Dirigent der Taschenphilharmonie

Warum es eine gute Idee ist, klassische Musik zu hören

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Peter Stangel dirigiert die Taschenphilharmonie. 

München - Peter Stangel ist „Erfinder“ und Dirigent des kleinsten Symphonieorchesters der Welt: der Münchner Taschenphilharmonie. In seinem Gastbeitrag schreibt er, dass es nie zu spät ist, sich für Klassik zu begeistern. 

Liebe Leute,

ich möchte über etwas schreiben, was mich bewegt, obwohl es angesichts vieler Sachen, die gerade in der Welt passieren, echt kein Drama ist. Ich find’s aber wichtig und so wie es läuft, einfach schade, weil es für viele Menschen was Gutes wäre.

Nämlich: Es ist nicht wahr, dass man Musik studiert haben muss, um Klassik zu verstehen. Es ist auch nicht wahr, dass Klassik von gestern oder langweilig ist. Und schließlich stimmt es schon gar nicht, dass das Musik nur für alte Leute ist. Die Erde ist schließlich auch keine Scheibe, und Vampire gibt es nicht wirklich, auch wenn manche Leute das behaupten.

Das ist die Taschenphilharmonie. 

Das Problem ist, dass es Klassik und Klassik gibt. Es ist nämlich so, dass die Noten, die die Komponisten aufgeschrieben haben, erstmal in echten Klang umgesetzt werden müssen – und das kann man gut oder schlecht machen. Spannend oder langweilig. Angeberisch oder echt. Steif oder lässig.

Man muss sich das bei Klassik so vorstellen, dass im Prinzip bei allen Konzerten, wo Leute - ob nun einsame Pianisten oder ein ganzes Orchester - ein Stück von Mozart oder Brahms aufführen, Cover-Versionen gespielt werden. Die Komponisten, die die „Songs“ (damals Sinfonien, Konzerte, Quartette und so weiter) geschrieben haben, sind allesamt mausetot (na gut, ein paar von uns leben noch; aber wie heißt es doch so schön: Nur ein toter Komponist ist ein guter Komponist), und deshalb spielen andere ihre Stücke nach – und wie bei modernen Coverbands kann man da ganz schön langweilige Dinge zu hören bekommen, oder übertrieben steife, oder angeberische. Das ist dann aber nicht die Schuld der Stücke, sondern die der Aufführenden.

Eine gute Frage ist allerdings: Warum soll man sich denn die alten Schinken überhaupt noch anhören? Darauf gibt es tatsächlich eine gute Antwort: Weil sie uns heute noch was zu sagen haben. Es gibt nämlich ziemlich gute Gründe dafür, wenn etwas seit Jahrhunderten in den Charts ist. Klassische Musik, wenn sie gut gemacht ist (und damit meine ich „gut“ viel mehr in dem Sinn, dass die Musiker was rüberbringen und nicht einfach mit Beamtengesichtern perfekte Töne runterspielen als „ ut im Sinn von „ohne Fehler"), kann Gefühle und Gedanken auslösen wie nichts sonst auf der Welt. Andere Gefühle als jede andere Sache, auch als jede andere Musik. Und so, wie auch noch unsere Kinder Shakespeare lesen werden (jedenfalls die, denen man eine Chance dazu gibt), so werden sie auch noch Beethoven hören – einfach aus dem Grund, weil da etwas drin ist, was es sonst nicht gibt.

Peter Stangel dirigiert die Taschenphilharmonie. 

Warum das so ist, ist nicht leicht zu sagen. Ich arbeite mit einem Forschungsteam um den bekannten Hirnforscher Prof. Pöppel zusammen, wo man mich in den Scanner legt, um die Aktivität meines Gehirns aufzuzeichnen, während ich Musik höre, gut und schlecht gespielte Musik – aber wir sind da erst ganz am Anfang. Trotzdem ist es einfach eine Wahrheit, die jeder an sich selbst ausprobieren kann: dass man sich nach dem Anhören der „Unvollendeten“ von Schubert anders fühlt als vorher – und zwar „besser“ anders. Irgendwie gereinigt, aufgeräumt; klarer, friedlich. Man ist traurig und getröstet gleichzeitig. Du könntest heulen und lachen zur selben Zeit. Irgendetwas passiert da mit uns, mit unserer ganzen Seele ... Ja ich weiß, Seele kann man nicht wiegen und nicht messen und schon gar nicht mit einem Dollar-Zeichen versehen, deshalb redet heute keiner mehr über Seele. Aber mal ehrlich: Glaubt irgendjemand wirklich, dass wir keine Seele haben? Wenn ja, tut die oder der mir echt leid.

Zurück zur Klassik: In dieser Musik ist also etwas drin, das uns auch heute noch etwas zu sagen hat, und zwar etwas Grundsätzliches, etwas, bei dem es um unsere Existenz, um unser Sein geht. Das tut populäre Musik in der Regel nicht – muss sie auch nicht und will sie vielleicht auch nicht. Ich mag zum Beispiel gerne den Sound von Heavy Metal. Aber so viel Spaß es auch macht: Diese „metaphysische“ Dimension hat es einfach nicht.

Vielleicht ist das überhaupt ein gutes Stichwort: Spaß. Die klassische Musik will keinen Spaß verbreiten, sondern Freude. Spaß ist wie die kleine Schwester der Freude, sie ist ein bisschen koketter, schminkt sich stärker und macht überhaupt mehr her. Mehr Laune. Ist auch ein bisschen lauter. Aber die Freude hat mehr Tiefe, mehr Inhalt – und sie hält länger vor. Der Spaß ist nämlich vorbei, wenn er vorbei ist, aber die Freude dauert an, wenn das, was sie ausgelöst hat, rum ist.

Kommen wir zum letzten Punkt, warum so viele Menschen keine Klassik hören: Sie „trauen“ sich nicht. „Ich versteh‘ nix von Musik“, sagen sie dann oder noch besser: „Ich bin unmusikalisch“. Schmarrn. Kann man unbegabt fürs Essen sein? Musik ist Nahrung für die Seele, so einfach ist das. Und klassische Musik ist, mit ganz wenigen Ausnahmen, für ganz normale Leute geschrieben worden. Jeder, der zwei gesunde Ohren hat und Lust, sich für eine halbe Stunde auf was einzulassen, was er vielleicht noch nicht kennt, ist gemeint: Für all die, also genau Leute „wie du und ich“ ist Klassik gemacht. Und was das Auskennen anbelangt, ist Klassik hören wie Weintrinken: Wo man am Anfang vielleicht gerade noch zwischen rot und weiß unterscheiden konnte, lernt man mit jedem Schluck und jedem Glas genauer schmecken, welche Sorte das ist, welches Anbaugebiet, welcher Jahrgang .... Und das Tolle dabei ist, dass dieser „Lernprozess“ einfach nur Spaß macht – Schluck um Schluck, Glas um Glas, oder in der Musik eben Ton um Ton.

Wir haben bei der Taschenphilharmonie sogar ein eigenes Format dafür entwickelt: die Klassik-Degustation. Wir spielen von verschiedenen Komponisten je ein ausgesuchtes besonders schönes Stück. Ich erkläre vorher immer was dazu, wann das Stück entstanden ist, warum, was das Typische bei dem Komponisten ist – und am Schluss kann jeder Zuhörer sich seinen „Lieblingswein“ heraussuchen und bei diesem Komponisten mal ein bisschen auf iTunes oder YouTube herumstöbern.

Es gibt einfach keinen einzigen Grund, warum irgendein Mensch Klassik nicht hören sollte. Wenigstens, finde ich, sollte man es mal probieren. Denn man bringt sich um eine große Freude im Leben, wenn man drauf verzichtet, nur weil man mal gehört oder gedacht hat: Klassik ist nichts für mich. Das stimmt nämlich nicht. Klassik ist für jeden. Gerne mal ganz spontan ausprobieren. Und wer mag, den laden wir gern mal in unser Konzert zu einer Klassik-Degustation ein!

Diesen Gastbeitrag schrieb Dirigent Peter Stangel.

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Videos: Peter Stangl und seine Taschenphilharmonie

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