Messerattacke

Großeltern des Grafing-Täters erklären der tz: So wollten wir ihm helfen

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Paul H., der Messerstecher von Grafing.

Grafing - Paul H. hat am Dienstagvormittag in Grafing auf vier Menschen eingestochen, einer von ihnen erlag seinen Verletzungen. Die tz sprach mit Angehörigen des Täters.

Das 13 000-Einwohner-Städtchen Grünberg im Norden Hessens: eine Fachwerkidylle wie aus dem Bilderbuch. In den Gassen der Neustadt unweit des historischen Kerns ist das Entsetzen groß, dass ein Nachbar für das schreckliche Gemetzel am Grafinger Bahnhof verantwortlich sein soll.

Eine ältere Dame ringt am Telefon um Fassung: „Was, der Paul war das? Wie furchtbar!“ Paul H.s Onkel fassungslos zur tz: „Ich muss das erst einmal setzen lassen.“ Was am Dienstagvormittag in Grafing passierte, muss der Schlussakt einer verhängnisvollen und dramatischen Entwicklung gewesen sein. Dabei hatte alles hoffnungsvoll angefangen …

2008 legte Paul H. in einer Schreinerei vor Ort seine Gesellenprüfung ab, der erfolgreiche Abschluss einer dreijährigen Lehre. Doch irgendetwas warf ihn danach aus der Bahn. Paul H. floh aus dem Fachwerkstädtchen, reiste um die Welt, arbeitete als Animateur in Hotels in Ägypten und auf Mallorca, bereiste das restliche Spanien, Portugal, Australien, die Niederlande, die Schweiz und die Türkei. Dann kehrte er wieder in seine Heimatstadt zurück.

Stiefvater überrascht

Er jettete von Techno- zu Trancefestivals – Orte, an denen Alkohol und (illegale) Drogen zum Feiern für viele dazu gehören. Seit zwei Jahren lebte H. von Sozialhilfe, sammelte im Ort Flaschen ein, um das Pfand einzulösen. „Er hat bei uns, wenn er mal zu Hause war, Pizza bestellt, nachts um elf brauchte er dann auch noch mal eine Flasche Wein“, heißt es beim Pizzaservice um die Ecke.

H. hat noch einen jüngeren Bruder, der aufs Gymnasium geht. Seine Mutter wohnt mit seinem Stiefvater im Nachbarhaus. Der wurde am Dienstag überrascht, als die Polizei zur Durchsuchung anrückte: „Ich weiß noch gar nicht, was los ist. Die Polizei ist nebenan und durchsucht die Wohnung meines Stiefsohnes. Er hat psychische Probleme und ist drogenabhängig. Wir haben keinen Zugang mehr zu ihm", sagte er zu Sat.1 Bayern.

"Paul ist kein Terrorist"

Paul H.s Großeltern beschreiben, wie sie verzweifelt um ihren Enkel kämpften: „Wir hatten alles versucht, um ihm zu helfen“, so die Großmutter. Am vergangenen Sonntag wusste sich Familie nicht mehr zu helfen. „Wir haben die Polizei gebeten, ihn in eine Klinik einzuweisen. Aber die Beamten lehnten das ab“, so der Großvater. „Wir redeten mit Engelszungen auf ihn ein und brachten Paul nach Gießen in eine Klinik.“ Doch in der offenen Psychiatrie hielt es Paul H. nicht lange – er türmte.

Niemand berichtet im Ort übrigens davon, dass sich Paul H. für den Islam interessierte, auch auf seiner Facebook-Seite weist rein gar nichts darauf hin. Vergangenen Donnerstag postete Paul H. dort noch Bilder von einem Techno-Festival an der Lahn in Hessen. Sein Großvater betont: „Ich kann Ihnen versichern: Unser Paul ist kein Terrorist.“

Johannes Welte

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