Salzburger Festspiele

Domingo singt in "Thaïs": Wo der Ohrwurm wohnt

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Plácido Domingo (li.) war vor allem der Grund, „Thaïs“ in Salzburg aufzuführen. In der Titelpartie Marina Rebeka, rechts von ihr Dirigent Patrick Fournillier.

München - Plácido Domingo sang bei den Salzburger Festspielen in der konzertanten Aufführung von Jules Massenets Oper „Thaïs“.

Es gibt zahlreiche Opern, deren Titel einem heute vor allem durch eine einzelne berühmte Nummer vertraut sind, die ansonsten aber eher ein Schattendasein fristen. Man denke etwa an Alfredo Catalanis „La Wally“ oder Georges Bizets „Perlenfischer“. Zu dieser Spezies zählt auch Jules Massenets „Thaïs“, deren großes Geigensolo, die sogenannte „Méditation“, als Wunschkonzert-Ohrwurm den Rest der Oper an Bekanntheit bei Weitem übertrumpft. Dennoch haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder prominente Sängerinnen die Geschichte der geläuterten Kurtisane für sich entdeckt. Beverly Sills etwa feierte mit dieser Paraderolle ebenso Triumphe wie Anna Moffo oder Renée Fleming.

Für die Salzburger Festspiele, die den exotisch angehauchten Fin-de-siècle-Schmachtfetzen nun in konzertanter Form präsentierten, lautete der Grund, das Werk auf den Spielplan zu setzen vor allem: Plácido Domingo. Der Ex-Tenor war auf seiner Suche nach neuen Rollen im Bariton-Fach auch hier fündig geworden und verkörperte den zwischen Glauben und Liebe hin- und hergerissenen Mönch Athanaël unter anderem bereits in Valencia und Los Angeles. Eine Partie, die dem intensiven Darsteller Domingo geradezu auf den Leib geschneidert scheint, dem Sänger jedoch nicht immer bequem in der Kehle liegt.

So sehr man den bedingungslosen Einsatz bewundert, mit dem er sich auch diesmal in seine Aufgabe hineinwirft, fehlt es der Stimme hier trotz markanter dunkler Färbung letztlich doch an der nötigen Substanz in der baritonalen Tiefe. Da will sich das erotische Knistern, das die Partitur Massenets vor allem in den Szenen der beiden Protagonisten durchzieht, nicht immer auf Anhieb einstellen. Was auch daran liegen mag, dass die kurzfristig eingesprungene Marina Rebeka für die Titelrolle (und Salzburg) zwar den angemessenen Glamourfaktor und funkelnde Spitzentöne mitbringt, Thaïs jedoch mit kühler Eleganz und einer Aura der Unnahbarkeit umgibt. Eine Interpretation, die trotz leicht verwaschener Diktion besonders in den ersten beiden Akten wunderbar aufgeht, in denen ihr ganz Alexandria – ebenso wie das Publikum im Großen Festspielhaus – zu Füßen liegt. Weniger überzeugend gerät bei diesem ansonsten vielversprechenden Rollendebüt hingegen die Wandlung zur reuigen Sünderin, die auf dem Totenbett zu Gott findet. Wozu auch die maßgeschneiderte und tief ausgeschnittene Designerrobe sicher ihren kleinen außermusikalischen Teil beiträgt.

Makellos dagegen Benjamin Bernheim, der als Thaïs‘ Verehrer Nicias der geballten Starpower mit klarem, durchsetzungsstarken Tenor begegnet und seinen beiden Mitstreitern so einiges vorlegt. Aufhorchen lassen aber auch die Mitglieder des Young Singers Project, deren Namen in den kleineren Partien den Besetzungszettel komplettieren. Hier seien stellvertretend etwa die mit sonorem Mezzo aufwartende Szilvia Vörös als Klostervorsteherin oder der ähnlich souverän bestehende Simon Shibambu als Mönch Palémon genannt.

Sie alle sind bei Dirigent Patrick Fournillier in guten Händen, der ein sicheres Gespür für die Tonsprache Jules Massenets beweist. Dabei setzt er nicht nur Konzertmeister Felix Froschhammer in der „Méditation“ gekonnt in Szene, sondern gibt auch den übrigen Kollegen des Münchner Rundfunkorchesters immer wieder Gelegenheit zu glänzen.

Tobias Hell

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