Vergleich der Einrichtungen in Ebersberg

Pflegeheime auf dem Prüfstand: "Es geht um sehr viel Geld"

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Viele Pfleger bemühen sich nach Kräften um die Heimbewohner – aber weil die Personaldecke zu dünn ist, bleibt oft zu wenig Zeit für menschliche Nähe.

München - Im vierten Teil unserer tz-Pflegeserie stellen wir heute den Vergleich der Ebersberger Pflegeheime vor. Und die tz zeigt, wie sich die Sicht auf den Pflegeberuf durch eigene Betroffenheit verändert:

Sabine D. arbeitet seit 1999 als Pflegerin, hat etliche Sozialstationen und Heime erlebt. Doch seit ihr 94-jähriger Vater Rudolf D. im Januar 2015 nach einem Sturz ins Heim musste, steht sie nun auf der anderen Seite – auf der der Angehörigen. Die tz sprach mit der Münchnerin, die aus Sorge, keinen Job mehr zu finden, anonym bleiben möchte.

Wie hat sich Ihre Sicht auf den Pflege-Alltag verändert?

Sabine D.: Ich war jeden Tag mehrere Stunden im Heim meines Vaters. Als mein Vater Schmerzen hatte und ich eine Pflegerin bat, ihm den total vergriesten Katheterschlauch zu spülen, verweigerte sie das, obwohl eine entsprechende Arztanweisung bestand! Sie sagte nur, es sei heute schon gespült worden … Selbst als mein Vater eine Fimose und Blasensteine hatte, wurden seine Schmerzen einfach ignoriert. Erst auf mein Drängen hin kam er ins Krankenhaus – dabei war es höchste Zeit, er musste operiert werden.

War es irgendwo, wo Sie gearbeitet haben, besser als in dem Heim, in dem Ihr Vater jetzt ist?

Sabine D.: Es ist ein ganz durchschnittliches Heim, die Pfleger bemühen sich. Aber sie schreiben Dinge ins Pflegeprotokoll, die sie gar nicht gemacht haben – sie schaffen es gar nicht anders, weil die Personaldecke, wie fast überall, zu dünn ist. Die Pfleger haben nicht die Zeit, sich wirklich um die Menschen zu kümmern. Viele Angehörige wollen gar nicht so genau wissen, wie gut die Pflege wirklich ist – aus schlechtem Gewissen heraus. Sauber, satt … und allein, das ist der Alltag der Pflege in Deutschland.

Sie haben den Pflegern ja auch Arbeit abgenommen, Ihren Vater selbst versorgt. Wie fanden die Pfleger das?

Sabine D.: Mir war es ganz wichtig, deutlich zu machen, dass ich keinesfalls gegen sie arbeiten will. Ich habe das Personal unterstützt, wo ich konnte. Als ich das Pflegegutachten gelesen habe, mit dem mein Vater von Pflegestufe 2 auf 3 hochgestuft wurde, war ich entsetzt: Da waren Dinge aufgeführt, die die Pfleger definitiv nicht gemacht haben, weil mein Vater dazu gar nicht mehr in der Lage ist. Deshalb werde ich jetzt erst einmal das Gespräch mit der Pflegedienst- und Stationsleitung suchen.

Sie waren auch bei der Begutachtung ihres Vaters durch den Medizinischen Dienst dabei. Wie reagierte die Stationsleiterin da?

Sabine D.: Sie schaute mich ganz entgeistert an, als ich auftauchte. Es hat der Stationsleiterin offensichtlich nicht gepasst. Sie hat behauptet, mein Vater brauche eine halbe Stunde fürs Essen – ich widersprach, weil er maximal eine Viertelstunde braucht. Das generelle Problem ist: Die Begutachter vom Medizinischen Dienst glauben das, was die Stationsleitung behauptet. Sie überprüfen es ja nicht selbst, können das gar nicht überprüfen.

Was müsste sich ändern, damit Sie in Ihrem Beruf wieder mit gutem Gewissen arbeiten können?

Sabine D.: Die Heimbewohner bekommen für das viele Geld, das sie bezahlen müssen, einfach keine adäquate Leistung. Und manche Führungskräfte gehen mit dem Personal, das für sie das Geld verdient, nicht gut um! Hauptsache, die Pfleger denken nicht mit und sagen zu allem Ja und Amen. Mobbing ist ein Riesenproblem in der Pflege. und es wird von manchen Führungskräften toleriert und teilweise sogar gefördert. Es geht viel zu sehr nur ums Geld, nicht um die Menschen. Jeder will an den alten Menschen verdienen.

Interview: Klaus Rimpel

Alle Daten & Zahlen über Pflegeheime in Ebersberg – und in welchen Kategorien sie die Anforderungen erfüllen

Die Tabelle zeigt die wichtigsten Kategorien für eine gute Pflege: Schmerzversorgung, medizinische Versorgung, Nahrungsversorgung, Wundbehandlung – und Inkontinenzhilfe. Wenn Pflegeheime hier Probleme haben, kann das ein Hinweis auf Mängel sein. Ein rotes Kästchen bedeutet, dass das jeweilige Heim bei der Bewertung durch den Pflege-TÜV in der jeweiligen Kategorie nicht die volle Punktzahl erreicht hat. Beispiel: Wenn „Wundbehandlung“ rot markiert ist, hat das entsprechende Heim nicht die volle Punktzahl erreicht.

Zudem ermöglicht die Tabelle einen Preisvergleich bei vollstationären Pflegeplätzen, aufgeteilt nach Pflegestufen. Wichtig: Die Preisangaben sind Durchschnittspreise ohne Investitionskosten und ohne Ausbildungsabgabe, da die Investitionskosten nicht bei allen Heimen für alle Bewohner gleich sind.

Der Stand der Preisangaben ist der 7. April 2016. Die Daten hat das Recherchezentrum correctiv.org zusammengetragen. Die Auswertung aller deutschen Pflegeheime findet sich unter www.correctiv.org/pflege. Mitte Juni erscheinen die correctiv-Recherchen in Buchform: Jeder pflegt allein (20 Euro), zu bestellen unter shop.correctiv.org. Hier geht's zu den Auftritten von correctiv.org bei Twitter und Facebook)

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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