Geretsrieder (55) stieg einfach aus

Dieser Unternehmer lebte drei Jahre lang im Wald

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Ein ungewöhnlicher Lebensweg: Werner Högl, einst Unternehmer, geht in einem Waldstück spazieren. Bis vor Kurzem lebte er unentdeckt in einem Zelt in den Isarauen.

Geretsried – Drei Jahre lang war er verschwunden: Werner Högl, 55, hat in einem Zelt in den Isarauen gelebt, die Schulden waren dem Unternehmer über den Kopf gewachsen. Er ernährte sich von Abfall, sprach mit keinem Menschen. Jetzt ist er zurück – und will in seinem neuen Leben Fuß fassen.

In vier Tagen werden sie kommen. Werner Högl hält den Zwangsbescheid in der Hand, er steckt in einem schlichten braunen Briefumschlag. Am 13. Oktober 2011 muss er sein Haus in Geretsried räumen. Seine Firma mit neun Mitarbeitern ist insolvent, sein Vermögen gehört den Gläubigern. Jetzt haben sie auch noch sein Haus zwangsversteigert. Högl, 52, hat alles verloren – aber in ihm glimmt noch ein Funken Stolz. Er fasst einen Entschluss. Högl geht in den Keller und kramt sein weißes Kugelzelt hervor. Packt sich einen Schlafsack, eine braune Wolldecke, einen Gartenstuhl und ein Batterie-Radio. Mit dem Gepäck auf dem Rücken schließt er die Haustür hinter sich. Er geht über die Tattenkofener Straße in den Wald hinein, nur ein paar hundert Meter weit. Dort wird er von diesem Tag an leben – drei Jahre lang.

Ramponiert: das Zelt, in dem Werner Högl drei Jahre lang lebte – auch bei winterlicher Kälte.

„Das Leben im Wald war anders, aber nicht schlechter“, sagt Werner Högl. „Ich habe es nicht gehasst.“ Högl, der in Wahrheit anders heißt, sitzt in der Wirtsstube der Sprengenöder Alm in Eurasburg bei Wolfratshausen. Vor wenigen Tagen haben sie ihn im Wald aufgespürt. Die Obdachlosigkeit hat Spuren hinterlassen. Sein graues Haar ist zerzaust, der lange Bart vom Tabak gelb gefärbt. Högl ist jetzt 55, trägt ein blau-kariertes Hemd, darüber einen braunen Wollpulli. Er bestellt sich ein Weißbier. „So eine Gelegenheit muss ich ausnutzen“, sagt er und lächelt. Das Glas lässt er die nächste Stunde nicht mehr los.

Högls Stimme ist dünn – drei Jahre hat er kaum gesprochen, nicht mal mit sich selbst. Er muss die Worte, die Sätze zunächst suchen, dann kommt er ins Reden. Er mag gute Gespräche, sagt er, aber nicht zu viel Trubel. Manchmal muss er sich dann zurückziehen, mit sich alleine sein. Als vor drei Jahren seine Welt zusammenbrach, ist er in den Wald geflüchtet. In die Einsamkeit. Werner Högl macht keine halben Sachen.

So war es auch damals mit seiner Firma: Die war sein Leben. Werner Högl ist gelernter Maschinenschlosser. Vor 20 Jahren kommt er aus dem Würzburger Raum nach Geretsried. Mit drei Partnern macht er sich selbstständig. Er arbeitet sieben Tage die Woche, 14 Stunden täglich sitzt er am Schreibtisch. „Ich war mit meiner Arbeit verheiratet, für eine Frau blieb keine Zeit“, sagt er. „Rückblickend habe ich zu viel gemacht und zu wenig gelebt.“ Er arbeitet sich auf.

Dann, mit der Wirtschaftskrise 2009, geht es bergab. Ein Hauptkunde bricht weg, Zahlungen bleiben aus. Werner Högl muss mit seiner Firma Insolvenz anmelden. Auf seinem Haus lasten Hypotheken für Firmenkredite, deshalb steht er privat vor einem Schuldenberg. Er kann Gas- und Stromrechnungen nicht begleichen. Seine Familie will er nicht um Hilfe bitten. „Ich wollte nicht hören, was ich alles falsch gemacht habe.“ Dafür ist er zu stolz. Er bricht den Kontakt zu seiner Mutter und seiner Schwester ab. Sie ahnen nicht, dass er unweit seines Hauses im Wald lebt.

Wasserreservoir: die Quelle, die auch als Kühlschrank taugte.

Der gescheiterte Unternehmer hat sein Zelt in den Isarauen aufgeschlagen. Auf einer kleinen Lichtung, zwischen vier Buchen, der Boden ist vermoost und feucht. Werner Högl breitet blaue Müllsäcke aus, damit das Zelt nicht fault. Weil das Gelände terrassenförmig zur Isar abfällt, ist das Versteck von keiner Seite einsehbar. Auch Trampelpfade gibt es nicht. Nur das Rauschen der Autos ist zu hören. In knapp 100 Metern Entfernung verläuft die Staatsstraße, die Geretsried mit Bad Tölz verbindet. Högl lebt jetzt am Rand der Gesellschaft – wie nahe er ihr kommt, bestimmt er selbst. Sein Handy wirft er in den Wald. Er lebt von Tag zu Tag. „Sonst hätte ich das nicht überlebt.“ Die Zukunft zählt nicht mehr.

Seine Lebensmittel besorgt sich der Obdachlose heimlich in der Stadt. Immer gegen zwei Uhr morgens wacht er auf. Dann schleicht er mit einem weißen Stoffbeutel in der Hand ins nahe gelegene Gewerbegebiet. Er kramt in den Mülltonnen der Supermärkte nach beschädigten Konservendosen, angefaultem Obst und Wurstabfällen. „Zum Essen hatte ich immer genug“, sagt er. Findet Werner Högl Mehrwegflaschen und Dosen im Wald, löst er in den Märkten das Pfand ein. Und kauft mit dem Geld keine Lebensmittel, sondern Zeitungen, Tabak und jede Woche zwei Sechserpacks Bier. „Draußen habe ich nicht den Drang, viel zu trinken“, sagt Werner Högl und schaut auf sein Weißbierglas. Wer in der Natur überleben will, braucht vor allem eines: Wasser. Werner Högl findet in der Nähe eine kleine Quelle, die auch im tiefsten Winter nicht zufriert. Im Sommer dient sie ihm als Kühlschrank.

Wie viele Menschen genau obdachlos sind, ist nicht bekannt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt: Es sind bundesweit 284 000 Menschen – Tendenz steigend. Die meisten von ihnen wohnen in Notunterkünften oder bei Bekannten. Statistiken über das Ausmaß von Wohnungs- und Obdachlosigkeit gibt es nicht, weder auf Bundes- noch Landesebene, bestätigt das bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales. Die Wohnungslosenhilfe Bayern schätzt die Zahl im Freistaat auf 20 000. Auf der Straße, heißt es, leben davon etwa 3000 Menschen.

Werner Högl lebt im Wald. Stundenlang sitzt er auf seinem Gartenstuhl und liest Zeitung. Das ist ihm wichtig. So weiß er, was um ihn herum in der Welt passiert. Er nimmt nicht mehr an der Gesellschaft teil, aber er beobachtet. Sein Radio schaltet er nur selten ein. Die Batterien sind zu teuer. Nur während der Fußball-WM im Sommer, da hört er sich jedes Spiel an, auf B5 aktuell. Bei Einbruch der Dunkelheit schlüpft er in seinen Schlafsack und deckt seine Füße mit seiner Wolldecke zu.

Werner Högl hat sich dieses Leben nicht gewünscht, aber er hat sich damit arrangiert. Er spürt keine Wut, keine Enttäuschung. Gleichgültigkeit lullt ihn ein. Auch, als die Kälte kommt. Der erste Winter beginnt mild, doch im Januar schneit es heftig. Aus Sibirien kommt eine Kaltfront mit bis zu minus 20 Grad. „Auch bei solchen Temperaturen wacht man wieder auf“, erzählt Werner Högl. „Man gewöhnt sich nicht daran, aber man härtet ab.“ Bis auf ein paar Erkältungen sei er in der Zeit nie krank gewesen. „Bei der Kälte läuft die Nase sowieso immer.“

Feuer macht er keines. Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist zu groß. Auf seinen Streifzügen trifft er manchmal Spaziergänger. Sie nehmen kaum Notiz von ihm. Seine einzige Gesellschaft: eine schwarze Katze. Er hat das scheue Tier mit einem Stück Schinken angelockt. „Sie hält die Mäuse vom Zeltplatz fern“, sagt Werner Högl. Und die Menschen finden ihn nicht – vorerst.

Gut ein Jahr lebt der gescheiterte Geschäftsmann unbemerkt in den Isarauen. Als er eines Nachts wieder in den Mülltonnen der Supermärkte wühlt, ertappt ihn die Polizei. Die Beamten zeigen ihn wegen Diebstahls an und bringen ihn in ein Notquartier in Geretsried. Dort verbringt er die Wintermonate. Sein Zelt bleibt unentdeckt. Im Frühjahr will ihm die Caritas eine Übergangswohnung vermitteln. Doch seit Werner Högl amtlich gemeldet ist, besucht ihn der Gerichtsvollzieher. Die Vergangenheit holt ihn ein. Da flüchtet Werner Högl erneut, geht zurück in den Wald.

Das Camp ist von Wild und Wetter verwüstet, die Katze verschwunden. Überall unter den Büschen liegen Zeitungen und Plastikmüll verstreut. Das Zelt ist unter der Schneelast eingeknickt. Zwei Tage lang flickt Werner Högl die verbogenen Stangen mit Klebeband und richtet sich wieder ein. Den Abfall aber lässt er liegen. „Dafür könnte ich mir selbst in den Hintern treten“, sagt er heute, „weil ich die Natur eigentlich liebe. Aber man stellt immer mehr dazu. Und irgendwann wird es einem egal.“

Der Sommer vergeht, der Winter, das Frühjahr. Anfang Oktober passiert’s. „Ich wusste, dass ich irgendwann gehen muss“, sagt Werner Högl. Als er gerade Zeitung liest, nähert sich ein Isar-Ranger und spricht ihn an. Die Trampelpfade, die Werner Högl über die Monate selbst angelegt hat, haben ihn verraten. Er dürfe hier im Naturschutzgebiet nicht zelten, sagt der Ranger bloß. In drei Tagen sei Ramadama, da würden sie seine Sachen gleich mitnehmen. Drei Tonnen Papier und hunderte Einwegflaschen transportiert die örtliche Fischereijugend am Ende mit Schubkarren ab. Es ist das banale Ende einer unfassbaren Geschichte.

Plötzlich helfen sie ihm, die Menschen. Nikolaus Schöfmann, 66, vom Fischereiverein nimmt sich des Obdachlosen an, holt ihn mit dem Auto ab. Gemeinsam lösen sie einen Einkaufsgutschein der Caritas ein. Werner Högl kauft Fleischpflanzerl, einen Ring Lyoner, Dosenravioli, Schokolade und ein Pfund Kaffee. Mit dem Proviant geht es in die Notunterkunft in Sprengenöd bei Eurasburg.

Werner Högl zeigt sein Zimmer: zwölf Quadratmeter, Dachschräge, Fernseher, Kühlschrank, Kaffeemaschine. Auf einem Tisch liegt aufgeschlagen eine Zeitung, daneben stehen das batteriebetriebene Radio und die Lebensmitteleinkäufe.

Drei Wochen später hat sich Werner Högl verändert. Sein Bart ist gestutzt, die Haare sind frisiert, er trägt saubere Kleidung. Der Antrag auf Arbeitslosengeld II ist bewilligt. Werner Högl sucht Arbeit. Und hat sich ein neues Handy zugelegt. Die Zukunft, sie nimmt wieder Gestalt an.

Trotzdem: Mit seiner Familie will er keinen Kontakt aufnehmen – zumindest vorerst. „Solange ich seelisch nicht stabil genug bin, kann ich das nicht machen“, sagt Werner Högl. „Nicht, dass alles wieder von vorne losgeht.“

Sebastian Dorn

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