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Stephan Bodzin im Interview: Musik muss zu mir sprechen...

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Von: Bente Matthes

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Stephan Bodzin ist seit Jahren eine der einflussreichsten Figuren der globalen Technoszene.

Stephan Bodzin kennt sich aus mit Musik, Melancholie, Extremen und kurzen Arbeitsintervallen. Das wollten wir zum Start seines neuen Albums “Powers of Ten” genauer wissen.

Hallo Stephan, Dein Musik-Stil wird oftmals als melancholisch bezeichnet. Inwiefern beeinflusst Deine Musik Dich und Deine Persönlichkeit im Nachhinein?
Sehr. Musik ist und hat immer - gefühlt - mindestens mein halbes Ich ausgemacht. Ein Leben ohne Musik ist für mich so unvorstellbar wie eines ohne Freunde, Familie, Essen, Trinken. So lange ich mich zurückerinnern kann - also so ca. 1-2 Wochen (lacht), höre ich Töne, habe einen kreativen Drang, der sich in Form von Musik ausdrücken will. Ohne Musik wäre ich nicht ich. 

Und was ist verantwortlich für die melancholische Stimmung in Deinen Tracks? Also inwiefern beeinflusst Dein Wesen Deine Musik?
Gute Frage, schwer zu beantworten. Aber alles, was ein jeder Musiker zusammenschraubt, geht natürlich direkt auf ihn, seine Stimmung, ja sein Wesen zurück.  Dennoch würde ich mich weniger als melancholischen, eher als emotionalen Typ durchgehen lassen.

Ich mag Tiefe, Substanz, Wärme. Musik muss zu mir sprechen, Bilder erzeugen, Leben. All dies ist irgendwie oftmals mit einem eher melancholischen Unterton verbunden. Wenn ich zurückschaue, muss ich tatsächlich feststellen, dass eher gar keine meiner Produktionen jemals „happy“ war, was merkwürdig ist, da ich eigentlich ein ganz lustiger Vogel bin. (lacht)

In einem Interview hast Du mal gesagt, dass Du einen Track in 3 Stunden produzierst oder niemals. Würdest Du das für jeden Song so unterschreiben? Oder gab es auch mal einen Track, bei dem Du wusstest, dass aus ihm etwas werden würde, Du bist aber nicht sofort dahinter gekommen?
Manchmal glaubt man ja an eine Idee, auch wenn man noch nicht das Ergebnis kennt oder ewig daran herumschraubt. Ha, das ist auch eine gute, im Zuge des Albums sehr passende Frage, denn ich habe „wir“ und „ix“ an nur einem halben Tag zusammengeklatscht.

Aber „Sputnik“ ist einer der wenigen Tracks, der meiner 3-Stunden-Regel klar widersprochen hat. Die Tonfolge habe ich 2013 im Flugzeug von Juarez nach Mexico City geschraubt und hatte dabei einen mächtigen Hangover im Gepäck. Und noch während ich mich dem einfach so leicht und intuitiv - wie´s halt manchmal so ist am nächsten Tag - hingegeben haben, dachte meine Routine längst: Joa, das ist ein feiner Ansatz, mein Lieber, aber viel zu komplex, das verstehst du selber nicht mehr, wenn du es dir morgen reinziehst. Aber im Gegensatz zu früher speichere ich inzwischen ja absolut alles ab!

Es war tatsächlich so, dass ich die Nummer erst ein Jahr später wieder aufgenommen habe, völlig geflasht von einer Akkordfolge, die sich de facto erst alle 54 Takte widerholt und dabei dennoch gefühlvoll und so gar nicht aufgesetzt ist, wie ich fand und finde. Es hat mich dann gefühlt schlappe 20 Arbeitstage über 3 Monate verteilt gekostet, bis ich den richtigen Tag fand, um die Nummer dann innerhalb von genau 3 Stunden fertigzustellen.  Da hab ich mal an eine Idee geglaubt. Das passiert selten.

Aber vielleicht eben deshalb habe ich zu „Sputnik“ ein besonderes Verhältnis irgendwie. Ich bin immer wieder sehr froh, dass ich so lange an der Idee festgehalten und sie schlussendlich doch schnell und intuitiv umgesetzt habe.

Was denkst Du, welchen Einfluss hat Musik auf die Menschen allgemein – und wo siehst Du Dich mit deiner Kreativität da?
Welchen Einfluss sie auf die Menschen allgemein hat, kann ich natürlich nicht wirklich beantworten. Aber es muss ja nicht weiter nachgewiesen werden, wie sehr der richtige Ton im richtigen Moment oder Zusammenhang einen jeden von uns berühren kann. So auch mich nach wie vor. Insbesondere auch meine eigene Musik, wenn sie neu - also im Entstehungsprozess - ist. Die Momente, wenn im Studio oder wo auch immer etwas aus dem nichts erscheint und plötzlich existiert, irgendwie lebt, sind von unbeschreiblicher Intensität und Schönheit für mich. Ich heule dann oft auch mal vor Glück, vor Freude, vor Überraschung.

In einem anderen Interview habe ich gelesen, dass Du sehr emotional und extrem seist, dass Du der Typ seist, der alles oder nichts gibt, und dessen Stimmungen sich zwischen Null und Hundert bewegen können. Inwiefern ist dies hinderlich oder auch förderlich für Deine Musik?
Es ist sowohl hinderlich als auch förderlich. Aber in meinen Augen am Ende unersetzlich für einen kreativen Prozess. Ich kann Musik einfach nicht konstruieren. Ich folge immer einem Gefühl, einem Bild, einer Inspiration, meiner Stimmung. Nur dann kann ich Musik so wahrnehmen, dass sich ein Workflow entwickelt. Ich rede hier ausschließlich von der „Hundert“-Situation. In „Null"-Momenten sehe ich mich anders, dann kann ich nichts, schaffe nichts, alles klingt kacke, wird eh nix usw. Zum Glück sind diese Momente eher selten. Gerade 2014 war aus vielerlei Gründen (mal wieder) das tollste Jahr in meinem Leben, was u.a. auch das Album zur Folge hatte.

Wenn Du all die vorherigen Fragen zusammenfasst: Was ist bei „Powers of Ten“ nun passiert? Was hattest Du eventuell geplant und was ist letztendlich daraus geworden?
Wenn ich all die vorherigen Fragen zusammenfasse, gebe ich hier gut den Emo-Typen ab. (lacht) „Powers of Ten“ spiegelt u.a. meine derzeitige Abwendung von funktionellem Techno, hin - oder auch zurück - zu dem, was ich eigentlich bin und kann: Melodien und Harmonien elektronisch und liebevoll verpacken. Und so soll es für mich auch bleiben. Ich habe viele Jahre „nur“ aufgelegt und mich durchaus auch mal stilistisch zugunsten einer guten Performance verrannt. Das hat ein Ende. Und zwar ein gutes!

Stephan Bodzin – Powers of Ten ist ab dem 05.06.2015 im Handel erhältlich!

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