58-Jähriger spricht knapp vier Monate nach der Tat

Grafinger Amok-Opfer: Mein schwerer Weg zurück ins Leben

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Paul H. verletzte Hannes Buchner (Foto) schwer.

Grafing - Gut vier Monate nach der Bluttat von Grafing-Bahnhof erinnert am Bahnsteig nichts mehr daran, dass ein Amokläufer (27) einen Menschen tötete und drei weitere schwer verletzte. In der tz erzählt Zeitungsausträger Hannes Buchner, wie er zum Opfer wurde.

Die Blumen und Kerzen sind verschwunden. Gut vier Monate nach der Bluttat von Grafing-Bahnhof erinnert am Bahnsteig nichts mehr an den Morgen des 10. Mai, als ein Amokläufer (27) einen Menschen tötete und drei weitere schwer verletzte. Bereits unmittelbar nach der Tat hatte ein Gutachter Paul H. eine psychische Erkrankung attestiert. Zwei Tage vor der Tat hatte er auf Drängen seiner Großeltern, die auch die Polizei alarmierten, eine Nacht in einer Klinik verbracht. Doch er türmte und fuhr mit dem Zug von Fulda nach München. Dort stieg er in die S-Bahn nach Grafing – und lief an jenem Dienstagmorgen Amok. In der tz erzählt Zeitungsausträger Hannes Buchner, wie er zum Opfer wurde:

Hannes Buchner: Sein schwerer Weg zurück ins Leben

Dieser Dienstag im Mai lässt sich gut an für Johannes Buchner (58). Es ist warm und trocken, die Zeitungen sind dünn: Heute nimmt er das Rad. Wie jeden Tag beginnt er um 2.30 Uhr seine Runde. Den Job macht er seit 30 Jahren. Als es dämmert und die Vögel zu zwitschern beginnen, hat Buchner, den alle nur Hannes nennen, noch gut 150 Zeitungen in seinem Fahrradkorb, den er am Lenker montiert hat. Es ist etwa fünf Uhr.

Hannes Buchners Radl liegt nach der Attacke auf dem Boden.

Hannes Buchner biegt im verschlafenen Grafing-Bahnhof beim Griechen auf die Hauptstraße ein. Gegenüber liegt der Bahnhof. Auf der Verkehrsinsel sieht er zwei Betrunkene, die dort herumtorkeln. Meint er. Ein schicksalhafter Trugschluss. Als der Zeitungsausträger die beiden passiert, wird er nämlich das nächste Opfer eines Amokläufers. Was Buchner für zwei Betrunkene hält, ist in Wahrheit der Täter, der mit einem seiner Opfer ringt. Dann geht es ganz schnell. Der offenbar geistig verwirrte Paul H. (27) sticht Buchner mit einem Fahrtenmesser in den Rücken. 15 Zentimeter tief. „Du merkst es erst gar nicht“, sagt der Grafinger dreieinhalb Monate nach der Tat der Ebersberger Zeitung.

Er stürzt kopfüber auf den Asphalt und schlägt sich mehrere Zähne aus. Hilflos bleibt er liegen und muss zusehen, wie der Attentäter zur S-Bahn läuft. Buchner spürt sein rechtes Bein nicht mehr, er ruft um Hilfe. Wenige Minuten später – die Polizei ist alarmiert, Buchner wird von zwei Ersthelfern versorgt – taucht Paul H. wieder auf. Er geht auf sein am Boden liegendes Opfer zu, das Messer ist aus seiner Hand verschwunden. „Wo ist denn die Polizei?“, fragt er süffisant. Buchner merkt: Er hat es mit einem Wahnsinnigen zu tun. „Gebt mir einen Prügel, damit ich mich wenigstens verteidigen kann“, fordert er seine Helfer auf, die in diesem Moment zurückweichen.

Heute steht Hannes Buchner wieder aufrecht, das rechte Bein zieht er nach. Treppen geht er „wie ein 90-Jähriger“, wie er selbst sagt. Buchner scheint die schreckliche Tat weggesteckt zu haben wie andere eine Grippe. „Ich habe die Reha jetzt selbst in die Hand genommen“, sagt er. In der Früh fährt Buchner eine Stunde Fahrrad, am Nachmittag macht er „ein zweistündiges Wettrennen mit den Schnecken im Ebersberger Forst“, sagt er, und muss über sich selbst lachen. Dabei liegen schwere Wochen hinter dem Mann. Im Unfallklinikum Murnau erfährt er: Der Stichkanal geht einen halben Zentimeter an der Wirbelsäule vorbei. Das sind fünf Millimeter, die den Unterschied zwischen Turnschuhen und Rollstuhl ausmachen.

Nach einer Operation kommt Buchner langsam wieder zu Kräften. Nur zwei Tage lang sitzt er im Rollstuhl, dann im normalen Stuhl auf dem Balkon, wo er Krimis liest. „Gut 20 dicke Schinken“ hat er gezählt. In der gleichen Zeit lernt er, wieder zu gehen. Zunächst mit dem Rollator, dann mit Krücken. Nach sieben Wochen schleppt er sich ohne Gehhilfe voran, sein eiserner Wille hält ihn auf den Beinen. Den Psychologen schickt er weg. „Ich war halt zur falschen Zeit am falschen Ort“, damit hakt er sein Schicksal ab.

In der Murnauer Unfallklinik lässt Buchner nur seinen engsten Kreis zu sich. Er will seine Ruhe und kein falsches Mitleid. Riesig gefreut hat sich der Zeitungsausträger aber über mehr als 300 Karten mit Genesungswünschen. Geschrieben haben ihm Freunde, Bekannte, Abonnenten, aber auch Fremde, die sein Schicksal bewegt hat.

Tatort Grafing-Bahnhof: Am 10. Mai lief Paul H. hier Amok.

Als Buchner nach neuneinhalb Wochen die Klinik verlässt, ist er nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell angeschlagen. „Du gehst wirklich als arme Sau da raus“, sagt er. In der Zeit, die der Grafinger im Krankenbett verbrachte, kann er mit seinem kleinen Gartenbaubetrieb kein Geld verdienen. Die Kosten für seine Fahrzeuge aber laufen weiter. Jetzt wird er sie verkaufen, denn seinen Beruf kann Hannes Buchner wohl nie mehr ausüben. Gut zwei Jahre wird es dauern, bis sich die Nerven in seinem Rücken regeneriert haben, und bis er seine Beine wieder richtig benutzen kann – falls das überhaupt klappt. Buchner ist nicht mehr der Jüngste: Wahrscheinlich muss er früher als geplant in Rente gehen. „Vielleicht kann ich dann noch bei irgendwelchen Leuten den Rasen mähen.“

Hannes Buchner geht immer noch gerne mittags zum Griechen in Grafing-Bahnhof, genießt das Essen keine 20 Meter von der Stelle entfernt, wo er am 10. Mai fast umgebracht wurde. Mit seinem Schicksal hadert er nicht. „Das kann dir halt passieren“, sagt er. „Blöd gelaufen. Aus.“

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