Olympia: Der Plan B

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Abflug von den oder Anflug auf die Olympischen Winterspiele(n) 2018: Wie sehr gefährdet der Grundstücksstreit in Garmisch die Bewerbung für das Großereignis?

Garmisch-Partenkirchen - Staatskanzlei-Chef Siegfried Schneider weiß, dass er die Garmischer Olympia-Verweigerer kaum zur Räson bringen wird. In der tz erklärt Dr. Christian Barth, wie Bayern die Bewerbung um die Winterspiele 2018 retten will.

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„Wenigstens im Streiten“, spottet ein einflussreicher Garmischer hinter vorgehaltener Hand, „sind wir schon olympiareif“. Bissiger Galgenhumor angesichts der ernsten Verhandlungskrise um die nötigen Grundstücke am Fuße des Wetterstein-Massivs. Gerade die Beamten der Bayerischen Staatskanzlei finden die Querschüsse aus dem Goldenen Landl aber alles andere als lustig. Zuletzt ließ ein Brandbrief widerspenstiger Landbesitzer ans Internationale Olympische Komitee (IOC) die mageren Hoffnungen auf einen Weihnachtsfrieden in Rauch aufgehen. Aber natürlich glaubt auch der krisengestählte Chef-Vermittler, Staatskanzlei-Chef Siegfried Schneider, nicht mehr ans Christkind. Er weiß, dass er die 59 Garmischer Olympia-Verweigerer kaum zur Räson bringen wird. Auch wenn der Minister offiziell noch Gesprächsbereitschaft signalisiert – seine Leute arbeiten längst an einem Plan B.

In der tz erklärt Schneiders rechte Hand, der Spitzenbeamte Dr. Christian Barth, wie die Staatskanzlei die Bewerbung um die Winterspiele 2018 retten will.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren“, sagt Christian Barth in einem Anflug von Sarkasmus, „dass der Anwalt der Grundstücksbesitzer mit diesem Fall vor allem eines will: Berühmt werden!“ Ludwig Seitz von der renommierten Münchner Kanzlei Labbé & Partner hatte immer wieder betont, dass das Nein seiner 59 Mandanten zu den Spielen „unumstößlich“ sei – und damit die „Funktionsfähigkeit der Sportstätten nicht gegeben“, so steht es auch in seinem Brief ans IOC.

Alternativflächen im Auge

Doch dieser Einschätzung widerspricht die Staatskanzlei energisch: In den Planungen seien nur die Flächen von „fünf bis sechs der von Herrn Seitz vertretenen Grundstücksbesitzer“ überhaupt berücksichtigt, betont Barth. Wenn diese Areale wirklich nicht zur Verfügung stehen sollten, dann werde es definitiv Ersatzlösungen geben. So haben die Olympia-Planer vor allem Alternativflächen im Auge, die der Gemeinde und dem Freistaat gehören. Dazu kämen Grundstücke, „die uns von anderen Garmischern angeboten worden sind“. Entsprechende Gespräche seien bereits geführt worden.

Die notgedrungenen Änderungen würden „die Planung zwar nicht besser machen, aber gewährleisten, dass Olympia auch in Garmisch stattfinden kann“, betont Barth. Die standhafte Behauptung von Grundbesitzer-Anwalt Seitz, wonach ohne eine Einwilligung seiner Mandanten inbesondere die Wettkampfstätten am Hausberg (Snowboard), Gudiberg (Slalom) und Kandahar (Abfahrt, Super-G) blockiert wären, treffe nicht zu. Konkret, so der Staatskanzlei-Experte, gehe es vor allem um die Verlegung von Medienzelten, Tribünen und Parkplätzen. „Das heißt beispielsweise, dass Besucher oder Journalisten eben länger zu den Wettkampfstätten laufen müssten.“ Zudem müsse ein Konzept erarbeitet werden, dass die zur Verfügung stehenden Grundstücke noch besser nutze.

Ist der Bauern-Aufstand also ein Sturm im Wasserglas? Anwalt Seitz sieht das freilich ganz anders. In seinem Schreiben ans IOC erinnert er daran, dass Schneider die Grundstücke seiner Mandanten als „unverzichtbar“ bezeichnet habe. Dazu passe auch die juristische Offensive der Gemeinde mit dem erklärten Ziel, einen widerspenstigen Grundeigner im Zielbereich der Kandahar zu enteignen. Die Staatskanzlei räumt gegenüber der tz ein, dass sie von dieser umstrittenen Initiative des Garmischer Rathauses gewusst habe. „Wir haben dafür auch ein gewisses Verständnis.“ Ganz so verzichtbar scheint zumindest das Kandahar-Areal also doch nicht.

In Garmisch-Partenkirchen dagegen bleibt das Vorgehen des Bürgermeisters gegen den Grundbesitzer höchst umstritten. Ursprünglich hatte Thomas Schmid behauptet, es gehe nur um einen „Antrag auf vorläufige Besitzeinweisung“. Er versicherte: „Wir wollen niemandem seinen Grund und Boden wegnehmen.“ Im Antrag ans zuständige Landratsamt, der der tz vorliegt, ist aber auch schwarz auf weiß von Enteignung die Rede. Und zwar nicht nur für die Ski-WM im Februar, sondern auch für „ähnliche Veranstaltungen“. Auf die Dauer von 30 Jahren. Die Kritiker sagen argwöhnisch: Damit wolle Schmid sich gleich auch Olympia sichern.

"Der Mann ist außer Rand und Band"

48 Stunden vor dem Heiligen Abend kochten im Gemeinderat die Emotionen über. Die Opposition – eine illustre Runde aus CSU, SPD, FDP und Bayernpartei – versuchte, den Bürgermeister mit einem Dringlichkeitsantrag auszubremsen: „Der Mann ist außer Rand und Band, wir müssen diesen fatalen Schritt verhindern“, tobte die Chefin der Rathaus-CSU, Elisabeth Koch. Aber Schmids Bündnis aus zwei Wählergemeinschaften (FWG und CSB) setzte sich in einer Kampfabstimmung knapp durch. Der Glaubwürdigkeit von Minister Schneider haben sie damit einen Bärendienst erwiesen. Denn der hatte bei seinen Besuchen in Garmisch immer wieder betont, es werde keine Enteignungen für Olympia geben. Dabei bleibe es auch, beteuert sein Krisenmanager Barth. Die Ski-WM und Olympia hätten nichts miteinander zu tun. Man werde deshalb „noch mal mit Engelszungen auf die Garmischer einwirken“.

Ob’s was nützt? Bis März muss sich zumindest die große Linie einer Lösung herauskristallisieren – dann kommt das IOC, um sich über die Planungen zu informieren. Sonst schrumpfen Münchens Chancen, als erste Stadt nach Sommer- auch Winterspiele auszurichten. Die Entscheidung über den Zuschlag fällt im Juli.

In der Landeshauptstadt steht die Mehrheit der Menschen hinter dem Vorhaben, auch bundesweit liegt die Zustimmung nach einer ARD-Umfrage bei 60 Prozent. Der Traum der Olympia-Fans um OB Christian Ude lebt – und ihre Hoffnung auf ein Einlenken im Juniorpartnerort Garmisch stirbt zuletzt.

Andreas Beez

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