Sie haben große Herzen

Juristen-Ehepaar nimmt Flüchtling bei sich auf

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Klaus (r.) und Waltraut Küchenhoff mit Mahmoud, ihrem Gast aus Gaza

Ebersberg - Waltraut Küchenhoff kam 1945 als Flüchtlingskind nach Deutschland. Jetzt hilft die Ebersbergerin gemeinsam mit ihrem Mann einem Flüchtling, der jetzt in München gestrandet ist.

Sie kamen mit dem Lastwagen. Dicht an dicht drängten die Flüchtlinge sich auf der Ladefläche – so eng, dass keiner umfallen konnte. Sie waren erschöpft, halb Osteuropa hatten sie zu Fuß durchquert. Bei Passau stoppte der Treck, ein ehemaliges Kloster diente als Notunterkunft. Bis zu 40 Menschen teilten sich einen Saal, einen Tisch, eine Toilette. Sie hatten ihr Ziel erreicht und der Krieg war vorbei. Das war im August 1945.

Waltraut Küchenhoff war damals zwölf Jahre alt. Heute, 70 Jahre nach der Vertreibung aus Schlesien, sitzt sie am Wohnzimmertisch, blickt hinüber zu Mahmoud und sagt: „Ich weiß, was Flüchtlinge durchmachen.“ Ihr Mann Klaus nickt, sagt: „Wenn man die Möglichkeit hat zu helfen, sollte man das tun.“ Also hat das Ebersberger Ehepaar Mahmoud aufgenommen. Mahmoud kommt aus Gaza und ist 35 Jahre alt, Waltraut und Klaus sind 82. Die Kinder sind lange aus dem Haus, die Küchenhoffs hatten sich eingerichtet in ihrer Zweisamkeit. Jetzt schläft seit acht Monaten ein Fremder in ihrem alten Schlafzimmer, kocht in ihrer kleinen Küche, duscht in ihrem Badezimmer. Warum tut man sich das an mit 82 Jahren?

„Weil wir Hilfsbereitschaft am eigenen Leib erfahren haben“, sagt Klaus. Auch seine Familie durchlebte nach dem Krieg Flucht und Vertreibung. Waltraut sagt: „Unser Haus ist groß. Man hat nicht das Recht, alles für sich zu behalten.“ Recht, damit kennt sich das Ehepaar aus: Er war Bundesrichter, sie Rechtsanwältin. Will man einen Flüchtling zu Hause aufnehmen, sind das gute Voraussetzungen.

Denn guter Wille reicht oft nicht. Man muss sich auskennen im deutschen Paragrafen­dschungel, manchmal führen nur Schleichwege zum Ziel. Dabei scheint der Fall zunächst simpel: Mahmoud wohnt mit 50 Männern in einer Turnhalle, er will dort weg, die Küchenhoffs bieten ihr Haus an. Der Wille ist da, nur mit der Bewilligung ist das so eine Sache. Klaus und Waltraut haben sich im März 2015 an das Ausländeramt in Ebersberg gewandt. Dann nach München, später wieder ans Landratsamt. Klaus spricht mit Landräten, schreibt an Behördenchefs. Monatelang geht nichts voran. Aber Waltraut und Klaus geben nicht auf. „Mahmoud ist hier – und er braucht Hilfe.“ Punkt.

Klaus lehnt sich in seinem Stuhl zurück und sagt: „Wir sind Juristen, wir kennen die Gesetze.“ Waltraut sagt: „Hier handelt es sich um Verordnungen, Klaus!“ Das Gesetz würden die beiden nie brechen, das betonen sie. „Verordnungen sind die unterste Stufe gesetzlicher Regelungen. Die werden heute gemacht und morgen geändert.“ Die könne man auslegen, Ausnahmen machen. Also ist Mahmoud jetzt „Gast“ bei den Küchenhoffs. Offiziell wohnt er weiter in der Gemeinschaftsunterkunft. Alle paar Tage setzt er sich aufs Rad und fährt dorthin, checkt seine Post, erledigt den Papierkram. Dann fährt er wieder heim.

Über seine alte Heimat, den Gaza-Streifen, verliert Mahmoud kaum ein Wort. Nur so viel: „Wenn ich zurückgehe, sperrt mich die Hamas (palästinensische Terrorgruppe, Anm. d. Red.) ein.“ Jetzt also Kleinstadt-Idyll statt Kerker. Gibt’s da Reibereien? „Seit er da ist, kann ich nicht mehr einfach so aus der Dusche steigen und im Handtuch durchs Haus laufen“, sagt Waltraut. „Manchmal kocht Mahmoud, dann duftet das ganze Haus nach arabischen Kräutern und Fett“, sagt Klaus, wobei er bei „duftet“ die Nase rümpft. Anfangs gab es einen Küchen-Belegungsplan. „Den haben wir abgeschafft, das klappt auch so“, sagt Waltraut.

Der Kampf der Kulturen – in Ebersberg fällt er aus. Waltraut sagt: „Mahmoud ist sauber, räumt immer sein Zeug auf, hilft beim Staubsaugen und putzt auch mal die Küche oder das Bad.“

Mahmoud ist den beiden dankbar. Trotzdem will er so bald es geht weg. Arbeiten, Frau und Kind nachholen, eine eigene Wohnung. Die Küchenhoffs hätten dann wieder ihre Ruhe. Aber vielleicht würde man sich trotzdem noch ab und zu treffen. So wie im Oktober, als Mahmouds Familie zu Besuch war. Klaus und Waltraut hatten gekocht, es gab schließlich etwas zu feiern: den Tag der Deutschen Einheit.

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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