Teil 2 der Pflegeserie

Streit mit Pflegeheim: "Mutter soll die Hilfe bekommen, für die sie bezahlt"

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Abgestellt im Rollstuhl: Höhere Pflegestufe bedeutet nicht immer bessere Pflege.

München - Pflege ist teuer, sehr teuer. Aber für Angehörige ist es schwer, nachzukontrollieren, ob es für die rund 3500 Euro, überhaupt eine entsprechende Gegenleistung gibt. Ein Beispiel.

Die meisten Angehörigen hinterfragen diese Kosten für ein Pflegeheim nicht – auch, weil da das schlechte Gewissen lauert, gegenüber seinen pflegebedürftigen Verwandten nicht geizig dastehen zu wollen. Doch Pflege-Experten wie Claus Fussek sehen es als gutes Recht der Angehörigen an, für entsprechendes Geld entsprechende Leistung einzufordern – vor allem, wenn der Eindruck entsteht, das Geld verbessert eher den Lebensstil des Heimbetreibers als den des Pflegebedürftigen.

"Es wird nicht mehr gepflegt. Trotzdem sollen wir mehr bezahlen", sagt Margarethe Bosch zur Pflege ihrer Schwiegermutter.

Die Augsburgerin Margarethe Bosch ist eine der wenigen, die sich jetzt gegen eine drastische Kostensteigerung wehrt. Ihre Schwiegermutter Margarete, die bis zu ihrem 90. Lebensjahr allein und selbstständig in ihrer kleinen Wohnung leben konnte, musste im September 2014 ins Pflegeheim. Jetzt lebt sie im Sparkassenaltenheim Augsburg.

Vor einem Monat wurde die Schwiegermutter durch eine Gutachterin des Medizinischen Dienstes von Pflegestufe 1 in Pflegestufe 2 hochgruppiert – mit der Folge, dass die Pflegekosten von 3500 auf 4000 Euro monatlich hochschnellen. Die Hälfte der Steigerung müssen die Angehörigen schultern. „Wenn meine Schwiegermutter mehr Pflege braucht und die auch bekommt, sind wir selbstverständlich bereit, auch mehr zu zahlen“, meint Frau Bosch.

Andere Pflegestufe - nichts hat sich geändert

 Doch im Alltag ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwiegermutter habe sich durch die Höhergruppierung der Pflegestufe gar nichts geändert: „Sie sitzt im Rollstuhl, bekommt einen Kaffe, sitzt wieder im Rollstuhl, bekommt ein Schnitzel mit Pommes, sitzt wieder im Rollstuhl herum…“ Generell bedeutet Pflegestufe 1, dass mindestens 90 Minuten für die Betreuung nötig seien, bei Pflegestufe 2 sind es mindestens drei Stunden. Das Heim argumentiert, dass unter anderem wegen der Inkontinenz der 92-Jährigen sie in der Nacht oft bis zu zehnmal zur Toilette gebracht werden müsse, der Betreuungsaufwand hoch sei.

Doch Frau Bosch sprach mit der Nachtschwester, „die mir auf meine Nachfrage spontan sagte, dass meine Schwiegermutter

drei- bis viermal in der Nacht Hilfe zum Aufstehen braucht, um den Toilettenstuhl neben dem Bett erreichen zu können“. Von zehn Toilettengängen könne keine Rede sein!

Vorwurf: Pflegekräfte helfen der 92-Jährigen kaum sich mehr zu bewegen

Frau Bosch argumentiert, dass sie und ihr Mann jeden Tag stundenlang bei der Mutter im Heim seien und so einen großen Teil der Pflege selbst übernehmen. Und sie beklagt – auch gegenüber der Krankenkasse und dem Staatsministerium für Gesundheit – dass die Pflegekräfte beispielsweise so gut wie keine Hilfe leisteten, damit sich die 92-Jährige mehr bewegen kann.

Das Heim widerspricht: „Die Bewohnerin erhält im Rahmen der genehmigten Pflegestufe alle Hilfen zur Mobilität, die ihrem Gesundheitszustand und ihren persönlichen Möglichkeiten entsprechen.“ Der Ombudsmann der Stadt Augsburg wurde eingeschalten, der eine Begutachtung anregte.

Der Frust bei Margarethe Bosch ist mittlerweile groß: „Meine Schwiegermutter braucht nicht mehr Pflege als vorher und es wird auch nicht mehr gepflegt als vorher – trotzdem sollen wir mehr zahlen.“ Dem Medizinischen Dienst, der die Höherstufung beschlosse hat, wirft Bosch vor, parteiisch zu sein. Die Pflege-TÜV-Angestellte, die ihre Mutter eingestuft habe, wohne laut Adressbuch sogar mit dem Heimleiter eines anderen Pflegeheims des Betreibers zusammen. Frau Bosch will weiterkämpfen – für eine gute Pflege, die wirklich das bietet, was bezahlt wird.

Tabelle: So schneiden Pflegeheime in Dachau ab

Die Tabelle zeigt die wichtigsten Kategorien für eine gute Pflege: „Schmerzversorgung“, „Medizinische Versorgung“, „Nahrungsversorgung“, „Wundbehandlung“ – und „Inkontinenzhilfe“. Wenn Pflegeheime hier Probleme haben, kann das ein Hinweis auf Mängel sein, das ergibt die Auswertung von correctiv.org (hier geht's zur Twitter-Seite und Facebook).

Potenzielle Bewohner sollten vorsichtig sein. Ein rotes Kästchen bedeutet, dass das jeweilige Heim bei der Bewertung durch den Pflege-TÜV in der jeweiligen Kategorie nicht die volle Punktzahl erreicht hat. Beispiel: Wenn „Wundbehandlung“ rot markiert ist, hat das entsprechende Heim nicht die volle Punktzahl erreicht. Beim Saul-Eisenberg-Seniorenheim in der Kaulbachstraße sind etwa alle Kategorien rot markiert – das heißt, es hat in allen Bereichen nicht die volle Punktzahl erreicht.

Zudem ermöglicht die Tabelle einen Preisvergleich bei vollstationären Pflegeplätzen, aufgeteilt nach Pflegestufen. Bei „Gesamtpreis Pflegestufe 1 (vollstationär)“ wird der Durchschnittspreis für einen Pflegeklasse-1-Patienten im entsprechenden Heim angezeigt. „Gesamtpreis Pflegestufe 2 (vollstationär)“ zeigt dann die Preise für Pflegeklasse-2-Patienten. Dasselbe gilt für Pflegeklasse 3.

Das Buch „Jeder pflegt allein“ gibt es hier zu bestellen.

Hier können Sie Teil 1 der Pflegeserie nachlesen: So gut sind die Münchner Pflegeheime wirklich.

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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