Oma Gerda: „Zum 100. mach’ ich mir die Zähne schön!“

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Dr. Bernhard Junk mit Gerda Gerhards (99): Am 1. Juni erhält sie als älteste Patientin überhaupt vier Implantate. Ihre Lieblingsspeise ist übrigens Sauerbraten.

München - Gerda Gerhards feiert am 21. August „ihr“ Jahrhundert. Sie ist die älteste Patientin, die sich Implantate setzen lässt. In der tz erzählt sie aus ihrem bewegten Leben.

Ein Foto vom 95. Geburtstag im August 2006: Gerda Gerhards lacht im Kreis ihrer Lieben. Heute hat die 99-Jährige neben ihren drei Kindern („Das sind herrliche Kinder!“, sagt sie über ihre zwei Söhne und ihre Tochter) sieben Enkelkinder und acht Urenkel. „Die Familie ist gewachsen“, sagt sie lachend zur tz

Gepflegtes Aussehen – das ist ­Gerda Gerhards wichtig. „Allerdings! Frisuren sind mein Markenzeichen. Ich sitze zwar im Rollstuhl, das Gleichgewicht ist nicht mehr so gut, aber meine Hände und Arme sind noch flott dabei“, sagt sie und lächelt im tz-Interview. Bei den Zähnen lässt sie aber den Profi ran. Und weil die hellwache Gerda am 21. August ihren 100. Geburtstag feiert, soll alles perfekt sein – und das strahlende Lachen noch ein bisserl mehr blitzen. Die tz fühlte Gerda Gerhards auf den Zahn: Lebensstationen einer jung gebliebenen, lebensbejahenden Frau.

In ihrem Zimmer des Vaterstettener Altenheims hat die Rentnerin eine eigene Kaffeemaschine. Dieser Luxus muss einfach sein, denn: „Manchmal frage ich mich, wie die Leute hier es schaffen, die braune Farbe in den Kaffee zu bringen“, sagt sie über die Qualität des Getränks im Altenheim

Wir müssen uns sputen beim Termin im Altenheim Vaterstetten. Zwischen Mittagessen und 15 Uhr ist ja nicht viel Zeit, und um Punkt drei Uhr muss Gerda in der Beiratssitzung sein. Angst vor dem Zahnarzt hat sie nie gehabt, auch wenn’s Schöneres gibt. „Man hält’s halt aus.“ Ganz im Gegensatz zum Leben: „Ich freue mich über jeden Tag, den mir der Herrgott schenkt.“ Und das, obwohl das Leben nicht nur Sonnenseiten hat.

Das Münchner Kindl von anno dazumal

Das Münchner Kindl von anno dazumal

Gerda Gerhards klagt nicht. Stellt nüchtern, aber nicht lieblos fest, dass sie auf ihrer Station keine Ansprechpartner hat. „Die meisten Mitbewohner sind entweder dement oder taubstumm, auch das Personal ist zum Teil taubstumm. Aber ich lese viel auf der sonnigen Terrasse, schreibe Gedichte. Es gibt immer viel zu tun.“

Gerda Gerhards mit Ehemann Rolf und den ­Kindern Rolf-Jürgen und Petra, ca. 1946

Ein bewegtes, ein bewegendes Leben. Mobil ist Gerda Gerhards trotz ihres Rollstuhls: „Ich bin zwar eingeschränkt, aber mache trotzdem Ausflüge des Hauses mit wie neulich zum Schliersee. Und wenn meine Kinder kommen, dann fahren sie mich herum.“ Überhaupt: „Das sind herrliche Kinder! Ich kann mir keine besseren wünschen. Sie sind einmalig gut.“ Zwei Söhne und eine Tochter hat sie, dazu sieben Enkel und acht Urenkel, von denen sie in den höchsten Tönen und mit der wärmsten Stimme erzählt.

Dabei dachte sie zuerst, sie könne keinen Nachwuchs bekommen. „Ich war 31, als es Gott sei Dank klappte. Das war zu meiner Zeit sehr alt, wie ich eher zufällig mitbekam: Nach meiner ersten Geburt sagte eine Schwester zur anderen: ,Wo musst du jetzt hin?‘ – Und sie: ,Zu der Spätgebärenden. Die ist schon 31.‘ – Und ich: ,Oh, das bin ich auch.‘ Ich bin also eine Spätgebärende“, erinnert sie sich.

Ihr Mann Rolf war die Liebe ihres Lebens. „Das gibt’s wirklich, auch wenn es selten ist“, blickt sie zurück. Sie war 25, er 27, als Amors Pfeil einen Volltreffer landete. „Wir kommen beide aus Wuppertal und lernten uns dort auch kennen. Ich war mit meinen Eltern zum Abendbrot in einer Weinstube, Rolf kam mit zwei Freunden ins Lokal. Weil er nicht tanzen konnte, schickte er einen Freund vor und wartete an der Bar. Da musste ich vorbei, als ich auf die Toilette ging. Er sprach mich auf dem Rückweg an, lud mich auf ein Glas Sekt ein. Zwei Jahre später waren wir verheiratet.“ Ralf ist 1989 gestorben.

Gerda ist gelernte Friseuse. „Ich habe meinen Beruf geliebt. Man lernt viele Menschen kennen, hört sich Geschichten an, muss sie auch mal trösten.“ Doch das ist eine andere Geschichte. „Jetzt muss ich mich auf die Socken machen.“ Zur Beiratssitzung.

Matthias Bieber

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