzehntelangem. Thanks, Rod. Kick it like Stewart! You're In Our Heart.

Matthias Bieber

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