Bub aus Schliersee besiegt den Krebs

Geheilt! Jetzt kämpft Nici für andere Krebs-Kinder

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Der Alltag eines 17-Jährigen: Nici spielt mit seinem kleinen Bruder Emilio.

Schliersee - Nici Kutter kann nach bangen Monaten mittlerweile ein normales Leben führen. Der 17-Jährige gilt als geheilt vom Blutkrebs. Jetzt will er anderen Menschen helfen.

Vor einem Jahr bangten die tz-Leser und viele Menschen im Oberland mit Nici. Der Bub aus Schliersee war in den USA, um mit einer neuartigen Therapie seinen Blutkrebs zu bekämpfen. Es war hart, aber erfolgreich: Nici ist geheilt. Jetzt will er mit seinen Eltern und dem Haunerschen Kinderspital in München dafür sorgen, dass auch andere krebskranke Kinder eine Chance zum Leben bekommen.

Er war dem Tod mehrmals näher als dem Leben, stemmte sich mit unbändigem Lebenswillen, Löwenmut und der Liebe seiner Familie im Herzen gegen die Leukämie: Was Nicolas Kutter mit seinen gerade mal 17 Jahren schon alles überstanden hat, taugt zum Stoff für einen hochdramatischen Heldenroman - gekrönt von einem Happy-End. Und das Schönste an seiner Geschichte ist, dass sie im wahren Leben spielt. Genauer gesagt in Schliersee, wo Nici jetzt "endlich wieder im Alltag angekommen" ist, wie seine Mama Solveig der tz erzählt. "Es geht ihm derzeit sehr gut." Vier Jahre nach der Albtraumdiagnose Leukämie sind keine Krebszellen mehr in seinem Blut nachweisbar - und das nun schon seit einigen Monaten. Nici gilt als geheilt!

Aber seine "Mars-Mission", wie Nici den Kampf gegen die Leukämie selbst nennt, ist noch nicht ganz zu Ende. Zum Einen weiß der blitzgescheite Bub aus eigener leidvoller Erfahrung, dass die heimtückische Krankheit theoretisch wieder zurückkehren kann; er muss vor allem in den nächsten vier, fünf Jahren mit einem deutlich erhöhten Risiko leben. Zum Anderen will Nici künftig auch für andere leukämiekranke Kinder kämpfen. Sie sollen wie er die Chance erhalten, mit einer neuartigen Immuntherapie behandelt zu werden.

Nici nimmt an klinischer Studie in USA teil

Dank einer großangelegten Spendenaktion konnte Nici vergangenes Jahr in die USA reisen, um dort an einer klinischen Studie teilzunehmen. Dabei wurden bestimmte Abwehrzellen aus seinem Blut im Labor genetisch so verändert, dass sie die Krebszellen bekämpfen können. In Deutschland wird dieses sogenannte CAR-T-Zellverfahren bisher noch nicht angeboten. Das soll sich nun so schnell wie möglich ändern. So arbeitet die Haunersche Kinderklinik, in der auch Nici behandelt wird, gerade daran, diese Therapie auch hier in München durchführen zu können - auch mit Unterstützung von Nici und seiner Familie.

Nici Kutter.

Die Kutters möchten gerne die Solidarität weitergeben, die sie im Rahmen einer großen Spendenaktion erfahren haben. Viele Spenden waren zusammengekommen, um Nici die Behandlung in der Kinderklinik von Seattle zu ermöglichen. Doch am Ende wurde erfreulicherweise nicht alles verbraucht. Das übriggebliebene Geld und vor allem neue Spenden sollen nun Nicis Leidensgenossen in München eine ähnliche "Mars-Mission" ermöglichen. "Ich bin so dankbar, dass ich die Therapie machen durfte, sie hat mir das Leben gerettet. Jetzt wünsche ich mir von Herzen, dass auch andere Kinder diese Chance bekommen", sagt Nici der tz.

Wie stark viele Krebspatienten auf die neue Immuntherapie hoffen, erfährt Nici mindestens einmal im Monat hautnah - dann nämlich, wenn er zur regelmäßigen Routineuntersuchung ins Haunersche Kinderspital kommt. Trotz der Freude über Nicis Heilung sind die Besuche nicht leicht für ihn und seine Familie. "Natürlich begleitet uns immer die Angst davor, dass der Krebs zurückkommt. Umso größer ist die Erleichterung, wenn die Ärzte nach der Untersuchung Entwarnung geben. Das sind für unsere Familie einfach wunderschöne Tage", erzählt Solveig Kutter.

Nici will Kinderarzt werden

Es macht sie einfach glücklich zu sehen, wie ihr Nici jetzt endlich wieder ein relativ normales Leben führen kann. Zwar sind die strapaziösen Behandlungen der vergangenen Jahre nicht spurlos an ihm vorübergegangen. So ist beispielsweise seine Bauchspeicheldrüse durch Entzündungen infolge der Chemotherapien in Mitleidenschaft gezogen worden. "Nici wird sein Leben lang Enzyme nehmen und auf seine Ernährung achten müssen."

Aber das fällt nicht so sehr ins Gewicht, wenn man seine allgemeine Entwicklung sieht: Er kann wieder regelmäßig zur Schule gehen, schmiedet Berufspläne ("Kinderarzt oder etwas mit Strahlentherapie"), tanzt, fährt Ski. Gerade bereitet er sich auf seine Führerscheinprüfung vor. Nici macht so ziemlich alles, was andere 17-Jährige auch tun. "Diese Normalität ist das größte Geschenk", sagt Solveig Kutter.

Bei aller Freude lässt die Mama aber auch der Gedanke nicht los, dass andere Kinder (noch) nicht so viel Glück hatten wie ihr Nici: "Mir ist klar, dass nicht jedes kranke Kind nach Amerika reisen darf. Aber Nici ist doch das beste Beispiel dafür, dass die Immuntherapie Leben retten kann. Deshalb brauchen wir diese Behandlungsmöglichkeit unbedingt auch in München."

Neue Therapie gegen Leukämie

Im Kampf gegen den Krebs haben sich drei wesentliche Strategien über Jahrzehnte bewährt: Operationen zur Entfernung der Tumoren und Tochtergeschwülste (Metastasen), Chemotherapien und Bestrahlungen. Seit wenigen Jahren kristallisiert sich nun ein vierter, äußerst erfolgsversprechender Behandlungsansatz heraus: die sogenannten Immuntherapien.

Professor Dr. Tobias Feuchtinger.

In Nicis Fall hat eine Variante bzw. Unterart geholfen, die Experten CAR-T-Zell-Therapie nennen. "Dabei wird dem Immunsystem praktisch Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Wir versetzen es in die Lage, Krebszellen erkennen und bekämpfen zu können", berichtet Professor Tobias Feuchtinger. In dertz erklärt der Leiter der Krebsstation im Haunerschen Kinderspital, wie die neue Therapie funktioniert, warum sie zu großen Hoffnungen berechtigt, ihre Einführung sich aber trotzdem schwierig gestaltet.

Das ist die Auslangslage: "Wir sind inzwischen in der Lage, etwa 75 Prozent der Leukämien im Kindesalter mit spezialisierten Chemotherapien zu heilen", berichtet Professor Feuchtinger. "Aber für die anderen Patienten brauchen wir dringend Alternativen. Die Immuntherapie kann uns einen großen Schritt voranbringen. In ersten Studien hat sie bereits bei vielen Patienten in sehr kritischem Zustand gewirkt, unter anderem bei Nici."

T-Zellen schützen vor Viren und Bakterien

So funktioniert die Therapie: T-Zellen sind eine Unterart der weißen Blutzellen. Sie gelten - vereinfacht gesagt - als Polizisten des Körpers, schützen uns vor Eindringlingen wie Viren und Bakterien, aber auch vor bösartigen Zellen. "Krebs entwickelt sich dann, wenn die Krebszellen es schaffen, sich dem Zugriff der T-Zellen zu entziehen", erläutert Professor Feuchtinger. Ziel der Immuntherapie ist es, die T-Zellen genetisch so zu verändern, dass sie die Krebszellen erkennen und vernichten können.

Das Haunersche Kinderhospital in München.

Das soll folgendermaßen gelingen: "Die T-Zellen werden im Labor so verändert, dass sie an ein bestimmtes Eiweiß andocken, das auf den allermeisten Leukämiezellen sitzt. Dieses Eiweiß hat den Namen CD-19." Der Clou dabei: Die gentechnisch veränderten T-Zellen, die nun den Fachbegriff CAR-T-Zellen tragen, können sich teilen - und dadurch langfristig auch versteckte Krebszellen in Schach halten.

Das sind die Knackpunkte bei der Einführung der neuen Therapie: Die CAR-T-Zelltherapie ist ein sehr junges Verfahren, das vor einer allgemeinen Zulassung erst in klinischen Studien getestet werden muss. Bei der Erprobung von Medikamenten und Therapien in einer frühen Entwicklungsphase sprechen Experten von Phase-1-Studien. "Diese werden in Amerika wesentlich schneller genehmigt als in Europa und speziell bei uns in Deutschland. Die Auflagen sind hierzulande strenger und die behördliche Prüfung dauert länger. Wir stehen vor wesentlich höheren Hürden als unsere amerikanischen Kollegen", erklärt Professor Feuchtinger.

Herstellung von CAR-T-Zellen theoretisch möglich

So weit sind die Münchner Spezialisten: In einer Forschungsgruppe am Haunerschen Kinderspital ist die genetische Veränderung der T-Zellen bereits erfolgreich getestet worden. "Rein theoretisch könnten wir sofort CAR-T-Zellen für unsere Patienten herstellen", erläutert Professor Feuchtinger, "aber wir haben noch keine Herstellungsgenehmigung und Arzneimittelzulassung, wie die offiziellen Bezeichnungen lauten. Das heißt: Wir halten die potenziellen Medikamente in den Händen, dürfen sie aber nicht verabreichen." Bis sich das ändert, können noch einige Jahre vergehen.

Das sei zwar eine unbefriedigende Situation, betont Professor Feuchtinger, allerdings will er den Behörden keinerlei Vorwürfe machen. "Sie haben entsprechende gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Diese müssten reformiert werden, um die Genehmigung universitärer Therapieentwicklung zu beschleunigen."

Das sind die Risiken der Immuntherapie: "Man muss ganz klar feststellen, dass wir noch wenig Erfahrung mit dem neuen Verfahren haben. Wie bei jeder neuen Therapie werden sich sehr wahrscheinlich langfristig Nebenwirkungen herauskristallisieren, die wir heute noch nicht kennen. Ob sich die Therapie langfristig durchsetzt, hängt davon ab, wie der vielversprechende Nutzen überwiegt gegenüber den möglichen Nebenwirkungen. Dies können nur klinische Studien beantworten."

Andreas Beez

Andreas Beez

Andreas Beez

E-Mail:Andreas.Beez@tz.de

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