Nach Amokfahrt: 52-Jähriger kommt in offenes Heim

Dorfen - Auf der Flucht vor der Polizei hat ein an paranoider Schizophrenie leidender 52-jähriger Kraftfahrer absichtlich einen Streifenwagen gerammt. Trotzdem hält ihn das Gericht für nicht so gefährlich, dass er in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht werden müsste.

Der aus Treuchtling stammende Kraftfahrer hatte seit Jahren keinen festen Wohnsitz mehr und mietete in Nieder- und Oberbayern Autos an, die er nicht zurück brachte. Vielmehr lebte er in den Fahrzeugen und versteckte sich vornehmlich in Waldgebieten. Am 14. September 2010 wurde dann das von ihm zuletzt angemietete und zur Fahndung ausgeschriebene Fahrzeug an einem Waldrand bei Mitterrimbach gesichtet. Zwei Beamte einer zivilen Einsatzgruppe der Mühldorfer Polizei wurden auf der Suche nach dem unterschlagenen Pkw von dem Kraftfahrer überholt.

Bilder vom Unfall 2010

Polizeiauto Schrott - Unfall bei Dorfen

Danach entwickelte sich eine dramatische Verfolgungsjagd, in die mehrere Fahrzeuge involviert waren. Schließlich kam es bei Dorfen zum Unfall: Der Flüchtende steuerte mit seinem Fahrzeug auf ein mit einem Beamten und einer Beamtin der Polizei Dorfen besetztes Einsatzfahrzeug zu - es kam zum Frontalzusammenstoß. Die Polizeibeamten erlitten mittelschwere Verletzungen und leiden noch heute unter den psychischen Folgen des Geschehens, wie sie vor Gericht aussagten.

Bei dem Amokfahrer, der zunächst wegen versuchten Totschlags in der Untersuchungshaft in der JVA Straubing landete, wurde eine paranoide Schizophrenie festgestellt. Danach wurde er vorläufig im Bezirksklinikum Mainkofen untergebracht. Während des Prozesses vor der Schwurgerichtskammer beim Landgericht Landshut machte der 52-Jährige keine Angaben mehr. In der Klinik hatte er Ärzten gegenüber von dem Unfall berichtet. Er sprach von einer „Verschwörung“ beim örtlichen Fußballverein, bei dem er damals die Jugend trainiert habe. Mit dem Auto sei er geflüchtet, weil man ihn unter dem Einsatz von Polizeikräften in sein Traineramt zurückzwingen wollte.

Die Staatsanwaltschaft beantragte die Unterbringung des 52-Jährigen in der Psychiatrie: Im Zustand der Schuldunfähigkeit habe er einen versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzungen in zwei Fällen und einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr begangen. Was die Gefährlichkeitsprognose und damit die Konsequenzen anging, kamen die Gutachter im Prozessverlauf überraschen zu konträren Ansichten.

Der Psychologe der JVA Straubing hatte in dem 52-Jährigen weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit gesehen und eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt präferiert. Die Psychologin des Bezirkskrankenhauses sprach sich dagegen für eine Einweisung in ein offenes Heim aus. Staatsanwalt Hubert Krapf forderte die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt. Die Unterbringung sei der sinnvollste und beste Schutz für die Allgemeinheit. Dieser Auffassung schloss sich auch Rechtsanwalt Andreas Roder, der die beiden als Nebenkläger zugelassenen Dorfener Polizeibeamten vertrat, an.

Verteidiger Robert Alavi plädierte dagegen dafür, die Unterbringung seines Mandanten zur Bewährung auszusetzen und den Angeklagten in einem offenen Heim unterzubringen, wo die entsprechende Überwachung und Betreuung gesichert sei. Aufgrund seines Persönlichkeitszerfalls könne man nicht davon ausgehen, dass er den Unfall in Tötungsabsicht herbeigeführt habe.

Die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richterin Gisela Geppert entsprach schließlich dem Antrag des Verteidigers, setzte die Unterbringung in einer Psychiatrie zur Bewährung aus. Allerdings unter strengen Auflagen: Die Bewährungszeit wurde auf fünf Jahre festgesetzt, der 52-Jährige angewiesen, sich in die therapeutische Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene des Heims zu begeben und es nicht ohne Erlaubnis des ihm zur Seite gestellten Bewährungshelfers zu verlassen. Laut dem Urteil muss der 52-Jährige auch zuverlässig seine Medikamente nehmen und durch die Abgabe laufender Urin- beziehungsweise Blutproben seine Alkoholabstinenz nachweisen.

Walter Schöttl

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